Eröffnungssitzung der Peacemaker-Konferenz in Caux.
"Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir einen gemeinsamen Weg in Europa finden." Das meint Asma, französische Medizinstudentin tunesischer Abstammung und überzeugte Europäerin. Zusammen mit rund 70 jungen Muslimen aus ganz Europa engagierte sich Asma im Programm "Learning to be a Peacemaker", das am 8. August im Konferenzzentrum in Caux bei Montreux oberhalb des Genfersees zu Ende ging.
Auf der Wiese im grosszügigen Park des ehemaligen Caux-Palace haben sich die jungen Muslime zum Freitagsgebet versammelt. Es ist eine bunte Mischung aus acht verschiedenen Ländern, einige sind eher traditionell gekleidet, die meisten sehr europäisch. Etwas mehr Frauen als Männer sind unter den Teilnehmern. Zum Gebet legen die meisten von ihnen ein Kopftuch an, doch ansonsten unterscheidet die jungen Muslime wenig von ihren europäischen Altersgenossen christlicher Abstammung. Es werden Erinnerungsfotos gemacht, mit dem Sitznachbarn geplaudert, gescherzt.
Der junge Imam Ajmal predigt auf Englisch. Mit einer Geschichte bringt er seinen Zuhörern - sie sind zwischen 16 und 30 Jahre alt - seine Mission näher: "Bringen wir die Menschen zusammen, dann kommt auch die Welt zusammen." Seine Botschaft ist eindeutig: "Pflegt einen friedlichen Lebensstil und bringt den Frieden zurück!"
Kultur des Friedens
"Unsere Generation ist gefordert", sagt Asma, "denn wir sind zusammen aufgewachsen, haben dieselben Zeichentrickserien gesehen und dieselbe Musik gehört." Für die optimistische Studentin ist klar: "Der Zusammenschluss zur EU ist das Beste, was Europa passieren konnte. Frieden ist eine sehr einende und universale Idee", erklärt sie ihr Engagement. Tatsächlich ist der Wunsch nach Frieden und einem eigenen Beitrag dazu für alle Teilnehmer des Peacemaker-Programms die Hauptmotivation.
Entwickelt hat das Trainingsprogramm der britische Imam Ajmal Masroor vor rund zwei Jahren. Erste Kurse hat er vor 75 Muslimen in Schweden abgehalten, und, in sehr viel kleinerem Rahmen, in einem britischen Gefängnis. Nach einem Pilotprojekt im vergangenen Jahr ist dies der erste Kurs dieser Art in der Schweiz.
Dass er ausgerechnet in Caux angeboten wird, hat seinen Grund: Bei einer Teilnahme Masroors an einer Caux-Konferenz ist die Idee des Peacemaker-Kurses geboren. "Hier herrscht eine tiefe Kultur des Friedens", sagt der Imam. Wie auch der Islam eine starke Kultur des Friedens in sich trage, die aber durch die vielen Konflikte vergessen gegangen sei. "Meine Mission ist, sie wiederzubeleben", so Ajmal Masroor.
Ungezwungener Austausch hoch über dem Genfersee.
"In Europa wesentliche islamische Werte umgesetzt"
Für den in Grossbritannien geborenen Muslim ist klar: "Europa ist unser Zuhause, wir leben hier." Deswegen sei es wichtig, die europäische Kultur zu kennen. Ebenso werde es dann eine spezifisch von der europäischen Kultur geprägte Ausformung des Islam geben, in der Muslime auch lokale Bräuche und Traditionen aufnehmen. "Der islamische Denkansatz zum Frieden ist vollständig kompatibel zu den gegenwärtigen Friedensbemühungen in Europa", ist Masroor überzeugt.
Muslime in Europa sollen vollständig Teil dieser Friedenskultur werden, denn, so Masroor: "Auch wenn es ironisch klingt, die gegenwärtige europäische Kultur ist bei weitem die islamischste Kultur der Welt - in ihr sind wesentliche islamische Werte umgesetzt: Freiheit, Demokratie, Einhaltung des Rechts, Trennung von Recht und Politik, Familien- und Lebensschutz, Schutz des Eigentums ..." Für den Imam ist darum klar, dass Europa der beste Ort ist, um Frieden zu lernen.
