Krankheit, Krieg und Katastrophen

Wo ist Gott in all dem Leid?

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Sie steht in einer Wüste aus Staub und Beton. Alles ist grau. Der Boden, ihre Haare, die Kleidung, die Trümmer, einfach alles. Selbst die Luft, die sie einatmet, schneidet wie feines Gestein in der Lunge.

Wind bläst ihr die verbrannte Erde ins Gesicht. Überall stickiger Rauch, dick wie Nebel. Es ist still. Die Menschen um sie herum sind sprachlos. Schleppend und heiser sagt sie: „Gestern war hier noch mein Zuhause.“ Eine Träne bahnt sich den Weg durch den Staub in ihrem Gesicht. „Gestern hat meine Familie noch gelebt.“ Und kaum hörbar fügt sie an: „Warum?“

Wenn wir Szenen wie diese aus Kriegsgebieten im Fernsehen sehen, stellen wir uns oft dieselbe Frage: Warum passiert so etwas? Weshalb all diese Vernichtung, die zerstörten Gebäude, die zerstörte Natur, die zerstörten Seelen? Woher kommt dieser Hass, dieser Wahn? Warum tun wir Menschen uns gegenseitig so weh? Und vielleicht denkt so mancher auch: Wieso verhindert Gott das nicht? Ist er nicht allmächtig? Könnte er nicht eingreifen? Wenn er doch ein liebender Gott ist, wie kann er Mord und Totschlag zulassen?

Eine klassische Frage: Wieso, weshalb, warum?

Frühjahr 1996. Mein Leben hatte sich wieder normalisiert. Vor einem Dreivierteljahr hatte mein Freund einen Motorradunfall gehabt und war seitdem querschnittsgelähmt. Inzwischen war er aus dem Krankenhaus entlassen und wartete darauf, dass seine Wohnung rollstuhlgerecht umgebaut wurde. Wir hatten uns erstaunlich schnell auf dieses „neue“ Leben eingestellt und waren trotz allem glücklich und verliebt. Wie jeden Dienstag trafen wir uns in unserem christlichen Café. Doch als ich an dem Abend von unserem Treffen nach Hause zurückkehrte, war nichts mehr wie zuvor.

Ich machte mir Sorgen, denn bevor ich ging, hatte meine Oma angerufen: Meine Mutter solle sie abholen. Die Ehe meiner Grosseltern war nie harmonisch gewesen, das wussten alle, obwohl nicht gross darüber gesprochen wurde. Mein Opa war einfach seltsam, zählte das Silberbesteck nach Familienfeiern, war geizig und launisch. Aber seit kurzem war meine Oma nur noch aufgelöst und weinte viel. Kurzerhand zog sie bei uns ein und wir erfuhren die ganze Geschichte: Dass er sie schikanierte, sie aussperrte, ihr den Schlüssel wegnahm und sie auch schon geschlagen hatte.

Ich war schockiert. Meine Oma war nach meiner Mutter meine nächste Bezugsperson gewesen, und ich hatte nichts bemerkt! Trotzdem war ich auch erleichtert: Endlich würde es ihr besser gehen, sie würde übergangsweise zu uns ziehen und dann ein neues Leben beginnen. Stattdessen waren wir es, die ein neues Leben beginnen mussten: Mein Opa hatte meine Oma erwürgt, direkt nachdem sie das Telefongespräch mit meiner Mutter beendet hatte.

Bis heute ist das schwer fassbar. Viele Familien, denen Gewalttaten widerfahren, denken danach ähnliches: So etwas passiert doch nur um Fernsehen, aber doch nicht uns! Und doch ist es Realität.

Genauso wie in Kriegsgebieten gibt es auch in unserem Leben Leid, das wir meist kaum greifen und verstehen können. Das einzige, was wir fühlen, ist Verlust und Enttäuschung: Wie konnte Gott mir das antun? Hatte er nicht gesagt, ich könne ihm vertrauen? Dass er mich liebt? Wenn das so ist, wie konnte er mir das auch noch aufbürden? Reichte es nicht, dass mein Freund im Rollstuhl sass? Warum hatte er diese Tat zugelassen?

Gott ist nicht schuld

Auch in der Bibel lesen wir, dass Menschen Gott auf diese Weise anklagen: „Warum lässt du mich solches Unrecht erleben? Warum siehst du untätig zu, wie Menschen geschunden werden?“ (Die Bibel, Habakuk, Kapitel 1, Vers 3). Die Frage nach dem Warum ist so alt wie die Menschheit, und genau dort – am Beginn der Schöpfung – habe ich auch eine tröstende Antwort auf diese Frage gefunden. Wenn wir auf den ersten Seiten der Bibel etwas über den Anfang der Menschheitsgeschichte erfahren, dann insbesondere die Tatsache, dass „alles sehr gut war“. Gott wollte immer Gutes für seine Geschöpfe; Leid gehörte quasi gar nicht in sein Repertoire. Doch Gott hatte den Menschen auch nicht zu einer Marionette geschaffen, sondern zu einem Abbild seiner selbst, mit einem freien Willen. Dieses grossartige Geschenk der Freiheit barg und birgt Gefahren.

