Schauspielhaus Zürich

Vor dem Revisor

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Triumph des Filzes: Der Stadtpräsident, umgeben von Freunden, Frau und Tochter, umarmt den falschen Revisor (Matthias Bundschuh, mit Mähne).
Die Herren des Provinznests sind in Aufruhr. Ein Revisor aus der Hauptstadt ist angekündigt. Filz und Schlamperei kommen unter die gestrenge Lupe - was tun?

Revision ist angesagt, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, die Prüfung der ganzen Stadtverwaltung - ein Gleichnis für die Rechenschaft, die Menschen Gott für ihr Treiben geben werden. Der tiefreligiöse ukrainische Dichter Nikolaj Gogol führt die lächerlichen Verrenkungen der «Kleinstadtelite» in Erwartung des Prüfers vor. Sein Besuch ist nicht abzuwenden, incognito sei er in die Stadt gekommen, also muss man ihn um den Finger wickeln - wer aber ist «der Revisor»?

Das 1836 in Petersburg uraufgeführte Stück, eine der klassischen Komödien der Weltliteratur, spielt in der tiefen russischen Provinz. Der Bürgermeister hat die Rubel, die für den Bau der Kirche neben dem städtischen Heim überwiesen worden, abgezweigt. Der Polizist schlägt Schuldige wie Unschuldige grün und blau und ist in der Regel betrunken. Auch der Schulamtschef, der Richter und Gutsbesitzer sind mit dem Bürgermeister durch Bestechung und Begünstigung unlösbar verbandelt.

Der Gerissene und die Verblendeten

Angesichts eines (beim Kartenspiel verarmten) Beamten aus Petersburg, in dem sie den Revisor sehen, überbieten sie sich mit sklavischen Bücklingen und Speichelleckerei. Der mittellose Chlestakow macht sich an Gattin und Tochter des Bürgermeisters heran, lässt sich die Taschen füllen und besteigt schliesslich die Eilkutsche. Wie der wahre Revisor aus der Hauptstadt die Übertölpelten zur Rechenschaftsablegung aufbietet, erstarren sie, wie vom Donner gerührt.

«Hie hät jede Dräck am Stäcke»

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Rubel vom Staat – rollenweise: Die lässt sich der Hochstapler gern andrehen.
Das Regieteam des Zürcher Schauspielhauses um Sebastian Nübling hat das Stück ungehemmt aktualisiert, in hiesige Gefilde verlegt und den moralischen Sumpf mit zeitgemässen Lastern (Pädophilie) angereichert. Berndeutsch erweist sich als Idiom der Kraftausdrücke; Michael Neuenschwander flucht als windiger Stadtpräsident, was das Zeug hält. Von den Szenen werden viele ausgelassen und jene gespielt, die dem Effekt dienen; die feinen Pointen Gogols, der den Petersburgern mit dem Provinzschwank indirekt den Spiegel vorhielt, gehen unter in grotesker Überzeichnung, die die Zuschauer irgendwann gähnen lässt. Schade.

Täter und Revisor

Denn Revision ist in der Bankenstadt ein brennendes Thema (wie auch das Interview im Programmheft deutlich macht). UBS, USA, Finma: Dass von der Revision nicht Heil erwarten kann, wer Gier und Grössenwahn kultiviert, hat die Schweiz eben schmerzhaft erfahren. Offenbar traut man aber an der Pfauenbühne dem provinzlerischem Mikrokosmos Gogols als Spiegel für die aktuellen Monstrositäten nicht - doch die grobe Aktualisierung überzeugt noch weniger, so sehr sich die Schauspieler ins Zeug legen.

Im Zeitalter Madoffs

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Wahrheit hinter dem Vorhang: Der umschwärmte Gast und die Stadtelite.
Was kann denn Revision? «Die Revision schafft eine Kontrollillusion, indem sie den Menschen das Gefühl gibt, dass die Welt, in der sie leben, kontrollierbar ist», sagt der Fachmann im Programmheft. «Allein das Wissen um die Ankunft eines Revisors kann eine gewisse Selbstgerechtigkeit stören, aus Angst vor Entdeckung.» Dies tönt verniedlichend angesichts der gierigen Machenschaften von Finanzjongleuren. Ein kultivierter Anlege-Profi namens Madoff blendete seine Umgebung über Jahrzehnte...

Bis zum Jüngsten Tag

Das masslose Treiben verantwortungsloser Spekulanten nährt heute (noch mehr als Filz und Korruption) das Gefühl, die Welt sei aus den Fugen. Da genügt der Revisor nicht. Ohne himmlischen - unbestechlichen - Richter wird die säkulare Gesellschaft der Geister, die sie rief, nicht Herr werden. In Gogols Generation stand hinter dem Revisor die Autorität des Zaren, des Herrschers von Gottes Gnaden. Und heute?Nikolaj Gogol: Der Revisor
Letzte Vorstellung im Schauspielhaus Zürich: Mittwoch, 24. März, 20 Uhr
Weitere Infos

Quelle: Livenet / Fotos: ©Matthias Horn, Schauspielhaus Zürich

Datum: 16.03.2010

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