«Religiöse Themen sind in der Schweiz stark schambesetzt»

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Hofft auf einen Kulturwandel: Prof. Ralph Kunz in seinem Büro
In unserer Kultur ist ein religiöses Bekenntnis wie eine Entblössung. Dies stellt der Zürcher Theologieprofessor Ralph Kunz fest. In einer orientierungslosen Welt aber werde das klare Bekenntnis immer wichtiger. Nötig sei ein kulturelles Klima, in dem das Bekennen wieder erwünscht ist.

«Spektrum»: Wann haben Sie das letzte Gottesbekenntnis eines Schweizer Politikers gehört?
Ralph Kunz: Es war in der «NZZ am Sonntag», wenns mir recht ist. Da hat sich Bundesrat Pascal Couchepin kurz vor seinem Abgang in einem Interview ganz klar zu seinem Glauben an Gott geäussert. Das ist mir positiv aufgefallen.

Warum spricht man in der Arbeitspause vom Fussball und von Ferienabenteuern, aber kaum vom persönlichen Glauben an Gott?
Religiöse Themen sind bei uns stark schambesetzt. Der Glaube gehört in den Intimbereich. Religion gilt als persönliche Angelegenheit. Darum ist es schon fast peinlich, öffentlich darüber zu reden. In unserer Kultur ist ein religiöses Bekenntnis so etwas wie eine Entblössung.

Seit wann ist das wohl so?
Da muss man geschichtlich in die vormoderne Zeit zurückblicken. Für den Rückzug des Religiösen ins Intime spielen viele Faktoren mit. Ein erster Faktor ist, dass der rationale Diskurs in unserer Kultur mehr zählt als der irrationale. Dann kann man auch feststellen, dass der Säkularismus je länger desto mehr eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz bekommen hat. Das hat auch mit unserer Volkskirchlichkeit zu tun, die die religiöse Grundversorgung für den Notfall sicherstellt. So kommt es, dass in unserer Kultur Religion etwas Hintergründiges ist und für manche auch etwas Abgründiges hat.

In der reformierten Landeskirche wird vermehrt über ein neues Bekenntnis diskutiert. Wann wird es konkret?
Typisch helvetisch: Es ist von Kanton zu Kanton verschieden. Das Bekenntnisprojekt ist angerollt. Der Evangelische Kirchenbund hat von den Kantonalkirchen den Auftrag, das Projekt zu lancieren und zu koordinieren. Dazu gehört eine Vernehmlassung. Sie ist wohl geplant, aber irgendwo in Bern stecken geblieben. Eben typisch helvetisch. Doch die Kantone können auch eigene Wege gehen. Der Kanton Zürich ist schon recht weit, der Thurgau und Baselland sind auch dran.

Warum gibt die Frage des Bekenntnisses heute mehr zu reden?
Ich glaube, es gibt ein wachsendes Bewusstsein und ein Unwohlsein der eigenen Orientierungslosigkeit. Das äussert sich paradoxerweise darin, dass sich heute zu viele Leute bekennen. Wir haben nicht zu wenige, sondern zu viele Bekenntnisse. Das geht von aggressiven Atheisten bis zu fundamentalistischen Moslems. Alle bekennen munter drauf los. Dadurch wird die Orientierung noch weiter erschwert. So fragt sich der ratlose Bürger am Schluss: Was gilt jetzt? Und selbst stiernackige Wald- und Sonnenanbeter, die nie eine Kirche von innen sehen, fragen: Ist denn die Schweiz noch ein christliches Land? Darum kommt nun bei vielen Menschen der Wunsch auf, die Kirche sollte mehr Farbe bekennen.

Ist die Schweiz denn noch ein christliches Land?
Sie ist es in dem Sinne, als sie sich von ihrer Geschichte her und in ihrem Selbstverständnis als offener und demokratischer Staat zu Werten bekennt, die sich aus der biblischen Überlieferung ableiten lassen. Daran erinnert das Kreuz im Wappen und der Name der Eidgenossenschaft. Die Schweiz ist dann kein christliches Land mehr, wenn diese Werte missachtet werden. Wie gehen wir mit Menschen um, die Schuld auf sich geladen haben? Wie behandeln wir Flüchtlinge? Wie wichtig ist uns das Geld?

Was ist für Sie ein kirchliches Bekenntnis?
Ich denke an verschiedene Typen von Bekenntnissen. Einerseits das gottesdiensttaugliche Credo. Ein typisches Beispiel ist das Apostolikum. Dann der diskursfähige Katechismus - typisches Beispiel der Heidelberger Katechismus. Schliesslich die Lehrbekenntnisse, zum Beispiel das helvetische Bekenntnis. Es sind unterschiedliche Typen mit den unterschiedlichsten Aufgaben. Kirchlich ist alles. Ziel ist es, dass sich die Kirche selber so etwas wie ein Buch mit den prägendsten Bekenntnissen schenkt. Abgeschaut wurde das bei den amerikanischen Reformierten, den Presbyterianern, die sich in den 90er-Jahren ein «Book of confessions» gegeben haben.

Wem dient das Bekenntnis?
Die Gläubigen bekennen sich zu Gott vor Gott. Man bekennt sich vor Menschen zu Gott und macht sich damit auch ein Stück weit verletzlich. Man bekennt sich in einem solidarischen Akt zu einer Gemeinschaft. Das Bekenntnis dient aber auch dem eigenen Glaubenswachstum. Es ist ein Sprechen, das den eigenen Glauben stärkt. Ein Zeugnis ablegen kann dann übergehen in die Verkündigung.

Wie kann man dieses Bekennen üben?
Das ist immer möglich. Es gibt so etwas wie ein aszetisches Moment. Bekennen hat etwas mit unserer Spiritualität zu tun. Wir lernen ja auch singen, predigen, beten. Das gehört zum gestalteten Glaubensleben. Und das pädagogische Moment: Bekennen soll auch Ziel des religiösen Unterrichtens und der Erwachsenenbildung sein.

Das Bekennen wird oft gleichgesetzt mit dem verpönten Missionieren. Wo kann es problematisch werden?
Das Missionieren an sich ist nicht problematisch. Problematisch finde ich eine Haltung, bei der Christen jede Gelegenheit nutzen, um ihren Glauben in stereotypen Formen an den Mann und die Frau zu bringen. Das stösst mehr Leute vor den Kopf, als dass es Leute hinter dem Ofen hervorlockt. Das weckt Aggressionen. Das Bekennen wie das Missionieren muss am richtigen Ort mit den richten Worten geschehen. Oder mit einer biblischen Weisheit gesagt: Es gibt eine Zeit, missionarisch zu bekennen, und es gibt eine Zeit, missionarisch zu schweigen.

Muss die Kirche eine missionarische Kirche sein, wenn sie ihren Kernauftrag wahrnehmen will?
Da kann ich nur Pfarrer Alfred Aeppli zitieren, der hier im Interview vor drei Wochen sagte: «Evangelisch evangelisieren und im Alltag missionieren gehören zu den Kernaufgaben der Gemeinden.» Er brachte es genau auf den Punkt.

Zur Person
Ralph Kunz ist 45-jährig, verheiratet und Vater von zwei Mädchen. Er wohnt in Winterthur-Veltheim. Er war reformierter Pfarrer in Seuzach bei Bern und ist seit 2004 ordentlicher Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich. Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind Gottesdienst und Seelsorge.

Datum: 17.05.2010
Autor: Andrea Vonlanthen
Quelle: ideaSpektrum Schweiz

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