Ich verstand: Die ersten Menschen entschieden sich irgendwann gegen Gott und verloren als Folge davon das paradiesische Leben mit ihm. Hinzu kommt, dass wir weiterhin Entscheidungen treffen und die Folgen davon nicht immer gut für uns und andere sind. Menschen und ihre Entscheidungen waren und sind also die eigentliche Ursache dafür, dass das Leben oft nicht gerecht ist.

Mir persönlich half es zu erkennen, dass der Tod meiner Oma eine Entscheidung war, die mein Opa getroffen hatte. Er hatte sie getötet, nicht Gott. Auch wenn das nicht bei allen Katastrophen so direkt zuzuordnen ist: Sünde war die Ursache. Selbst Naturkatastrophen gehören in dieses Schema: Der Mensch lebt nicht mehr in der „heilen“, von Gott geschützten Welt; sondern in einer „gefallenen“ vom Menschen missbrauchten Welt, in der jedem Leid widerfährt, auch durch Überschwemmungen, Taifune, Hurrikans, Erdbeben, Waldbrände und so weiter.

Leid muss jedoch nicht immer gleich aus Tod, schwerer Krankheit und Katastrophen bestehen. Wenn man sich nur im Bekanntenkreis umschaut, leiden wir alle: Unter kaputten Beziehungen, Ablehnung, Einsamkeit, einer erdrückenden Vergangenheit, Armut, Arbeitslosigkeit und vielem mehr. Aber kann uns dann die Erklärung, dass Gott dieses Leid nicht geplant hat, wirklich weiterhelfen? Tröstet uns die Erkenntnis, dass seine Absichten eigentlich gut waren? Schleicht sich dann nicht langsam der Gedanke ein, dass Gott vielleicht faire Absichten hatte, aber nicht fair ist, wenn er doch nichts dagegen tut?

Wenn Wissen nicht weiterhilft

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September 2001. Fassungslos starrte ich im Krankenhaus auf den Fernseher und sah, wie das World Trade Center einstürzte. Erst der eine Turm, dann der andere. Alles brach zusammen und was übrig blieb, war ein riesiges Loch, das Jahre brauchen würde, um zu verheilen. Für mich war es wie ein Symbol: Wegen eines anderen Lochs lag mein Mann jetzt wieder im Krankenhaus.

Mittlerweile hatten Markus und ich geheiratet – unsere Flitterwochen hatten wir ausgerechnet in New York verbracht und dabei auch die Twin Towers besucht. Ein Jahr danach hatten wir uns ein altes Bauernhaus gekauft; wir wollten es nach und nach renovieren und daraus einen Ort für gestrandete Menschen schaffen. Alles war da: Geld, Motivation und Gottes Nähe. Ein halbes Jahr später jedoch lag der Traum auch bei uns in Schutt und Asche.

Mein Mann kam in einem lebensbedrohlichen Zustand ins Krankenhaus.

Er hatte Parkett verlegt und sich beim Rutschen über den Boden unbemerkt Wunden zugezogen, die oberflächlich schnell verheilten, aber innerlich das Gewebe und schliesslich auch die Knochen „auffrassen“, so dass ein schwarzes, faustgrosses Loch in seiner Hüfte entstand. Wegen eines resistenten Keimes musste er zehn Monate lang in einem Isolierzimmer liegen und dort um sein Leben kämpfen. Er überlebte, aber unser kindliches Vertrauen in Gott war zerstört.

Die Erklärung von der gestrandeten Welt half mir nicht weiter; es tröstete mich nicht zu wissen, dass es uns alle traf und Gott es nicht so geplant hatte. Es kam mir beinahe lächerlich vor: Der grosse Gott, dem die Hände gebunden sind, weil er sich unserem freien Willen unterworfen hatte. Der traurig, aber hilflos den Kopf schüttelte: „Tut mir leid, aber das wollte ich nicht.“ Verhielt sich so ein liebender Vater? Ich jedenfalls war am Ende. Wenn ich mit Gott sprach, hörte ich ihn nicht. Mir ging es wie einem der Propheten: „Schon so lange, Herr, rufe ich zu dir um Hilfe und du hörst mich nicht! Ich schreie und du greifst nicht ein!“ (Die Bibel, Habakuk, Kapitel 1, Vers 2).

