Ein erfahrener, umgänglicher Politiker mit junger Frau und Kleinkind wird ins Berliner Schloss Bellevue einziehen und als Staatsoberhaupt die Bundesrepublik repräsentieren. Die Koalition unter Angela Merkel hat ihren Kandidaten Christian Wulff am Mittwoch durchgesetzt. Die absolute Mehrheit der Stimmen bekam er erst im dritten Wahlgang, als die relative genügte und es auf jede Stimme ankam. «Gott schütze Deutschland», beschloss der CDU-Mann seine Antrittsrede in der Bundesversammlung.
Dass der von Rot-Grün portierte Pfarrer und Bürgerrechtler Joachim Gauck im Wettbewerb derart aufkam, ist bemerkenswert. «Das Volk» hätte ihn gewählt, hiess es. Sein Lebenslauf mit einer Kindheit ohne Vater bewegt; aus dem Entschluss, in der DDR Theologie zu studieren und im atheistischen Gegenwind als Pfarrer zu arbeiten, sprechen Geradlinigkeit und Mut. Ein überlegtes und entschlossenes Engagement für Freiheit und Demokratie verhalfen ihm zum Ansehen, aus dem die beiden Parteien nun Profit zu schlagen suchten.
Angesichts der Politikverdrossenheit, die im hochgebauten Versorgungsstaat um sich greift, fürchten Politiker zu Recht um die deutsche Demokratie. Da kommt Gauck als Lichtgestalt daher, unverbraucht und durch seinen Einsatz für die Bürgerrechte geadelt. Er versteht es, politische Grundanliegen abgesetzt vom unwürdigen, destruktiven Berliner Tagesgezänk (das Horst Köhler zum abrupten Rücktritt veranlasste) zu vertreten.
Im Juni 2010 wurde mit Gauck deutlich: Der Glaube an Christus, den Retter, Befreier und Versöhner, gibt Festigkeit und Gelassenheit für hohe Aufgaben. Wenn sie mit diesen Qualitäten überlegt und menschenfreundlich in der Öffentlichkeit wirken, sind Christen gefragt.
Rot-Grün portierte einen Pfarrer: War es vor allem kaltes Macht-Kalkül - die Koalition schwächen - oder auch ein Eingeständnis, dass es für glaubwürdige Politik im säkularen Raum ein Glaubensrückgrat braucht?
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