Die eigenen Wurzeln kennen
Das Peacemaker-Programm ist vor allem eine religiöse Unterweisung, erklärt Andrew Stallybrass, Presseverantwortlicher von "Caux-Initiativen der Veränderung". Die Unterweisung im eigenen Glauben sei wichtig, betont er, denn nur, wer in seinem eigenen Glauben gut verwurzelt sei, könne auf den anderen zugehen. Zudem hilft der Austausch mit anderen Muslimen aus ähnlichen Situationen den jungen Teilnehmern, ist Stallybrass überzeugt. Denn in der Schweiz wie in vielen europäischen Ländern hätten es Menschen "mit islamisch klingenden Namen" nicht immer einfach.
Eine Ansicht, die nicht alle teilen. "Als gläubiger Mensch hat man es heute nicht einfach", sagt etwa Asma, "aber das gilt für alle Gläubigen - ob Katholiken, Protestanten oder Muslime." Sie alle seien mit der Schwierigkeit konfrontiert, ihre Werte zu bewahren in einer Welt, die diese oft in Frage stelle. Offenheit für den ständigen Dialog ist für die junge Muslimin daher oberstes Gebot.
Andere Perspektiven
Die Britin Amina, die wie Asma schon am Pilotprojekt teilgenommen hat und in diesem Jahr zur über zwanzigköpfigen Vorbereitungsgruppe gehört, betont noch einen anderen Aspekt: "Den Jungen wird so ihre Stimme zurückgegeben, die sie komplett verloren haben. Das unterstützt sie in ihrem Selbstvertrauen." Denn es sei die junge Generation, die später für die heutigen Fehler werde zahlen müssen.
Miteinander am Tisch.
Praktische Anwendung
Was die Teilnehmer im ersten Programmteil vom 4. bis 8. August auf theoretischer Ebene gelernt haben, sollen sie im zweiten Teil erstmals praktisch anwenden: Die muslimische Gruppe wird vom 9. bis 15. August gemeinsam mit 200 weiteren Teilnehmern aus verschiedensten religiösen und kulturellen Hintergründen an der von "Initiativen der Veränderung" organisierten Konferenz "Tools of Change" (Werkzeuge der Veränderung) teilnehmen.
Caux: Christlicher Impuls stand am Anfang
Seit mehr als 60 Jahren dient der ehemalige Caux-Palace - ein Grand-Hotel aus der Wende zum 20. Jahrhundert - als internationales Konferenzzentrum der "Caux-Initiativen der Veränderung". Die Stiftung hat es sich zum Ziel gemacht, insbesondere die Begegnung von Menschen und Gruppen jeglicher Gesinnung und aller Rassen zu ermöglichen und versteht sich als Ort der Dialogs, der Besinnung und der Neuorientierung.
Die Bewegung, die bis 2001 unter dem Namen "Moralische Aufrüstung" (MRA) arbeitete, entstand aus der christlichen Oxforder Studentenbewegung der 20er Jahre, die von Frank Buchman geleitet wurde. Ende des Zweiten Weltkriegs unterstütze die MRA den Versöhnungsprozess zwischen den Kriegsparteien. "Initiativen der Veränderung" versteht sich als globales Netzwerk zum Aufbau von Vertrauensbeziehungen zwischen verschiedenen Kulturen, Religionen und Weltanschauungen.
Das Programm "Learning to be a Peacemaker" wird in Zusammenarbeit vier verschiedener Nichtregierungsorganisationen aus der Schweiz, England und Schweden durchgeführt. Für das Konferenzzentrum in Caux - ursprünglich eine christliche Gründung - ist es ein Novum, eine so grosse homogen muslimische Gruppe zu beherbergen, erklärt Peter Riddell von "Initiativen der Veränderung International". Vor allem bei Mitarbeitenden habe dies auch Ängste und Befürchtungen ausgelöst, die es in einem Dialogprozess zu klären galt.