Kommentar

Immer weniger religiös?

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«Langfristig wird die Religiosität höchstwahrscheinlich abnehmen», schreibt der Tagi-Weltanschauungsblogger Hugo Stamm. Dies obwohl «die Bedürfnisse nach religiösen oder spirituellen Betätigungen und Lebenszielen recht konstant» seien. Doch mit der Weitergabe von Glaubensinhalten hapere es, schreibt Stamm: «Junge Leute, die nicht mehr in Familien aufwachsen, in denen religiöse Werte vermittelt und Rituale gepflegt werden, entfremden sich rasch. Vor allem für die christlichen Glaubensgemeinschaften ist dies keine erfreuliche Perspektive.»
Tatsächlich werden die Familien rar, in denen vor den Mahlzeiten oder beim Zubettgehen gebetet wird. Welche Familien nehmen am Tisch Zeit für eine Besinnung über eine Geschichte oder Gestalt der Bibel oder ein Wort von Jesus? Der Alltag stresst, Sportclubs fordern mehrere Trainings, die Aufgaben sind noch nicht gemacht… An die Stelle der Familienbibel ist der Fernseher getreten – er gibt zu reden.

Wie viele Gründe es dafür geben mag, dass Eltern ihren Kindern weder christliche Werte noch Rituale noch Glaubensinhalte weitergeben – der Hauptgrund sind ihre eigene Unsicherheit und Unglaube. Was kann man noch glauben, wenn doch – wie mit anhaltendem Getöse behauptet – «Evolution» die biblische Weltsicht erledigt hat? Wie kann man noch Christ sein, wenn Christen in der Vergangenheit so viel Gewalt geübt haben? (Hugo Stamm und andere werden nicht müde, die negativen Seiten von Kirche hervorzukehren.) Ist Glaube mehr als ein tief innerliches Bewusstsein, dass Gott es gut mit mir meint? So wird, was an Glauben vielleicht noch vorhanden ist, kaum mehr geäussert und noch weniger vermittelt.

Die reformierten Kirchen haben versagt, insofern sie dem Trend nicht die Freude am Evangelium und an der Gemeinschaft, die es stiftet, entgegengesetzt haben. Die Kirchgemeinde Frauenfeld packt dieses Defizit an, wenn sie Mütter der Zweitklässler für abwechslungsreiche Unterrichtsstunden zu Hause engagiert. Es geht tatsächlich darum, die Eltern in den Stand zu setzen, Glauben weiterzugeben. Sie müssen herausgefordert werden, sich über ihre Religiosität klar zu werden.

Frauenfelder Projekt «Schatzchischte»

Etwas geben Eltern immer weiter – wenn nicht Glauben, dann Halb- oder Unglauben. Die verbreitete Untätigkeit kleidet sich in ein scheinbar tolerantes Mäntelchen: Man wolle dem Kind die Wahl überlassen. Seien wir ehrlich: Die Idee, das Kind solle sich aus den Häppchen religiöser «Bildung», die es hier und dort aufschnappt, eine eigene Meinung beziehungsweise einen Glauben bilden, überfordert wohl neunzehn von zwanzig Minderjährigen.

Da ist es gut zu wissen, dass Gott durch seinen Heiligen Geist in Kinderherzen, im Kopf junger Leute und auch Erwachsener Sehnsucht nach Wahrheit weckt, Antworten gibt, in dunklen Zeiten Trost spendet und Neues schafft, wenn Vertrautes zerfällt. Gott schafft auch Glauben. An der Kirche ist es, damit zu rechnen und Eltern Mut zu machen, selbst Glauben wieder zu entdecken und ihn auch fröhlich zu vermitteln.
 


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