Moslems erfreuen Christen: Die albanische Kinder-Trachtentanzgruppe auf der Bühne der «Chile Grüze» in Winterthur.
Die Minarett-Abstimmung vom letzten November hat freikirchliche Gemeinden stark bewegt. Dies gilt besonders für Gemeinden in Quartieren mit grosser muslimischer Präsenz.
So grenzt die Winterthurer «Chile Grüze» an eine Moschee mit Minarett an. Pastor Christoph Candrian berichtet, wie seine zu Chrischona gehörende Gemeinde mit dieser Situation umgeht.
«ideaSpektrum»: Wie haben Sie in der «Chile Grüze» die Minarett-Abstimmung erlebt? Christoph Candrian: Unser Umgang mit der Abstimmung hatte viel mit der jüngeren Geschichte unserer Gemeinde zu tun. Seit 2008 steht unser neues Gemeindezentrum am Rand des Industriegebietes «Grüze». Gleich daneben steht die Moschee des albanischen Vereins. Es ist eines der vier Gebäude in der Schweiz mit Minarett.
Wie reagiert Ihre Gemeinde auf diese Nachbarschaft? In der Gemeinde haben wir nach dem Bezug des Neubaus eine «Interkulturelle Kontaktgruppe» aufgebaut. Dieses Team plant Begegnungen und bietet Kurse über den Islam an. Wir haben auch den Kontakt mit der Leitung der Moschee gesucht. Sie war sofort bereit, einen gutnachbarschaftlichen Kontakt mit uns zu pflegen. Daraus sind mittlerweile unkomplizierte Freundschaften entstanden.
Wie soll man sich diese Freundschaften vorstellen? Ich habe selber einen guten Kontakt mit dem Sekretär des albanischen Vereins, der in meinem Alter ist und gut deutsch spricht. Wir treffen uns etwa alle zwei Monate zum Kaffee und sprechen über Gott und die Welt.
Da unser zukünftiger Jugendarbeiter eine offene Jugendarbeit im Grüze-Quartier eröffnen möchte, hat uns der Sekretär zugesichert, uns beim Aufbau von Kontakten zu den albanischen Familien zu helfen. Auch die Mitglieder unserer Kontaktgruppe pflegen Beziehungen und Freundschaften zu den muslimischen Nachbarn. Andere unterhalten solche Kontakte am Arbeitsplatz.
Was bewegt den Sekretär der Moschee dazu, Ihre Jugendarbeit zu unterstützen? Er sieht, dass viele albanische Jugendliche ein Integrationsproblem haben und somit ein schlechtes Licht auf seine Bevölkerungsgruppe werfen. Für ihn ist alles o.k., was dazu beiträgt, diesen Jugendlichen etwas Sinnvolles anzubieten. Wir können mit dem Projekt ein Brückenbauer für sie zur Schweizer Kultur sein, und sie können uns Brücken zur albanischen Kultur bauen.
Wie pflegt Ihre Gemeinde diese Freundschaft? Im März 2009 haben wir getan, was Nachbarn tun, um einander kennenzulernen. Man traf sich zu Kaffee und Kuchen. Rund 80 albanische Moslems kamen. Neben guten Tischgesprächen, Dessertbuffet und einem Infoblock über die «Chile Grüze» und die Moschee wurden kulturelle Darbietungen aus der Schweiz und dem Balkan geboten. So trat eine Kinder-Trachtentanzgruppe aus dem Kosovo auf.
Der Sekretär der Moschee schrieb uns einen Tag später: «Dieses Begegnungsfest hat uns sehr berührt - wir haben nur positive Echos von unseren Leuten erhalten.» Gott öffnet momentan viele Türen. Als wir im Quartier die Jungschararbeit mangels Interesse einstellen mussten, haben wir begonnen, viermal im Jahr ein «Kids Fäscht» aufzubauen. Etwa 90 Kinder nehmen jeweils daran teil, darunter 60 bis 70 Ausländerkinder. Das eröffnet auch den Kontakt zu den Eltern.
Fand in Ihrer Gemeinde trotzdem eine offene Diskussion über die Initiative statt? Wir haben nicht öffentlich über das Minarettverbot diskutiert, weil für die Gemeindeleitung eine Unterstützung der Initiative nicht in Frage kam. Das hätte die bestehenden Beziehungen gefährdet. Wir haben der Gemeinde aber unsere Haltung erklärt.
Natürlich gab und gibt es unterschiedliche Haltungen an der Basis. Wahrscheinlich haben auch etliche für die Initiative gestimmt. Aber viele hat doch unsere Gemeindevision überzeugt: «Mir wänd Gott und d Mänsche lieb ha.» Da sind Andersgläubige nicht ausgeschlossen.
Wie dialogfähig haben Sie Ihre Gemeindemitglieder in dieser Diskussion erlebt? Der Dialog fand in unserer Gemeinde nicht zuerst über die Muslime statt, sondern mit den Muslimen. Die «Interkulturelle Kontaktgruppe» sucht immer wieder nach Möglichkeiten der Begegnung und Hilfestellung. So haben wir unsere Nachbarn nach der Abstimmung gefragt, wie wir sie als Migranten in einem fremden Land unterstützen können.
Was ist daraus geworden? Hier ist die Idee der Zusammenarbeit für eine Jugendarbeit im Quartier entstanden. So können auch Familienangehörige erreicht werden. Generell sind Frauen und die ältere Generation schwierig zu erreichen. Wir haben auch schon unseren Saal für ein Familienfest von albanischen Nachbarn zur Verfügung gestellt. Nach reiflicher Überlegung haben wir uns dafür entschieden, uns nicht von Ängsten leiten zu lassen.
Hat Dialogfähigkeit mit Verkündigung und Theologie zu tun? Auf jeden Fall! Unser Glaubensverständnis, das wir auch predigen, ist nicht Abgrenzung oder Angst, sondern Liebe und Nähe zu den Menschen, die Jesus auch liebt. Das prägt und nimmt letztlich Argumente für liebloses, ausgrenzendes Handeln, ganz gemäss unserer Vision, auch wenn das besondere kulturelle Herausforderungen mit sich bringt.
«Lieber hier und da ausgenutzt werden, als gar nichts für diese Menschen tun», sagte der Amerikaner Shane Claiborne 2009 an unserer Mitarbeiterkonferenz auf St. Chrischona.
Wie unterscheidet sich Ihre Verkündigung von jener in eher traditionellen Gemeinden? Wir betonen im Gottesdienst die Gnade Gottes vor allem Leistungsdenken. Wenn man von der Gnade Gottes spricht, kann man gerade die benachteiligten Ausländer nicht ausklammern. Wir betonen die Wichtigkeit, Begegnungen zu schaffen. Sobald man sich an einen Tisch setzt, bekommt der Ausländer ein Gesicht.
Wir haben uns auch durch die Moschee führen lassen. Das alles kostet uns nichts und ist letztlich Einstellungssache. Wir stehen in diesem Begegnungsprozess aber noch ganz am Anfang und sind gespannt, wie uns Gott weiterführt.