Peter Rickhaus

Warum ich (immer noch) Christ bin?

Ja, warum sollte ich nicht (immer noch) Christ sein? Wohl, weil ich selber viele Gründe gegen das Christsein kenne. Aber für mich ist – sonderbarerweise – das Nachdenken über die Einwände gegen den Glauben zu einer entscheidenden Glaubenserfahrung geworden. Persönliche Gedanken des Mennoniten Peter Rickhaus. 

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Peter Rickhaus
Die Argumente gegen das Christsein scheinen oft sehr abstrakt zu sein, aber häufig finde ich sie in ganz alltäglichen Erlebnissen und Gefühlen wieder.

Gottes Unfassbarkeit zum Beispiel. Die Existenz Gottes ist weder beweisbar noch widerlegbar, Gott ist vielleicht erfahrbar, aber nicht fassbar. Das ist problematisch. Weshalb sollte ich die Welt mit Gottes Wirken erklären, wenn ich sie auch ohne Gott erklären kann? 

Nur eine Projektion – oder ein Gefühl?

Dieser Vorbehalt ist nun aber nicht rein abstrakt, er rüttelt sehr konkret an der Verankerung meines Glaubens. Denn ich sage von mir, dass ich glaube, weil ich etwas von Gottes Liebe «erlebt» oder «erfahren» habe. Aber dieses Gotteserlebnis kann ja auch eine Täuschung sein, eine Projektion innerer Sehnsüchte auf eine Vorstellung, die ich «Gott» nenne. Vielleicht beschreiben moderne Begriffe der Psychologie meine «Gotteserfahrung» besser als biblische Begriffe wie «heiliger Geist», «Bekehrung», etc.

Andere Einwände gegen das Christsein ergeben sich aus den Widersprüchen der Theologie. Über den prominentesten Widerspruch wird schon sehr lange nachgedacht: Wie kann ein liebender Gott so viel sinnloses Leid zulassen? Eine konkrete Entsprechung für mich ist: Weshalb ist da auch eine Unruhe und Melancholie in mir, obwohl Gott mit seiner Fülle und Liebe doch da ist?

Unerreichbares Ideal?

Das Nachdenken über die Nachfolge bietet eine weitere quälende Auseinandersetzung. Jesus fordert ein unerreichbares Ideal, das ich zwar bewundere, aber trotz der angeblichen «Begabung mit dem Heiligen Geist» bei weitem nicht erreiche. Und hier scheine ich in der Gemeinde der Glaubenden in bester Gesellschaft zu sein. Eine Blutspur zieht sich schon durch das Alte Testament, etwa bei David, diesem «Menschen nach dem Herzen Gottes», der Völkermord beging (2. Sam 8,2). Die Geschichte der Christen (auch der Mennoniten) ist hässlich und oft blutig, und viele erleben ihre Gemeinden nicht als Orte des Heils, sondern der Verletzungen.

Gegen das Christsein spricht also das grenzenlose Versagen: Das Versagen, Gott in der Sinnlosigkeit des Alltags zu erfassen, das Versagen der Theologie, Gottes Liebe und Macht in Einklang zu bringen, mein persönliches Versagen an Jesu Idealen und schliesslich: Die offenbar schwache Wirkung der Liebe Gottes in mir und in anderen.

Die Unmöglichkeit der Nachfolge

Es ist spannend zu sehen, dass genau diese Widersprüche ganz wesentlich zum Kernereignis meines Glaubens gehören. Die Kreuzigung ist für Jesus nicht bloss körperliche Qual, viel grösser muss die seelische sein, die er durch Gottes Abwesenheit und das Versagen seiner Jünger erleben musste. Ausgerechnet er, der Liebe predigte und lebte, wurde sinnlos gehasst. Und an den Kern seiner Predigt – Erbarmen, Treue, Liebe – hält sich keiner seiner Nachfolger. Jesus selbst versteht den Widerspruch zwischen Gottes Liebe und seiner Abwesenheit nicht.

Karfreitag liefert also genügend Gründe, kein Christ zu sein. Denn dort zeigt sich die Unmöglichkeit der Nachfolge, die Unmöglichkeit, Gott zu erfahren oder zu erklären und die Schwachheit der Liebe (oder des «Gutmenschentums») in aller Bitterkeit.

Glauben in den Widersprüchen

Für mich ist die Erkenntnis wichtig, dass quälende Widersprüche nicht einfach Angriffe auf den Glauben sind, sondern ganz wesentlich zur Glaubenserfahrung dazugehören. Ich bin daher nicht trotz der Widersprüche Christ, sondern entschieden mit ihnen. Und darin finde ich Trost für mein widerspruchsvolles und oft sinnloses Leben. Weshalb ich aber Christ bin, weiss ich nicht. Ich kann zwar darüber spekulieren: Aus Herkunft, aufgrund einer Gotteserfahrung, wegen Vorbildern des Glaubens, aus Vorsehung, etc. Könnte ich es mir aber genau erklären, so müsste ich die Widersprüche lösen. Dann hätte ich die besten Gründe, Christ zu sein, könnte mich gemütlich zurücklehnen und mein widerspruchslos glückliches Christsein leben. Damit wäre ich aber Christus und seiner Kreuzeserfahrung ganz und gar fremd geworden. Wenn ich mit Sicherheit wüsste, weshalb ich Christ bin, hätte ich aufgehört, es zu sein.

Peter Rickhaus ist Mitglied der Mennonitengemeinde Bruggi, Münchenstein. Er schreibt derzeit seine Doktorarbeit im Bereich Nanoelektronik (Experimentalphysik)

Webseite:
PERSPEKTIVE


Autor: Peter Rickhaus
Quelle: PERSPEKTIVE

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