Gott trägt die Schuld

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Ganz langsam entstand und entsteht aus dieser Krise heraus bei mir und Markus etwas Neues. Die „neue Schöpfung“, von der die Bibel berichtet, ist uns wichtiger geworden als die alte. In unserem kleinen Mikrokosmos können wir es manchmal nicht erkennen, aber Gott hat längst in diese unerklärlich ungerechte Welt eingegriffen. Und das bereits vor 2000 Jahren.

Gott, der selbst die Welt mit all ihren Naturgesetzten geschaffen hat – einschliesslich des Gesetzes, dass die Menschheit selbst die Verantwortung für ihr Handeln trägt – ist eben kein Sklave eines dogmatischen Prinzips. Er hat das Wehklagen seiner Geschöpfe nicht länger unbeantwortet lassen wollen und sich entschieden, den Menschen von sich aus die Hand zu reichen, um eine neue Beziehung möglich zu machen.

Vielleicht greift Gott nicht so in unser Leben ein, wie wir es erhoffen – aber was würde dann passieren? Wenn Gott wie ein Weihnachtsmann auf unsere Gebete hören und uns alles geben würde, was wir wollen – wo wäre dann der freie Wille Gottes, der immer aus Liebe handelt, aber Menschen zur ganz tiefen Umkehr bewegen will?

Wäre es nicht irgendwie zu einfach, wenn Gott immer unseren menschlichen Ansprüchen gerecht werden würde, und würden wir ihn dann noch wirklich ernst nehmen? Würden wir nicht einfach ja zu ihm sagen, weil es der vordergründig leichtere Weg wäre? – Mehr und mehr bin ich überzeugt davon, dass Gott uns unsere Würde und unseren freien Willen lassen will, damit wir wählen können, ob wir seine ausgestreckte Hand ergreifen oder nicht. Und diese ausgestreckte Hand ist seit zwei Jahrtausenden Jesus.

Wir entscheiden uns vielleicht aus unterschiedlichen Perspektiven, über eine Beziehung zu Gott nachzudenken und Christen zu werden. Die einen erkennen vielleicht primär die grosse Liebe Gottes darin, dass Gott es zuliess, dass sein eigener Sohn dem freien Willen der Menschen geopfert wurde. Oder wir sind von dem grosse Geschenk des ewigen Lebens besonders berührt, dass Jesus uns durch seinen Tod und seine Auferstehung gemacht hat.

Oder es erscheint uns plötzlich alles logisch: Die Regeln der Welt, in der wir leben, passen exakt mit dem überein, was wir in der Bibel lesen. Wenn wir schliesslich Christen werden, kommt sicher alles zusammen – aber manchmal vergessen wir, dass Jesus nicht nur unsere Schuld trägt, sondern auch, dass er wie wir gelitten hat.

Tief im Leid fühlen wir uns meist wortwörtlich von Gott und der Welt verlassen. Doch genau dort, in den Tiefen unseres Lebens, gibt es einen, der uns genau versteht und für uns da ist, auch wenn wir ihn nicht spüren: Jesus wurde von Anfang an abgelehnt; er wurde in einer Scheune geboren, weil es keinen Platz mehr in einer Herberge gab; die religiösen Führer und die Menschen aus seinem Heimatort lehnten ihn ab, seine besten Freunde liessen ihn in den schlimmsten Stunden seines Lebens im Stich, er wurde gedemütigt, bespuckt, gefoltert, und dann, im Todeskampf, fühlte er sich auch von seinem himmlischen Vater verlassen und rief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Die Bibel, Matthäus, Kapitel 27, Vers 46).

Jesus kennt das Leid aus persönlicher Erfahrung. Aber auch sein himmlischer Vater: Wir Menschen waren es schliesslich, die ihn verlassen haben, und die sich immer und immer wieder gegen ihn entscheiden. Und selbst, wenn es uns schlecht geht, klagen wir ihn noch an, weil er unseren Erwartungen nicht gerecht wird, obwohl er sie doch längst auf die liebevollste und schmerzlichste Weise erfüllt hat: Gott trägt unser Leid durch Jesus Christus.

Eine neue Richtung: Vom Warum zum Wozu

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Unser Blick schweift weg von uns und unserem Schicksal in die Weite.
Hilft uns die Frage nach dem Warum also weiter? Vielleicht hilft es uns, zumindest vom Verstand her zu erkennen, warum Gott nicht so detailliert eingreift, wie wir es gerne hätten. Vielleicht tröstet uns auch der Gedanke, dass Gott durch Jesus mitten in unserem Leid ist, auch wenn wir ihn wegen der seelischen Schmerzen nicht spüren können.

