Spiritualität: Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg

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Warum boomt Spiritualität - nicht aber Kirche?
Es sind drei Hauptmerkmale, die erfolgreiche Spiritualität kennzeichnen, meint der Schweizer Theologe und Religionswissenschaftler Georg Otto Schmid. Es sind dies Erlebnisorientierung, das Versprechen konkreten Nutzens und eine hohe soziale Glaubwürdigkeit. Und: Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg. Das wissen boomende spirituelle Gruppen nur zu gut.

"Es gibt ein neues Interesse am Religiösen", titelte kürzlich das deutsche Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" (Hamburg). Die Sinnsucher unserer Zeit gelangen mit ihren Fragen freilich immer seltener an die traditionellen Kirchen.

So messen 57 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer einer repräsentativen Umfrage der Zeitschrift "Beobachter" (Zürich) zufolge,dem Glauben an Gott eine wichtige Bedeutung für ihr persönliches Leben zu. Jedoch haben 61 Prozent der Befragten nur "sehr wenig" Vertrauen in die Kirche und ihre Repräsentanten wie Pfarrer, Priester oder Bischöfe.

Massive Entchristlichung im Westen

Immer weniger Menschen besuchen die christlichen Gottesdienste in der Schweiz. Dass Kirchenbauten für andere Zwecke gebraucht oder ganz geschlossen und verkauft werden, scheint je länger je mehr normal. "Wir leben in einer Zeit massiver Entchristlichung in den westlichen Gesellschaften", sagt Georg Otto Schmid. "Bis vor kurzem war derjenige, der mit dem Strom schwimmen will, in einer Kirche dabei - inzwischen ist er ausgetreten. Brauchte es früher Mut für den Austritt, braucht es heute Mut, dabei zu bleiben."

Religiöses Interesse vorhanden

Dennoch gibt es in den säkularen Gesellschaften ein gewaltiges Interesse an Spiritualität. Beispiel Buchmarkt: Von zwanzig Positionen der "Spiegel"-Bestsellerliste, gehören derzeit acht (religiösen) Sinnsuchern. Seit vielen Monaten unangefochten auf Platz 1 liegt Hape Kerkeling mit seinem Werk "Ich bin dann mal weg". Dabei handelt es sich um tagebuchartige Notizen während einer Pilgerreise.

Das Buch ist mitverantwortlich, dass derzeit ein wahrer Ansturm von Pilgern den Jakobsweg Richtung Santiago de Compostela entlang marschieren - so viele Menschen wie nie zuvor in der Geschichte. Laut "National Geographic Deutschland" buchen weltweit jedes Jahr 300 Millionen Menschen ihre Ferienreise aufgrund von religiösen Motiven.

Nicht nur spirituelle Literatur oder Reisen liegen im Trend, auch boomen so manche Esoterikkreise, Psychozirkel oder Sekten mit einem schier unendlichen Angebot von Kursen und Seminaren.

Warum boomt Spiritualität - nicht aber Kirche? Sektenexperte Schmid: "Was man hat, ist uninteressant. Spannend ist das Neue."

Das Geheimnis erfolgreicher Spiritualität

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Georg Otto Schmid.
Wo charismatische Gemeinschaften erfolgreich sind, wird ein erfahrbarer Glauben geboten, der Erlebnisse der Nähe Gottes und des Aufgehobenseins in der Gemeinschaft schenkt. So kann man in esoterischen Workshops die Existenz höherer Welten erahnen und seiner eigenen ewigen Bedeutung nachgehen. Auf Interesse stossen heute insbesondere Strömungen, die zur individuellen Gestaltung der spirituellen Praxis motivieren.

Ebenso sind Gemeinschaften im Trend, die das Göttliche persönlich erlebbar machen. Schmid: "Mit einer Energie, einem Kraftfeld kann ich keinen Dialog haben, mit meinem Schutzengel aber sehr wohl."

Was bringt mir das?

Die Erlebnisorientierung ist aber nur ein Faktor. Erfolgreiche Spiritualität muss auch auf die Frage Antwort geben können, die viele moderne Menschen stellen: "Was bringt mir das?" Der Nutzfaktor ist bei der Entscheidung für ein spirituelles Angebot in den letzten Jahren immer wichtiger geworden. Demgemäss versprechen Psychogruppen, esoterische Angebote und charismatische Gemeinschaften einen konkreten Nutzen im Hier und Jetzt. "Psychogruppen wollen mich fürs Berufsleben fitter machen und finden Zuspruch bei Menschen, die sich ein Mehr an Erfolg wünschen", so Experte Schmid. Esoterische und schamanistische Gruppen werden vielfach "wegen ihrer Heilrituale" aufgesucht, und auch zahlreiche charismatische Gemeinschaften werben mit Heilungsgottesdiensten und sogenannten "Healing Rooms".

Glaubwürdigkeit ist entscheidendes Kriterium

Glaubwürdigkeit ist das A und O jeder erfolgreichen Spiritualität. "Wenn ich authentisch wirke, kann ich auch mit Lehren der von aussen besehen eher abstruseren Art durchaus erfolgreich sein. Kauft man mir hingegen nichts ab, bleibe ich auf der besten Theologie sitzen."

Verliert eine Gemeinschaft ihre Glaubwürdigkeit, dann wird es schwierig. Leider hat das Christentum insgesamt in westlichen Kontext an Glaubwürdigkeit eingebüsst. Dies hat auch mit der unterschiedlichen Bekanntheit der verschiedenen Religionen zu tun.

So werden zum Beispiel die blutigen Epochen des Papsttums in unserem Geschichtsunterricht behandelt, die mindestens ebenso blutigen Epochen der Geschichte der Dalai Lamas aber nicht. Dass christliche Kleriker oft unzulänglich ihrer eigenen Botschaft nachleben, ist uns hochpräsent - nicht aber, dass sich dies bei buddhistischen Exponenten genauso verhält.

Christentum wenig im Trend

Das Christentum liegt bei Sinnsuchern unserer Zeit wenig im Trend - sogar die vermeintlich wachsenden US-amerikanischen Fundamentalisten nehmen in Tat und Wahrheit ab. Die scheinbar boomenden Freikirchen in den Städten Zürich, Bern und Basel schrumpfen in Wirklichkeit genauso wie die Landeskirchen.

"Wo einzelne Trend-Freikirchen wachsen, tun sie dies auf Kosten anderer Freikirchen, die kleiner werden", sagt Schmid. Wer Gottesdienste angeblicher "Trendgemeinden" besucht, der merkt dort die Ratlosigkeit: Man tut alles, um die Botschaft für den Geschmack moderner Menschen appetitlich zuzubereiten, und doch wird diese weitestgehend verschmäht.

Auch wenn es stets neu ein Anliegen sein muss, die christliche Botschaft in die Ausdrucksformen der Zeit zu übersetzen, so gilt letztlich doch: gegen Trends kann man nicht ankämpfen, man kann sie nur durchstehen. Georg Otto Schmid: "Das Christentum wird darob nicht untergehen. Gerade in Zeiten und an Orten, wo das Christentum klein war, hat es besondere Dynamik entwickeln können."

Datum: 22.04.2008
Quelle: Kipa

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