Symbolisch: ein christliches Kloster verrottet in der Gegend von Mosul (Foto: Doug)
Das jahrtausendealte Christentum in Mosul, Nord-Irak, steht vor dem Ende. Nach einer neuen Mordserie gibt es in der Stadt nur noch 300 christliche Familien. Noch vor 10 Jahren waren es rund 13.000.
Die nordirakische Stadt Mosul besitzt eine lange christlich-jüdische Tradition; sie reicht bis in die Zeit des biblischen Propheten Hesekiel zurück, ins 6. Jahrhundert vor Christus. Von der einst blühenden christliche Gemeinde ist nur wenig übriggeblieben. Die meist orthodoxen oder katholischen Christen sind zu einer winzigen Minderheit geschrumpft, deren eigener Exodus vielleicht unmittelbar bevorsteht.
Das Nothilfeamt der UN, die OCHA berichtet, dass alleine Ende Februar rund 700 christliche Familien aus Mosul geflohen sind. Auslöser waren gemäß diesem Bericht die Morde an mindestens zwölf Christen; die Täter seien nicht identifiziert worden.
Von 13.000 auf 300 in nur 10 Jahren
Der Priester aus Qaraqosh beziffert die Zahl der zuletzt geflohenen auf 800 Familien. „Jetzt verbleiben noch etwa 300 christliche Familien in Mosul." Die Zahl der Christen ist im letzten Jahrzehnt signifikant gesunken, erzählt der Priester. „Vor 10 Jahren lebten 3000 assyrisch-orthodoxe Familien in Mosul, 4000 chaldäische, 4000 syrisch-orthodoxe und 2000 anderskonfessionelle."
Mosul liegt im Norden des Irak
Auf der Flucht Emanuel Youkhana, Vertreter der östlichen Assyrischen Kirche, bestätigte gegenüber dem Hilfswerk «Open Doors», dass mittlerweile 774 christliche Familien aus der Stadt geflohen sind. Nach den Aussagen des Irak-Koordinators von «Open Doors», der anonym bleiben will, seien viele Familien in die Ebene um Ninive geflüchtet.
„Einige finden eine Bleibe bei ihren Verwandten, die meisten aber leben in Waisenhäusern, Klöstern und Zelten." Die Zelte seien bereits bei früheren Flüchtlingswellen eingesetzt worden. „In den Nächten ist es zwischen fünf und zehn Grad kalt, wir brauchen Decken." Regen würde die schwierige Lage weiter verschärfen.
Zuflucht im Kurdengebiet
Der Priester - auch er möchte ungenannt bleiben - aus der Stadt Qaraqosh bei Ninive sagte: „In den vergangenen Tagen kamen täglich zwanzig bis dreissig Familien. Sie hatten nichts ausser den Kleidern, die sie trugen. Sie hatten Mosul schnell verlassen."
Impression aus Mosul: Brücke über den Tigris
Die Familien fliehen nicht nur in die umliegenden Städte, sondern auch in die autonome Kurden-Region. Ein «Open-Doors»-Mitarbeiter aus dieser Gegend: „In unsere Stadt sind mindestens 50 Familien geflohen, und auch in anderen Städten hier haben weitere Flüchtlinge Zuflucht gesucht; zusätzlich zu der Zahl, die Emanuel genannt hat."
50 Familien auf der Flucht
Im Februar waren besonders heftige Fluchtbewegungen zu verzeichnen, so flohen an einem Tag 50 christliche Familien aus Mosul. Zur selben Zeit wurden zwei christliche Studenten an der Universität von Extremisten verschleppt und ermordet. In der Stadt Mosul herrscht deshalb Panik und Chaos unter Christen. Aufgrund der prekären Lage in Mosul weigern sich sogar Taxifahrer, in die Stadt hineinzufahren, um Menschen in Not aus der Stadt zu bringen. Auch die Behörden haben die Lage nicht mehr im Griff.
Doch das Töten beginnt nicht erst jetzt. Von einem eigentlichen «Exodus» der Christen im Irak berichtete vor einigen Wochen schon der Tages Anzeiger. Die chaldäisch - katholischen und syrisch-orthodoxen Christen, die Jahrtausend alte Wurzeln in Ägypten haben, werden bereits seit einiger Zeit zu Hunderttausenden aus dem Land vertrieben. Die Repressionen gleichen einer geplanten Kriegsstrategie. Innerhalb von Säuberungsaktionen von Extremisten werden irakische Christen aufgrund ihrer Religion bedroht, misshandelt, verfolgt und ermordet.
* In der Schweiz setzen sich mehrere Werke für verfolgte Christen ein. Sie bilden zudem die «Arbeitsgemeinschaft Religionsfreiheit»; eine Arbeitsgruppe der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA). Webseite: http://www.verfolgung.ch/
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