Anstössige Barmherzigkeit

Barmherzigkeit kennt man vom vielfach konsumierten Gleichnis in der Sonntagsschule und vom Samariterverein. Er impliziert von Mitleid motivierte Hingabe an Menschen. Diese Hingabe kann verschiedene Facetten haben.

Jesus war barmherzig, das Hohelied der Liebe (1. Kor. 13) in Person: Er war langmütig, freundlich, ohne Bitterkeit. Er trug alles, glaubte alles, hoffte alles und duldete alles. Was immer das heisst.

Er machte sich zum Freund der unteren Kasten und instalalierte Leute mit höchst unheiligen Qualifikationen. Er erfand das Gleichnis vom barmherzigen Samariter - und handelte danach. Er befreite, heilte, tröstete, trauerte um Jerusalem, liess sich kreuzigen...

Seine Barmerzigkeit heilte.

Jesus war barmherzig. Er schmückte hoffnungslos Religiöse mit Titeln wie Scheinheilige, Schlangenbrut, getünchte Gräber, Anwärter der Hölle (Mat. 23). Er erwähnte, dass es für Menschen, die andere in ihrer Gottesbeziehung verwirren, besser wäre, mit einem Mühlstein um den Hals im tiefsten Meer versenkt zu werden (Mat. 18,6). Seine Barmherzigkeit eskalierte zu bewaffneter Militanz, als er mit einem Strick das Händlerpack aus dem Tempel warf (Joh. 2,14-16).

"Hau ab, Satan..." war die Quittung für die scheinbarmherzige Besorgnis eines Petrus, als dieser ihn vom Kreuz abhalten wollte (Mat. 16,23). Und über Maria, die kürzlich noch so nett zu seinen Füssen sass, wurde er zornig, weil sie ihm die Heilung ihres verstorbenen Bruders nicht zugetraut hatte (Joh. 11,32-33).

Seine Barmherzigkeit war anstössig.

Jesus war und ist sanft barmherzig gegenüber Kraftlosen, die wollen, aber (noch) nicht können: Gegenüber Menschen, die in unsere Gemeinden kommen und (noch) vieles tun und lassen, was "man" als Christ nicht tut und lässt. Es ist an uns, sie in sanfter Barmherzigkeit ins Reich Gottes hineinzulieben, auch wenn sie unsere ethischen Massstäbe verletzen. Massstäbe, denen auch wir selbst kaum gewachsen sind. Barmherzigkeit spriesst auf dem Boden ernüchternder Selbsterkenntnis.

Jesus war und ist anstössig barmherzig gegenüber uns, wenn wir könnten, aber nicht wollen: Wenn wir nach Jahren von ausgebliebener Heiligung unsere Unreife hinter dem angemassten Recht verbergen, verletzt und bitter sein zu dürfen; wenn unsere Negativkritik andere verunsichert, Gemeinden schädigt und uns zu Anwärtern des besagten Mühlsteins macht; wenn religiöse Geister aus allen Poren triefen; wenn wir die Gemeinde zum Marktplatz eigener Interessen machen - und den eigentlichen Auftrag der Barmherzigkeit aus den Augen verlieren.

Barmherzigkeit leben wie Jesus beinhaltet Liebe mit Wahrheit und Wahrheit in Liebe. Religiöse und andere zweifelhafte Geister werden sich daran stossen - und abstossen, notfalls samt Gastgeber. Für Menschen, die vom Heiligen Geist geleitet sind, dient die sanfte und anstössige Barmherzigkeit von Jesus als Anstoss, reifer zu werden - und barmherziger.

Datum: 13.06.2002
Autor: Andreas Rossel
Quelle: BewegungPlus Online

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