Kommentar

Missbrauchsskandal ... und kein Ende

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«Weltfremd und selbstgerecht»: der Vatikan.
Die katholische Kirche steckt in einer Krise, die zutiefst erschüttert. Man spricht von einem Supergau. Es kommt das Bild vom Tsunami in den Sinn, der nicht nur die Kirche überschwemmt, sondern manches auch wegschwemmen kann.

Die Fakten liegen auf dem Tisch. Die Tragweite ist noch nicht einzuschätzen. Es ist indessen keine Krise, die nur mit binnenkirchlichen Spannungen wie zum Beispiel zwischen konservativen und progressiven Lagern in der Kirche zu tun hätte. Vielmehr ist die Glaubwürdigkeit der römisch-katholischen Kirche mit ihrem hohen moralischen Anspruch verloren gegangen.

Die Kirche kann nicht dauernd die ethischen Höchstpreise an die Welt verkünden, ohne diese Grundsätze in ihrem eigenen Bereich selber anzuwenden und zum Massstab für die eigene Praxis zu machen. Sonst wird bis zu einem gewissen Grad erklärbar, warum die mediale Öffentlichkeit zum Teil hämisch und sensationslüstern reagiert.

Zum Glück haben einzelne Bischöfe und Äbte erstaunlich offen und verantwortlich gehandelt, indem sie das unheimliche Schweigen durchbrochen und für die Opfer endlich die gebotene Aufmerksamkeit aufbrachten. Gleichwohl zeigt sich das organisatorische System der römisch-katholischen Weltkirche in der Igelstellung. Wenn zum Bespiel Kardinal Sodano am Schluss des päpstlichen Ostergottesdienstes vom «Geschwätz gegen den Papst» spricht, dann ist man zutiefst peinlich berührt, wie weltfremd und selbstgerecht sich das hierarchische System vor der Wirklichkeit mit all ihren Realitäten abschirmt. Oder spürt eine verängstigte Männer-Riege, dass diese Erschütterungen nun wirklich an den Grundfesten der Innenarchitektur unserer Kirche rühren?

Die Kirche ist nicht nur das Opfer einer vermeintlich feindlichen Welt, sondern ausserdem Opfer ihrer selbst. Die innere Statik des hierarchischen Systems ist bedroht. Das zentralistisch übersteuerte und erstarrte patriarchale System der kanonischen Kirche muss zur Dynamik der theologisch möglichen und seelsorglich nötigen Reformen zurückfinden. Daran glauben viele nicht mehr. Das gelingt auch nicht, wenn das System mit all den bekannten heissen Eisen immer gesundgebetet wird, sondern nur wenn es zu einer spirituellen Erneuerung kommt und der Mut zu konkreten Reformschritten gewagt wird.

Leo Karrer ist emeritierter Professor für Pastoraltheologie an der Universität Freiburg. Von 1993 bis 2001 war er Vorsitzender der Konferenz der deutschsprachigen Pastoraltheologen und Pastoraltheologinnen und von 2001 bis 2004 Präsident der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie. Er ist zudem einer der Initianten der Tagsatzung im Bistum Basel.

Link zum Thema:
Der ausführliche Kommentar von Leo Karrer

Autor: Leo Karrer

Datum: 12.04.2010
Quelle: Kipa

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