Im Kriegsgebiet der Ostukraine

Nothilfe, die ankommt

Die Ostukraine steht beim diesjährigen Fest von «Licht im Osten» (20. Oktober in Winterthur/ 21. Oktober in Bern) unter anderem im Fokus. Vlad und sein Team erleben als Partner des Werks die Not in der Kriegszone immer wieder hautnah. Sein Motto bei den gefährlichen Hilfseinsätzen: «Tue Gutes und verzage nicht!»
Eine Frau holt ihr Lebensmittelpaket von «Licht im Osten» ab.
Die Organisation bringt den Menschen Lebensmittel.
Warnschild vor Minen: «Danger mines!»
Vlad mit seiner Frau

Livenet: Vlad, du verteilst seit 2014 regelmässig mit «Licht im Osten» Lebensmittelpakete, Brot, Hygienepakete und Kleider in der Kriegszone. Wie bist du dazu gekommen?
Vlad: Alles fing 2014 mit dem Kriegsausbruch an. Unsere Hilfe war eine Antwort auf die Nöte der Menschen. Die Städte und Dörfer wurden vom echten Krieg überrollt: Zerstörung, Leid, Tod, Krankheiten, Hunger gehörten auf einmal zur Tagesordnung. Die Menschen mussten unerwartet fliehen. Sie liessen ihre Häuser, ihr ganzes Hab und Gut zurück, viele von ihnen haben alles verloren. Wir wurden Augenzeugen von diesen Ereignissen und zugleich Teilnehmer.

Gott liess uns die Angst, den Gräuel und die Schrecken des Krieges persönlich spüren! Das einzige, was wir Christen in dem Augenblick tun konnten, war diesen Menschen zu helfen.

Wie läuft so ein Hilfseinsatz ab?
Unser Team organisiert dank der Finanzen von «Licht im Osten» den Einkauf und die Verteilung von Lebensmittelpaketen und Broten. Wir sind 15 Helfer und Helferinnen im Sozialen Hilfszentrum Saporoschje. Ich selbst bin für die Fahrten und Verteilung im Kriegsgebiet verantwortlich. In der Regel fahren wir zweimal pro Woche zu sechst zu verschiedenen Ortschaften hinaus. Unser Team bekommt regelmässig Informationen, welche Dörfer beschossen wurden und wir sind bemüht gerade diese Ortschaften zu besuchen. Aber auch die lokalen Einwohner informieren uns immer über die Lage in ihrem Dorf. Vor jeder Fahrt beten wir und entscheiden je nach Notlage, wohin wir fahren und wie viele Lebensmittel wir mitnehmen.  

In der Regel versammeln sich die Leute und warten auf uns an einem sicheren Ort, manchmal ist es ein Luftschutzkeller. Wir sagen den Leuten immer vor der Verteilung der Hilfe, wer wir sind und warum wir das tun. Wir lesen aus dem Evangelium und verteilen danach die Pakete und Hilfsgüter an alle Anwesenden. Auch sagen wir immer den Leuten, dass es Menschen in der Schweiz gibt, denen die Ukrainer nicht egal sind.

Wie ist die Lage aktuell im Kriegsgebiet?
Die Situation im Kriegsgebiet ist seit einiger Zeit unverändert: totale Arbeitslosigkeit, Stockungen bei den Lieferungen der Lebensmittel und Wasser, geschlossene Krankenhäuser und Kindertagesstätten, ständige Verzögerung der Auszahlungen der Sozialleistungen und Renten. Es wird ständig geschossen. Die Ortschaften mit der zivilen Bevölkerung werden nicht geschont. Das Traurigste dabei ist, dass in den Gebetshäusern Pastoren und Freiwillige fehlen und Menschen ohne geistliche Unterstützung geblieben sind.

Es bleibt immer die Gefahr, unter Beschuss zu geraten oder zum Schussziel eines Scharfschützen zu werden oder auf eine Mine zu treten. Es sind viele Fälle bekannt, dass Scharfschützen der besetzten Seite auf die ehrenamtlichen Helfer geschossen haben. Wir wissen, dass seit dem Kriegsausbruch ein paar Dutzend Ehrenamtliche ums Leben gekommen sind, viele von ihnen, wie ich selbst, gefangengenommen wurden. Wir versuchen, Schutzwesten zu tragen. Wir haben leider keine eigenen. Je nach Möglichkeit leihen wir sie von den Militärleuten aus.

Warst du und dein Team schon mal selbst in Lebensgefahr?
2014 während einer Fahrt wurde ich von bewaffneten Militärleuten gefangen genommen. Sechs Tage lang erlebte ich brutale Misshandlung, Schläge und Torturen im Gefängnis. Ehre unserem Gott! Dank der Gebete der Gemeinden wurde ich von den Erlebnissen geheilt und bin heute frei. Nicht selten wurden wir als Team von den Scharfschützen beschossen oder gerieten in die Schusslinie der Granatwerfer. Mehrmals mussten wir mit der lokalen Bevölkerung im Schutzkeller Zuflucht suchen.

Du beendest deine Posts auf Facebook mit dem Zitat: Tue Gutes und verzage nicht! Ist das dein Lebensmotto? Was hat das für eine Bedeutung?
Diese Stelle aus der Heiligen Schrift steht im Galaterbrief, Kapitel 6, Vers 9: «Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen.» Das spiegelt meinen Glauben an Jesus Christus wider und motiviert mich zum Dienen und Verkündigen.

Hat der Krieg dich und die Ukrainer generell verändert?
Ja, der Krieg hat mich verändert. Er hat mir gezeigt, wie vergänglich und wertlos das Irdische ist. Schmerz, Tod und Sorgen der Menschen sind ein Teil meines Lebens geworden. Es wurde mir bewusst, dass mein Auftrag ist, Gottes Wort weiterzugeben und den Menschen zu helfen. Ich sehe, dass der Krieg die Herzen der Menschen für geistliche Werte empfänglicher gemacht hat. Für uns ist das eine wunderbare Möglichkeit, ihnen die Liebe Gottes über die Lebensmittelpakete und Kleider zu bringen!

Zum Thema:
100 neue Projekte: Lokale Gemeinden im Nahen Osten helfen bei Bibelübersetzung
Weniger Geschütz, doch...: Druck auf Pastoren der Ostukraine bleibt
Flüchtlingsnot in Ukraine: «Die Kirche ist am Wachsen»

Datum: 11.10.2018
Autor: Florian Wüthrich
Quelle: Livenet

Publireportage
Werbung
Livenet Service
Werbung