Seit dem Zerfall des Ostblocks 1989 haben viele die Befreiungstheologie für tot erklärt. Walter Altmann, Präsident der Evangelischen Kirchen in Brasilien, hält dagegen, der Totenschein sei zu früh ausgestellt worden.
Die Befreiungstheologie sei äusserst lebendig, schreibt der lutherische Theologe, der auch den Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) leitet. Befreiungstheologen hätten zwar für ihre sozioökonomische Analyse und die Kritik am Kapitalismus marxistische Kategorien verwendet. Marxismus sei jedoch nie der Kern der Befreiungstheologie gewesen.
Kampf um Gerechtigkeit
«Im Zentrum der Befreiungstheologie stand und steht vielmehr die mitfühlende Identifizierung mit den Armen und ihrem Kampf um Gerechtigkeit, der vom Leben und Lehren Jesu inspiriert ist», schreibt Altmann. «Nicht auf Gesellschaftsanalyse, die als methodologisches Instrument angesehen wurde, legte die Befreiungstheologie das Hauptgewicht, sondern auf die entscheidende Rolle der engagierten Praxis von Gottes Volk- oder anders ausgedrückt, auf das vom Glauben inspirierte und von der theologischen Reflexion geprägte Handeln der christlichen Gemeinschaften.»
Die Befreiungstheologie entwickelte sich in den 1960er-Jahren in Lateinamerika und baute auf christlichen Basisgemeinschaften auf. Laut Altmann war der neue Ansatz weitgehend mit pastoralen und theologischen Entwicklungen in der römisch-katholischen Kirche verbunden, «auch wenn es sich von Anfang an um ein ökumenisches Unterfangen handelte».
Die Armen als «Volk Gottes»
Das Ziel einer gerechteren Gesellschaft, in der es «einen Platz für alle» gebe, gelte nach wie vor, doch habe sich die Methodik auf zivilgesellschaftliches Handeln verlagert. «Als ein kontextueller Ansatz, der sich kritisch mit der Praxis des Volkes Gottes auseinandersetzte, sollte die Befreiungstheologie niemals zu einer statischen, dogmatischen Konstruktion werden. Sie wollte nicht ein vernachlässigtes theologisches Thema hervorheben, sondern vielmehr einen neuen Weg des Betreibens von Theologie vorschlagen.»
Altmann zeichnet den Weg der Befreiungstheologie nach: «Anfangs konzentrierte sie sich auf die Lebensbedingungen der Armen, später hat sie sich dann auch anderen Problemen zugewandt, wie indigenen Völkern, Rassismus, Geschlechterfragen und Ökologie. Heute beschäftigt sich die Befreiungstheologie auch mit der Interpretation von Kultur und mit anthropologischen Fragen wie z.B. der Versuchung der Macht.»
Und die neuen evangelischen Kirchen?
Inwiefern die Befreiungstheologie von wachsenden evangelikalen Kirchen Lateinamerikas aufgenommen wurde, beschreibt Altmann nicht. Ihr Einfluss reicht in seiner Perspektive weit über die Kirchen hinaus. Heute präge sie in Lateinamerika politische Bestrebungen zur Verwirklichung eines Demokratiemodells, das Armut und soziale Ungerechtigkeit überwindet. Laut Altmann haben mehrere Präsidenten seines Kontinents - Lula da Silva in Brasilien, Morales in Bolivien, Correa in Ecuador, Ortega in Nicaragua und Lugo in Paraguay - auf die eine oder andere Weise enge Kontakte zu christlichen Basisgemeinschaften und Befreiungstheologen gehabt.Webseite des ÖRK: www.wcc-coe.org
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