Frankreich will den Ganzkörperschleier in der Öffentlichkeit verbieten. Syrien hat für die Universitäten ein Verbot verhängt. In Nordafrika wehren sich Frauen gegen den Trend zum verschleierten Gesicht. Laut der Feministin Alice Schwarzer hat er in Demokratien nichts zu suchen.
Am Vorabend des Nationalfeiertages am Quatorze Juillet hat das französische Parlament das Tragen von Burka und Nikab in der Öffentlichkeit verboten. Das Gesetz muss im September noch den Senat passieren; eine Klage vor dem Verfassungsgericht könnte die höchste Hürde bedeuten.
Schon 2004 hatte Frankreich Kopftücher und andere offensichtlich religiöse Symbole in Klassenzimmern verboten. Die «Grande République» besteht auf einem öffentlichen Raum, der keinen religiösen Einflüssen unterworfen ist. In Europa werden Minderheitenrechte gegen und das Interesse des Staats, Einwanderer zu integrieren, abgewogen. Dabei besteht keine Einigkeit über ein Vorgehen gegen Islamisten.
Für die deutsche Frauenrechtlerin Alice Schwarzer ist klar: «Der moslemische Ganzkörperschleier ist nicht nur zutiefst menschenverachtend, sondern er bedeutet auch den totalen Sieg des politisierten Islam. Burka, Nikab und Tschador gehören deshalb verboten.»
Schwarzer kritisiert in der FAZ die europäische Linke, die Mosleminnen nicht in Schutz nehmen wolle. Sie bemerkt, dass mindestens jede dritte Verschleierte in Frankreich eine Konvertitin sei. «In der Regel verdanken deren moslemische Ehemänner der Eheschliessung mit ihnen die französische Staatsangehörigkeit.»
Islamistisch beherrschte Gemeinschaften in Europa
Es sei «schwer nachvollziehbar, wie Frauen freiwillig eine Verhüllung anlegen können, die in den ‚Gottesstaaten‘ und allen Ländern, in denen die Islamisten inzwischen die Macht haben, Frauen mit Todesdrohungen aufgezwungen wird». Dort hätten die Frauen keine Wahl. In den «islamistisch beherrschten» Gemeinschaften in Europa stünden sie auch unter Druck. Der Vollschleier «raubt den weiblichen Menschen jegliche Individualität und behindert sie aufs schwerste in ihrer Bewegungsfreiheit».
Von den wechselnden subjektiven Motive von Mädchen und Frauen, Europäerinnen, die zum Islam übergetreten sind und sich angeblich freiwillig verhüllen, unterscheidet Schwarzer die objektive Bedeutung des Schleiers. Diese sei eindeutig: «Kopftuch und Tschador waren auch in der moslemischen Welt Relikte der ländlichen unaufgeklärten Bevölkerung - bis Khomeini im Iran den Gottesstaat ausrief. Seither ist das Kopftuch die Flagge des politisierten Islam.»
Im September kommt das Buch «Die grosse Verschleierung» heraus, das Schwarzer herausgibt.
Nein zum Gesichtsschleier Nikab im Orient
Syriens Erziehungsministerium hat am 18. Juli den Studentinnen und Lehrerinnen den Nikab untersagt, der das Gesicht mit Ausnahme der Augen verdeckt. Staatliche und private Hochschulen wurden angewiesen, Nikab-Trägerinnen nicht mehr anzunehmen. Damit will das autoritäre Regime in Damaskus den säkularen Charakter des Staats schützen.
Mehrere hundert Lehrerinnen in staatlichen Schulen, die den Nikab tragen, seien im Juni auf Verwaltungsstellen versetzt worden, sagte ein Beamter. Das in Syrien übliche Kopftuch (Hijab) ist vom Verbot nicht betroffen.
Im Gazastreifen fordern radikale Moslems die Frauen auf, ihre Gesichter ganz zu verhüllen und mit übereinander gelegten Tüchern sogar die Umrisse der Schultern unsichtbar zu machen. In arabischen Ländern, deren Herrscher dem Islamismus entgegentreten, ist der schwarze Nikab auf dem Vormarsch. Jordaniens Regierung hat kein Verbot erlassen, aber vor Räubern gewarnt, die sich des Vollschleiers bedienen.
Verständnis für Europa
Im Maghreb haben sich Frauenorganisationen schon vor Jahren gegen die Ganzkörperverschleierung gewandt. Sie unterstützen europäische Bestrebungen, Nikab und Burka zu verbieten. Die algerische Frauenrechtlerin Yasmina Chouaki sagte, der Vollschleier bedeute die totale Negation der Frau. Die sozialistische marokkanische Politikerin Latifa Jbabdi möchte die Burka auch in ihrem eigenen, den Traditionen stark verpflichteten Land verboten haben, da sie die Frau erniedrige.
Neben Akademikerinnen unterstützen im Maghreb laut der NZZ auch einzelne islamische Theologen ein Burka-Verbot in Europa. Der marokkanische Rat der Islamgelehrten hat sich klar gegen ein Verbot ausgesprochen. Islamisten sind gespalten in der Frage, ob es eine religiöse Begründung für die vollständige Verhüllung gibt.
Aufregung im Kosovo
In der Türkei wird über die Zulassung des Kopftuchs an Universitäten und Schulen gestritten - aufgrund der säkular ausgerichteten Verfassung war eine solche Diskussion zuvor undenkbar. Das Bildungsministerium des Kosovo hat, um den säkularen Charakter des jungen Staates zu unterstreichen, ohne vorgängige Debatte «religiöse Bekleidung» in öffentlichen Schulen verboten.
Der Mufti des Landes forderte die Aufhebung des Kopftuchverbots und Mitte Juni protestierten in Pristina 5000 Kopftuchträgerinnen gegen den Erlass. Im Kosovo praktizieren laut der NZZ über zwei Drittel der moslemischen Albaner die Religion nicht aktiv.
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