«Es ist sinnvoller, die Menschen, die in Moscheen lehren, an unseren Hochschulen auszubilden, als sie aus islamischen Ländern einzufliegen.» Das meint Chrischona-Direktor Markus Müller. «Keine gute Idee», sagen hingegen TDS-Rektor Paul Kleiner und VFG-Präsident Max Schläpfer.
Eine Nationalfonds-Studie sorgte dieser Tage für einiges Aufsehen. Demnach zeichnet sich für eine Imam-Ausbildung an Schweizer Hochschulen ein breiter Konsens ab. Sowohl Muslime als auch Schweizer Institutionen versprächen sich eine integrationsfördernde Wirkung und mehr Transparenz für die Gesamtgesellschaft.
Wissen, was sich ereignet
Chrischona-Direktor Markus Müller geht von der «Religionsfreiheit als fundamentalem und unverzichtbarem Wert» aus. Sein Fazit: «Es ist sinnvoller, die Menschen, die in Moscheen lehren und an Schulen unterrichten, an unseren Hochschulen auszubilden, als sie aus islamischen Ländern einzufliegen und hier wirken zu lassen, ohne dabei zu wissen, was sich im Geheimen ereignet.» Unsere Gesellschaft habe sich für die Integration von Moslems entschieden. Jetzt müsse geprüft werden, welche Vorgaben eine Imam-Ausbildung zu erfüllen habe.
Max Schläpfer, Leiter der Schweizerischen Pfingstmission (SPM) und Präsident des Verbandes der Freikirchen und Gemeinden (VFG), zeigt sich zurückhaltender: «Ich habe Mühe, mir vorzustellen, dass unsere Steuerzahler eine Hochschulausbildung für Imame finanzieren sollen.» Natürlich sollten Imame unser Rechtssystem kennen und gegenüber Muslimen vertreten. Doch das könnte auch mit einem «verpflichtenden Kurs» als Bedingung für die Zulassung von Imamen erreicht werden. Wenn schon, so müssten Dozenten einer Imam-Ausbildung mit der westlichen Welt vertraut sein und die Grundwerte unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung «verstehen und bedingungslos akzeptieren».
Max Schläpfer, Präsident des Verbandes der Freikirchen und Gemeinden (VFG)
Breiter Konsens?
Auch der Rektor des Theologisch-Diakonischen Seminars Aarau (TDS), Paul Kleiner, hält eine Imam-Ausbildung an einer staatlichen Hochschule «für keine gute Idee». Ob in dieser Frage in der Bevölkerung «ein breiter Konsens» herrscht, bezweifelt Kleiner. Gegen Islamwissenschaften oder islamische Theologie als wissenschaftliches Fach an einer Hochschule sei nichts einzuwenden, ebenfalls nichts gegen ein entsprechendes Angebot an einer privaten, staatlich anerkannten Hochschule. Sinnvoll wäre es laut Kleiner, Studiengänge oder Weiterbildungen im Bereich interreligiöse Kompetenzen anzubieten, und zwar nicht nur für Imame, aber auch als Teil ihrer Ausbildung. «Dies sollte aber nicht unbedingt der Staat vorschreiben», meint der TDS-Rektor, «sondern der entsprechende islamische Verein.»
Wie sonst könnten Imame und weitere Muslime dem kulturellen Hintergrund der Schweiz näher kommen? Markus Müller spricht die Christen selber an: «Unsere christlichen Gemeinden sollten Lernzentren für Integration unterschiedlich denkender Menschen sein.» Christen bräuchten aber auch «einen Schub an Liebe und Wertschätzung zu unserem Staat und unserem Staats- und Gemeinwesen».
Rechte und Pflichten
Max Schläpfer fordert Information und Verständnis: «Anpassung kann nur geschehen, wenn daneben auch unser Recht konsequent durchgesetzt wird, bis hin zu Fragen des Schwimmunterrichts.» Der VFG-Präsident wünschte sich vermehrt Stimmen aus dem «gemässigten Islam», die sich zu Fragen der Pressefreiheit (Mohammed-Karikaturen), des Schleiertragens oder der Konvertierungsfreiheit «integrativ melden».
Paul Kleiner, Rektor des Theologisch-Diakonischen Seminars Aarau (TDS)
Paul Kleiner möchte jenen Muslimen, die eine echte «Aufklärung» des Islam vorantreiben, «mehr Raum gewähren». Daneben gelte es, die Balance zu halten zwischen Minderheitenschutz und Religionsfreiheit einerseits sowie Rechtsstaatlichkeit andererseits. Der Leitsatz des TDS-Rektors: «Rechte gewähren und Pflichten einfordern!» Christen jedenfalls sollten gerade Muslimen mit Liebe und Anteilnahme begegnen: «Die meisten haben keine Chance, das Evangelium von Jesus Christus in ihrem Heimatland so frei zu hören und anzunehmen, und sie bringen die Vorstellung eines dekadenten, ungläubigen Westens mit - was leider teilweise stimmt.»
«Nicht europäisieren»
«Der Islam lässt sich nicht europäisieren.» Das sagt Muhammad Tufail von der Koordination Islamischer Organisationen der Schweiz im «Tages-Anzeiger». Christen und Muslime sollten sich respektieren, aber der Glaubenswechsel bleibe heikel. Tufail wirbt gar um Verständnis für Muslime, die ihre Kinder verstossen oder zum Tod freigeben: «Für die Eltern ist der Abfall vom Glauben eine Katastrophe. Sie verlieren den Respekt der Gemeinschaft, werden ausgestossen und sehen sich als Versager.»
Datum:
11.08.2009 Autor: Andrea Vonlanthen Quelle: ideaSpektrum Schweiz