Der Moderne gemeinsam trotzen

Täufer in Kanada

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«Bei den Old Order Mennonites geht die Gemeinschaft vor – individuelle Freiheit ist weniger wichtig»: Sam Steiner
Das Internet zu nutzen ist ihnen nicht erlaubt - oder nur von neun bis fünf, mit Filter. Mit diversen Strategien versuchen sich traditionalistische Gemeinschaften der Täufer in Kanada zu behaupten. Livenet unterhielt sich mit dem langjährigen Beobachter Sam Steiner.

Livenet: Wie hat sich in Ontario das Täufertum aufgebaut?
Sam Steiner: Ab 1786 kamen die ersten Mennoniten aus Pennsylvania nach Ontario, vor allem auf der Suche nach Land. Sie sprachen Deutsch; viele Vorfahren waren aus der Schweiz in die Neue Welt gezogen. Nach 1820 kamen Amische direkt aus Europa hierher, die meisten aus der Pfalz und Süddeutschland. Fünfzig Jahre später fühlten sich Mennoniten im Reich des Zaren bedroht (Militärdienst); etwa 7000, ein Siebtel der Gemeinschaft in Russland, wanderte nach Kanada aus.

Eine nächste Welle folgte nach der bolschewistischen Machtübernahme in den 1920er Jahren; über 20‘000 Mennoniten siedelten sich in allen Teilen des Riesenlandes an. Als die Regierung der Provinz Manitoba ihren Täufern Englisch in den Schulen vorschrieb, wanderte ein Teil nach Mexiko aus (einige dieser Old Colony Mennonites kamen später, da sie es nicht auf einen grünen Zweig gebracht hatten, wieder zurück). Nach dem Zweiten Weltkrieg folgten weitere Täufer, die in Europa Hab und Gut verloren hatten; manche wanderten nach Südamerika weiter. So leben heute in Kanada etwa 200‘000 Täufer, davon sind 120‘000 getaufte Mitglieder. Die Amischen zählen nur wenige tausend, im Unterschied zu den USA.

Die Täufergemeinden in Ontario, nördlich, westlich und südlich von Toronto, sind im Wandel begriffen. Was geht derzeit ab?
Man muss unterscheiden. Es gibt über 25 verschiedene mennonitische Gemeinschaften, die 12 verschiedene Sprachen sprechen (Migrationsgemeinden inklusive). Wandel gibt es überall, aber in einigen Gemeinschaften läuft er viel schneller ab. Auch eine sehr konservative Gruppe muss sich ständig mit dem Fortschritt der Technik auseinandersetzen und etwa zum Internet Stellung beziehen. Einige Gemeinschaften haben es völlig abgelehnt und nutzen es nicht, andere brauchen Computer, aber nicht das Internet; andere erlauben nur E-Mail und wieder andere legen den Nutzern gewisse Beschränkungen auf.

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Auf dem Friedhof der Vineland-Gemeinde, der ersten Mennoniten-Gemeinden in Ontario. Schweizer Familiennamen wie Meier und Albrecht überwiegen
Die Markham-Mennnoniten haben einen Server mit Filtern, der das Internet in den Bürostunden zugänglich macht.
Ja, so nutzen sie das Internet für Geschäfte, aber schützen ihre Freizeit und Familienzeit vor den Einflüssen des Internets. Grundsätzlich geht bei den Old Order Mennonites (Traditionalisten, die der Moderne skeptisch oder ganz ablehnend gegenüberstehen) die Gemeinschaft vor. Individuelle Freiheit ist weniger wichtig. Die Einzelnen ordnen sich der (bis vor kurzem deutschsprachigen) Gemeinschaft unter; dies wird als «Gelassenheit» bezeichnet. Wenn die Gemeinschaft etwas missbilligt, folgt der Einzelne dem Beschluss, auch wenn er ihn nicht als richtig ansieht. Er kann seinen Einspruch kundtun, aber in der Gemeinschaft verbleibt er, indem er ihre Vorgaben einhält.

Im Blick auf das Abendmahl (zweimal jährlich) werden alle Punkte, die die Gemeinden bewegen und ihre Glieder gegeneinander aufbringen, in einer «Umfrage» gesammelt und von Leitern diskutiert. So erarbeiten die Markham-Mennoniten Beschlüsse, die ihre Ordnung in ganz kleinen Schritten abändern. Über mehrere Jahre erwogen sie den Umgang mit dem Internet. In der Vergangenheit ging es bei den Old Order Mennonites um Traktoren: Schliesslich liessen sie sie zu, da sie für die Landwirtschaft Nutzen bringen; allerdings setzte man eine maximale PS-Zahl (100) fest und verbot Führerkabinen, damit der Traktor nicht zum industriellen Landbau oder zu komfortablen Fahrten in die Stadt diene - Kinder sollten weiterhin auf dem Feld mitwirken können.

Die Traditionalisten müssen ihre modern ausgerüsteten Nachbarn beobachtet haben...
Natürlich. Die Farmer sahen die grossen Schweinezuchtbetriebe - und genau das wollte das man nicht. In derselben Haltung lassen die Amischen kein Telefon im Wohnhaus zu. In einem Häuschen neben der Hofzufahrt machen sie Anrufe und der Beantworter nimmt eingehende Telefonate auf, damit sie reagieren können. Dabei wird die Familie in ihren Mahlzeiten und Andachten und sonstigen Aktivitäten nicht gestört. Die Zeitgenossen starren ständig auf ihr Blackberry (der Welthit wird in der Nachbarschaft gebaut). Sie dagegen nutzen das Telefon, ohne dass die Gemeinschaft darunter leidet. Im Rahmen ihrer Logik macht es Sinn.

Wie wandeln sich die Gottesdienste?
Allmählich oder kaum. Ich war erstaunt zu hören, dass die Markham-Mennoniten nun vierstimmigen Gesang erlauben (die Täufer sangen bis ins 19. Jahrhundert einstimmig; die Amischen noch heute).

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Gemüseverkäuferin in St. Jacobs bei Kitchener
Verlieren die traditionalistischen Gemeinschaften viele Mitglieder?
Der Diakon der Markham-Gemeinschaft, der ein Buch über sie geschrieben hat, gibt an, dass die Hälfte der von ihr getauften Glieder im Zeitpunkt ihres Todes nicht mehr in der Gemeinschaft sind; der grösste Teil hat wohl zu einer täuferischen Gemeinde gewechselt, die mehr mit der Zeit geht; wenige dürften sich ganz von Kirche und Glauben abgewandt haben.

Warum ist es wesentlich für diese Gemeinschaften, ihre eigenen Vorgaben zu machen und durchzusetzen - auch wenn sie sozial oder wirtschaftlich verlieren?
Bezeichnend ist das Ausweichen auf Gemeindeschulen (1.-8. Klasse) in den 1960er Jahren, als der Staat die Dorfschulen zu grösseren Einheiten zusammenfasste. Die konservativeren Gemeinschaften haben sich auch geweigert, Sozialversicherungsbeiträge zu zahlen. Ihnen geht es darum, dass die Leute sich auf ihre Familie und die Gemeinschaft verlassen - und diese ihre Verantwortung wahrnimmt. Wenn jemand eine aufwändige Operation braucht, bezahlt die Gemeinschaft dafür (so wie Amische eine abgebrannte Scheune mit vereinten Kräften neu bauen).

Sam Steiner war während 34 Jahren Bibliothekar am Conrad Grebel University College der University of Waterloo.

Datum: 04.05.2010

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