Die Seele reagiert da wie unser Körper: Wenn wir Schmerz empfinden, ist dieses Gefühl so stark, dass andere Emotionen daneben wenig Raum haben. Doch Gott weiss das aus eigener Erfahrung und hat Geduld mit uns. Seine Liebe hört niemals auf und bleibt auch in den Phasen bestehen, in denen wir ihm wie trotzige Kinder unser „Warum?“ um die Ohren hauen. Aber was kommt danach?

Zunächst ist die Frage nach dem Warum sicher berechtigt und gehört zum Trauerprozess dazu. Leid ist ja eigentlich nichts anderes, als um jemanden zu trauern: um uns selbst oder andere Menschen. Durch Leid verlieren wir den Boden unter den Füssen, wir verlieren das behütete Leben, das wir vorher vielleicht als selbstverständlich erfahren haben.

Das Warum führt uns dann in die Vergangenheit und zwingt uns zur Auseinandersetzung – aber nicht zum Abschied. Im Gegenteil, es lässt uns verharren und versperrt uns den Blick in die Zukunft. Um loslassen zu können, hat mir dann geholfen zu überlegen, wozu die jeweilige Situation gut war. Weg vom Warum, hin zum Wozu. In bestimmten Trauerphasen erschien mir diese Frage aber auch beinahe grotesk. Denn widerfährt einem Menschen etwas Leidvolles, folgt meist ein ganzer Rattenschwanz an leidvollen Erfahrungen. Und wozu soll das schon gut sein?

Als mein Mann 2002 schliesslich aus dem Krankenhaus kam, lebte er zwar, aber mit neuen Einschränkungen: Ihm fehlen drei Wirbel, wodurch Lunge und Magen gestaucht sind. Wegen des langen Krankenhausaufenthaltes hatten wir unser Erspartes verloren und mussten einen zusätzlichen Kredit aufnehmen. Unser Haus ist nur zur Hälfte ausgebaut und es gibt auch keine Perspektive, dass sich das jemals ändert. Während unserer Abwesenheit hatten wir ausserdem einige Wasserschäden, und der daraus entstandene Schimmelbefall griff erneut die Lunge meines Mannes an.

Das ständige Kranksein belastete wiederum die Beziehungen zu Freunden. Freundschaften, Gesundheit, Finanzen – nicht nur unser altes Leben war wieder zerbrochen, sondern auch der Traum von der Zukunft – beide Lebenstürme liegen in Trümmern, wie das World Trade Center. Wie soll man da noch erwartungsfroh in die Zukunft blicken?

Gottes Sohn genügt

Sie steht immer noch in einer Wüste aus Staub und Beton und es ist immer noch grau. Doch die Menschen sind nicht mehr sprachlos, sie packen an und räumen die Trümmer beiseite, auch wenn sie nicht wissen, wie viel Zerstörung sie darunter erwartet. Die junge Frau fegt den Staub zusammen, auch wenn dadurch noch mehr aufgewirbelt wird.

Noch immer kann man die Sonne kaum sehen; sie erscheint wie ein unwirklicher Ball im Dunst des Himmels. Das „Warum?“ hallt weiter in den Köpfen der verwaisten und verletzten Menschen, aber sie versuchen trotzdem, ihre Häuser wieder aufzubauen und durch das Grau die Sonne zu sehen.¨

Von den Menschen aus den Kriegsgebieten kann man viel lernen. Am Ende jedes Trauerprozesses erwartet uns nämlich der Blick nach vorn. Wenn wir ehrlich sind, macht uns die Frage nach dem Warum doch auf Dauer bitter und depressiv. Und wenn wir die Frage nach dem Wozu im falschen Moment stellen, macht auch sie uns schwermütig und hoffnungslos. Vielleicht aber sollte die Frage nach dem Wozu nicht einfach lauten: „Wozu war das gut?“, sondern präziser: „Was kann ich mit Gottes Hilfe daraus machen?“

Wenn wir zu dieser neuen Fragestellung gelangen, schweift unser Blick weg von uns und unserem Schicksal in die Weite. Denn auch wenn unser Leben nicht mehr wie vorher ist und unsere Lebenspläne durchkreuzt wurden, kann unser Leben eine neue Perspektive gewinnen – durch und mit Jesus Christus. Denn auch wenn ich in meinem Leben sicher noch neues Leid erfahren werde und immer wieder zu dem Warum zurückkomme, stelle ich mir gleichzeitig folgende Frage: Ist Gott nicht doch hier, mitten im Leid? Reicht Jesus nicht aus?

Autorin: Nicole Schenderlein


Quelle: Neues Leben

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