Gewalt gegen Ägyptens Christen

Und Floskeln

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Die ermordeten Kopten werden in den Särgen aus der Kirche getragen.
In Ägyptens christlicher Minderheit wächst die Angst. Sechs Kopten wurden beim Verlassen des Weihnachtsgottesdienstes im oberägyptischen Nag Hammadi am 6. Januar erschossen. Am 9. Februar ist ein weiterer Kopte einer Kugel zum Opfer gefallen. Die drei des Verbrechens von Nag Hammadi Angeklagten haben vor Gericht die Täterschaft abgestritten.

Neben den sechs Christen wurde auch ein Wächter getötet, neun Personen wurden verletzt, als drei Männer nahe der Kirche das Feuer eröffneten. Doch Mohammed al-Kammuni, Qorshi Abul Haggag and Hendawi Sayyed, die sich am 13. Februar vor einem Schnellgericht in der Provinzhaupstadt Qena zu verantworten hatten, leugneten die Tat.

Der Empörung im Land über das Verbrechen von Nag Hammadi veranlasste Präsident Mubarak zu einer scharfen Verurteilung. Es lasse die Herzen der Ägypter bluten, sagte er. Die vernünftigen Einwohner des Landes und seine religiöen Führer und Denker hätten eine umso grössere Verantwortung, Fanatismus, Unwissenheit und Streit zu wehren. Nach Mubarak bedroht der Streit unter religiösen Vorzeichen die „Einheit der ägyptischen Gesellschaft". Die Regierung hat allerdings das Verbrechen nicht mit der Hetze im Land gegen Christen in Zusammenhang bringen wollen. Von einem isolierten Vorfall war die Rede.

Brust durchschossen, tot

Während der Schock über Nag Hammadi - der blutigste Anschlag auf Kopten seit 2000 - in der christlichen Gemeinschaft nachwirkt, hat die Polizei einen jungen Mann erschossen. Am Abend des 9. Februar wurde Malak Saad (25) in Teta in der Provinz Menufia der Oberkörper durchschossen. Der Schreiner befand sich ausserhalb einer Halle, die die Behörden konfisziert hatten. Saad starb auf der Stelle.

Die Polizei verwehrte Journalisten den Zugang zum Dorf. Das Innenministerium behauptete, ein Schuss sei losgegangen, als ein Polizist seine Waffe reinigte. Ein Verwandter Saads sagte dagegen, der Täter habe zuvor die Toilette im Gebäude benutzt und beim Verlassen einige Worte mit Saad gewechselt. Der Schütze soll vor ein (nicht öffentliches) Militärgericht gestellt werden.

Das Gebäude im Dorf hatte seit 16 Jahren Kopten gehört. Nur zwei Tage vor dem tödlichen Schuss hatte die Polizei es beschlagnahmt, nachdem Muslime das Gerücht gestreut hatten, die Besitzer wollten es in eine Kirche verwandeln. Die Nutzung von Gebäuden für christliche Gottesdienste unterliegt in Ägypten harten Beschränkungen; Renovationen, Neubauten oder Umnutzung sind kaum möglich.

Gift im Gerichtssaal

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Ein junger koptischer Christ wird von Beamten verhaftet.
Für die Verteidigung der Angeklagten von Nag Hammadi hatten sich zahlreiche muslimische Anwälte zur Verfügung gestellt. Bei der Verhandlung am 13. Februar kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den scharfzüngigen Anwälten. Die Muslime meinten, die Polizei habe Unschuldige verhaftet und die Beschuldigungen seien an den Haaren herbeigezogen. Die christlichen Rechtsvertreter bezweifelten, dass die Täter verurteilt werden. Die nächste Verhandlung soll am 20. März stattfinden.

Um nach dem Massaker von Nag Hammadi Proteste von Christen zu unterdrücken, war die Polizei von Tür zu Tür gegangen und hatte junge Kopten verhaftet. Laut dem Bericht des Nachrichtendienstes Compass Direct wurden mindestens 15 Männer in Haft gesetzt. Angesichts ständiger Drohungen wachsen unter den Kopten am Nil Unmut und Bitterkeit. Die Religionsfreiheit ist in der Verfassung garantiert, doch Islam ist die Staatsreligion und in Schulen wird der Koran dazu verwendet, das klassische Arabisch zu lehren.

«Windelweiche Floskeln»

Anlässlich einer Prüfung der Menschenrechtslage im Nilland durch den UN-Menschenrechtsrat in Genf hat die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) Mitte Februar "ein Ende der windelweichen Floskeln" und "einen spürbaren Einsatz für die Menschenrechte" durch die Regierung Mubarak gefordert. Nach Einschätzung der IGFM versucht sich das autoritäre Regime als einzige Alternative zu einem von islamischen Extremisten regierten Ägypten darzustellen. So versuche die ägyptische Regierung, Kritik aus dem Westen an den schweren Menschenrechtsverletzungen am Nil zum Schweigen zu bringen.

Mubarak, nach Sadats Ermordung im Oktober 1981 an die Macht gekommen, regiert Ägypten seither unter Ausnahmezustand, der immer wieder verlängert wurde und durch den zahlreiche Verfassungsrechte ausser Kraft gesetzt sind. Ägypten ist das Ursprungsland der Muslimbrüder und ein international bedeutendes Zentrum islamistischer Ideologen.

Nach Auffassung der IGFM darf die Bedrohung der Menschenrechte durch religiösen Fanatismus nicht als Blankoscheck für Zensur, Folter, Diskriminierung der Minderheiten, insbesondere der christlichen Kopten, und andere schwere Menschenrechtsverletzungen missbraucht werden.

Weltkirchenrat ermutigt zum Dialog

In Sorge um die Sicherheit der Christen in Ägypten hat der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) die ägyptischen Kirchen ermutigt, auch weiterhin am muslimisch-christlichen Dialog teilzunehmen. „Es ist bedauerlich, dass Christen in Ägypten gegenwärtig leicht Opfer von Gewalt und Hass werden und dass ihre Sicherheit nicht voll und ganz gewährleistet ist. Insbesondere viele Kopten fühlen sich wie Fremde im eigenen Land."

Diese Erklärung ist Teil einer Botschaft, die der Exekutivausschuss des ÖRK am Ende seiner Februar-Tagung an die Mitgliedskirchen des ÖRK in Ägypten richtete.

Ferner ermutigt er die Kirchen in Ägypten, „negativen Tendenzen auch weiterhin mit proaktivem Engagement in Dialog und Partnerschaft für das Leben und für das Zusammenleben von Christen und Muslimen zu begegnen".

Links zum Thema:
Die IGFM zu Ägypten
Wortlaut der Botschaft des Weltkirchenrats an die Kirchen in Ägypten (englisch)
Datum: 04.03.2010

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