Gibt es einen Gott?

Blutspuren in der Geschichte der Kirche

Es gibt Argumente, die gegen Gott sprechen. Auch wenn sie widerlegt werden – Gott lässt sich damit nicht beweisen. Trotzdem verdienen ehrliche Sucher eine Antwort. Wir legten die häufigsten Argumente gegen Gott dem versierten Apologeten Felix Ruther vor. Heute das Problem von Gewalt Blutspuren in der Geschichte, in die auch Kirchenfürsten und «christliche» Kaiser verwickelt waren.

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Bild aus der Filmserie «Arn - der Tempelritter»
Jesus.ch: Herr Ruther, ein Argument gegen die Christen ist der Verweis auf die blutige Geschichte, in die auch die christliche Kirche verwickelt war. Der deutsche Religions- und Kirchenkritiker Karlheinz Deschner schrieb sogar eine «Kriminalgeschichte des Christentums».
Felix Ruther: Mit der Geschichte der Kirche sind in der Tat auch Zwangstaufen, Missionskriege, Kreuzzüge, Inquisition, Ketzerverfolgung, Hexenverbrennung und Religionskriege verbunden. Doch wenn die Religionsausübung eingedämmt oder verhindert wurde, war das Resultat auch nicht friedlicher. Das zeigt der Theologe Alister McGrath in seiner Geschichte des Atheismus. «Im 20. Jahrhundert finden wir eines der grössten und traurigsten Paradoxe in der Geschichte der Menschheit: die grösste Intoleranz und Gewalt dieses Jahrhunderts wurde von denen praktiziert, die glaubten, dass die Religion zu Intoleranz und Gewalt führt.»

Man muss diesen Vorwurf im übrigen sauber untersuchen und sich fragen, ob es einen grundsätzlichen Zusammenhang zwischen Christentum und Gewalt gibt.

Dazu stellen sich drei Fragen an das Christentum:

  1. Das Neue Testament (NT) wird im Christentum als kritische Instanz zur Beurteilung des christlichen Verhaltens angesehen. Werden im NT Gewalttendenzen sichtbar?
    Die Antwort lautet: Nein. Jesus hat die Nächstenliebe zur Feindesliebe erweitert, gegen das Vergelten das Vergeben gefordert und er hat die Sanftmütigen, die Barmherzigen, die Friedfertigen und die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten selig gesprochen. Bei seiner Verhaftung hat er ausdrücklich seine Verteidigung mit Gewalt abgelehnt. Im Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen plädierte er für das Wachsenlassen der bösen und der guten Saat.

  2. Wodurch haben die aufgezählten Exzesse ihr Ende gefunden? Zwei Antworten sind denkbar:
    • von innen, durch innerkirchliche Selbstkritik oder
    • von aussen, z.B. mit dem Argument «Weil das Christentum an Einfluss verlor, setzten Nichtchristen dem Spuk ein Ende». Historische Untersuchungen zeigen nun, dass die Kritik von innen kam: Weil man diese verwerflichen Handlungen nicht mit der Botschaft von Jesus vereinbaren konnte, wurden sie gestoppt.

  3. Wenn die aufgezählten Gewalterscheinungen grundsätzlich mit dem Christentum verbunden sind, dann müssten sie auch in den nicht-lateinischen Kirchen auftreten. Oder liegen die Ursachen in der lateinischen Kirchengeschichte und nicht im gemeinsamen Ursprung?

    Meine Antwort darauf lautet: Wir sehen in der Tat, dass die Ostkirche keine Kreuzzüge kennt, obwohl sie ständig gegen die Muslime kämpfen musste und 1204 im Rahmen der lateinischen Kreuzzüge geplündert wurde.

Es gibt auch den Vorwurf, nur schon die Exklusivität des christlichen Glaubens und sein Wahrheitsanspruch genüge als Begründung von Gewaltanwendung. Der Missionsbefehl sei intolerant.
Das Gegenargument lautet: Wer von einer Sache überzeugt ist, ist nicht schon deshalb intolerant, weil er seine Überzeugung anderen vermitteln will. Wer seinem Gegenüber sagt: «Du irrst dich», muss deswegen noch nicht intolerant sein. Sonst wäre allein der absolute Agnostiker – der an allem zweifelt – tolerant. Aber wer gar nichts für verbindlich hält, für den ist auch das Gewaltverbot unverbindlich.

Heute argumentieren auch Religionsgeschichtler, insbesondere der Ägyptologe und Kulturphilosoph Jan Assmann, dass erst durch den Monotheismus «Gewalt im Namen Gottes» in die Welt gekommen sei. Haben sie unrecht?
Ich sehe diese Behauptung als Ausdruck einer sehr selektiven Geschichtswahrnehmung. Sie klingt meines Wissens zuerst beim Philosophen Pierre Bayle an und ist von David Hume weiter ausgeführt worden. Heute vertritt diese These nebst Jan Assmann auch Odo Marquard.

Dass Polytheisten – also Menschen, die an mehrere Götter glaubten – friedlichere Menschen gewesen seien, kann nicht ernsthaft behauptet werden. Man muss nur Homers «Ilias» lesen oder die Geschichte der polytheistischen Azteken studieren. Bei den Azteken wurden Kriege geführt, die allein dazu dienten, den Nachschub an Menschenopfern zu sichern. Auch die Christenverfolgungen zeigen, dass die Toleranz der römischen Polytheisten begrenzt war. Am 10.2.1258 übergab der Kalif Bagdad kampflos seine Stadt den Mongolen. In den folgenden zehn Tagen ermordeten die polytheistischen Mongolen 800’000 Einwohner!
 
Dieser Artikel wurde uns freundlicherweise vom Magazin INSIST zur Verfügung gestellt.
 
Dr. Felix Ruther ist Studienleiter der Vereinigten Bibelgruppen VBG und Präsident des Instituts INSIST.


Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet

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