Das Bundesrats-Horoskop

War's nur ein Gag? Am 10. Dezember veröffentlichte die Zeitung Blick ein Bundesrats-Horoskop. Verraten wie sie denn gewählt haben wurde aber nirgends. Zudem wurde bei sämtlichen Vorhersagen eine Hintertüre in der Grösse des Haupteingangs offen gelassen. Die publizierten Charakteristika kennen wir längst. Sind wir am Ende schlauer als zuvor? Daniel Gerber war es nicht. Das motivierte ihn zu einem Leserbrief.

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Lieber Herr Rutkowsky,
Lieber Blick

Aufschlussreich war sie, Ihre Geschichte «Die Sterne haben schon gewählt». Was da nicht alles über die alten und neuen Bundes-Stars zu erfahren war. Aber entschlussfreudig waren die Glitzerdinger aus dem Universum nicht: Über Ruth Metzler beispielsweise hätte einen «belastenden Wahlkampf» vor sich – wie treffend analysiert. Nur wissen wir das eigentlich schon seit dem 20. Oktober. Immerhin hat der Sternenrat gut gepokert: Verliert Ruth II nämlich die Wahl, dann hat das Blick-Rutkowsky richtig vorhergesehen. Wer wollte bezweifeln, dass eine Abwahl nicht etwas Belastendes ist ...! Gewinnt Bundes-Ruth hingegen die Wahl, dann wohl erst in einem zweiten, dritten oder noch späteren Wahlgang. Auch diese "Belastung" war also absehbar. Gratuliere zu dieser Prognose! Wieder richtig, so oder so.

Metzlers Zukunft befinde sich im Umbruch, erfährt der geneigte Leser weiter. Richtig: Das Bundespräsidium wäre etwas völlig Neues. Das Leben als Alt-Bundesrätin aber auch. Wieder ein Volltreffer. Auch bei Skorpion Hans-Rudolf Merz bestechen die Sterne mit labornadelspitzer Analyse: «Seine Wahlchancen sind zwar sehr gut in seinem kollektiven Horoskop, doch Neptun wirkt im individuellen Teil als ein unkalkulierbarer Wahlfaktor mit.» Wieder keine Möglichkeit einer Schlappe für die wirklich cleveren Sterne: Wird Merz gewählt, haben’s die ausserirdischen Stein-Gas-Eis-Klumpen vorhergesehen. Wird Merz nicht gewählt, haben die Sterne auch dies in weiser Voraussicht bereits vorzeitig mitgeteilt, denn da war doch 'was mit einem «individuellen Teil als unkalkulierbarem Wahlfaktor» ...

Prinzessin sein, das genügt Ruth Genner nicht. Gerne wäre sie Ruth III. geworden. Wurde sie aber nicht. Vielleicht macht sie bald etwas anderes, mutmassen die Gestirne. Kunst könnte ein Metier sein, versichern uns die Himmelskörper. «Ist Politik für sie nur ein Nebenschauplatz?» fragen Sie im Blick. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Gute Frage. Stellen wir sie den Sternen. – Aha, das war bereits deren Antwort!?

Besonders weit aus dem Fenster des Himmelszelts lehnten sich die Sterne bei der Einschätzung von Micheline Calmy-Rey. Neben der Beschreibung ihrer Person, die wir eigentlich aus irdischer Perspektive längst kennen, erfahren wir, dass ihr «hohes Ansehen ... 2004 beschädigt werden könnte». Könnte. Vielleicht wird es das auch nicht. Vielleicht steigt es 2004 sogar noch höher. Die Sterne hätten also nicht gelogen. "Könnte", das heisst ja, dass es auch anders kommen könnte, als es auch hätte kommen können.

Ob Deiss im Eifer des Gefechtes bei der Wahl vielleicht übersehen wird, werweist Rutkowsky. Und schiebt gleich selber die Vermutung nach: «Wohl kaum.» Gratuliere. Wieder richtig.

Besonders Frohe Kunde haben die Sterne für Blocher parat: «Seine Chancen stehen beinahe zu gut und nehmen in den folgenden drei Jahren noch zu.» Sagen sie damit sein Bundespräsidium voraus? Doch dann, exakt einen Satz weiter, fällt der Blocher-Wahlindex bereits: «Seine Wahlchancen sind intakt, was mancher nicht wahrhaben will. Die Frage ist, ob es Kandidaten gibt, die noch bessere Horoskop-Konstellationen aufweisen. Der Unterschied zwischen Erfolg und Niederlage ist manchmal minim.» Da führen Sie uns nun aber bereits in die hohe Politik ein! Nebenbei: Ob es noch andere Kandidaten mit besseren Chancen gibt, fragen Sie. Warum haben Sie diese denn nicht einfach beantwortet? Ist der klare Blick der Sterne durch Wolken des Unvorhersehbaren getrübt worden? Aber, aber ... Und was war mit unserem irdischen Blick? Auf den Seiten 1, 2 und 3 hätte ich konkretere Antworten erwartet. Doch anscheinend wollten die Sterne uns nicht mehr aufköcheln als die altbekannte Weisheit, dass es „so oder auch so“ kommen kann.

Interessant war dann ein Detail am tatsächlichen Lauf der Dinge: Christoph Blocher berief sich nach seiner Wahl auf Gottes Hilfe. Könnten wir das nicht auch schon vor der Wahl tun? Warum wenden wir uns nicht häufiger direkt an den Schöpfer, statt uns durch die von ihm kreierten Himmelskörper abspeisen zu lassen?

Datum: 12.12.2003

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