Die Bindung an Gottes Wort befreit Menschen von «Selbstzwängen und
von Sachzwängen». Und sie hat Demokratie ermöglicht. Dies sagte der
deutsche Kirchenleiter Nikolaus Schneider.
Nikolaus Schneider
Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in
Deutschland (EKD), hielt am deutschen Reformationstag (31. Oktober 2011)
in der Lutherkirche der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden einen
Vortrag unter dem Titel «Die Kraft des Zweifels». Darin führte er aus,
dass Menschen in einer solchen Bindung an Gottes Wort «ihr menschliches
Mass» annehmen könnten. Dazu gehöre «die Begrenztheit, die
Zeitbedingtheit und die Vergänglichkeit alles Irdischen…, die
Fehlbarkeit des menschlichen Denkens, Planens, Entscheidens und
Handelns» und «die Fähigkeit des Menschen zum Fragen und Zweifeln, zur
Umkehr, zu Veränderung und Neuanfang.»
«Mut zu konkretem Zweifel»
Schneider erinnerte an Martin Luther: Dem Reformator sei es darum
gegangen, «dass Christenmenschen vor Gott ihre Höllenangst verlieren und
vor Gott und Menschen ihre Glaubensfreiheit entdecken. Und dass sie in
dieser Freiheit ihre Verantwortung vor Gott und für die Welt und ihre
Mitmenschen wahrnehmen». Teil dieser evangelischen Freiheit und
Verantwortung sei die «Absage an blinden Gehorsam und der Mut zu
konkretem Zweifel» in allen Lebensbereichen.
Die Theologie, so Schneider weiter, könne konkrete Fragen und
konkrete Zweifel des menschlichen Verstandes nicht vorschnell als
«Geheimnis des Glaubens abwürgen». Zwar gelte, dass «Gott und der Glaube
an Gott grösser und mehr» seien, als menschlicher Verstand und
menschliche Logik es fassen und begründen können, aber konkrete Zweifel
an überlieferten Glaubenswahrheiten und das individuelle, ganz
persönliche «Verstehen-Wollen» von Gottes Wort und Gottes Offenbarungen
dürften «um der Redlichkeit wissenschaftlicher Arbeit und auch um Gottes
willen» nicht verteufelt werden.
Aufklärung auf dem Boden der Reformation
Die in der Reformation wieder neu entdeckte evangelische Freiheit, so
Schneider, sei in ihren Auswirkungen nicht auf die Kirchengeschichte
beschränkt gewesen. Vielmehr sei «der Gedanke der Freiheit eines jeden
Christenmenschen mitentscheidend für den demokratischen Weg unserer
Gesellschaft» gewesen. Rückblickend sei zu erkennen, so der Präses, dass
die Forderung der Aufklärung nach dem «Ausgang des Menschen aus seiner
selbstverschuldeten Unmündigkeit» (Immanuel Kant) als eine «Entfaltung
der reformatorischen Einsicht in die Unvertretbarkeit jeder Person»
verstanden werden könne, auch wenn dies in der Aufklärung zumeist ohne
die Rückbindung an Gott propagiert wurde. Das reformatorische
Freiheitsverständnis habe so weit über Kirche und Christentum hinaus in
die Gesellschaft hineingewirkt. «Die im Glauben begründete unmittelbare
Stellung einer Person vor Gott schliesst nach reformatorischem
Verständnis aus, dass politische Institutionen Zugriff auf den Glauben
der Einzelnen haben.»
Mit Glauben und der «Kraft des Zweifels»
Mit diesem Grundsatz ist laut Schneider die Basis für die moderne
Religions- und Gewissensfreiheit gelegt worden. Im Blick aber auf
multireligiöse Verhältnisse und die Islamdebatte sei es unverzichtbar,
diesen Grundsatz für unsere heutigen Bedingungen konkret zu entfalten:
«Gesellschaftliche Strukturen, wirtschaftliches Handeln,
Rechtsauffassungen, Wissenschaftskonzepte, Kultur, Kunst und
Moralvorstellungen wurden und werden von dem Freiheitsverständnis der
Reformation geprägt. Die Befreiung aus ,klerikaler Bevormundung‘ durch
Luther und die Reformation ermutigte und ermutigt bis heute
Christenmenschen, den Geist der Freiheit und die Kraft des Zweifels auch
in nichtkirchlichen Lebensbereichen ,wehen‘ zu lassen.» Das, so
Schneider abschliessend, bewahre eine Gesellschaft vor «Verkrustungen»
und tue ihr gut.
Mit einer Pfingstkonferenz will die Vineyard-Bewegung über Pfingsten den geistlichen Aufbruch in Europa fördern. Wer ist die Vineyard, und was bewegt...