Arne Kopfermann gehört zu den ersten deutschen Lobpreis-Musikern, die in Kirchen mit E-Gitarre und Schlagzeug auftraten. Nach 13 eigenen Veröffentlichungen und knapp 50 Lobpreis-Alben, für die er als Produzent verantwortlich zeichnet, bringt der 43-Jährige im September eine CD heraus, die so gar nicht klingt wie ihre Vorgänger. Mit dem Medienmagazin «pro» sprach er über eine Zeit, in der seine Zuhörer aus Protest Konzerte verliessen und erklärt, warum das Wort «Gott» auf seiner neuen CD nur selten vorkommt.
Medienmagazin «pro»: «Der Teufel singt seine Lieder auf unzähligen Schallplatten, Kassetten und CDs.» Das Zitat aus einem Artikel über Rockmusik und Okkultismus zeigt die Meinung vieler Christen vor zehn, zwanzig, Jahren. Du warst einer der ersten Rock-Lobpreisleiter im deutschsprachigen Raum. Passen Rockmusik und Lobpreis heute besser zusammen? Arne Kopfermann: Ja, und viele Christen haben ihre Meinung klammheimlich geändert. Viele, die vor einigen Jahren noch die Rockmusik verteufelt haben, sehen das heute anders, haben ihre Meinung aber nie öffentlich widerrufen. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da durfte auf einem christlichen Album kein einziger verzerrter Gitarrenton drauf sein, weil das als Symbol der unchristlichen Musik galt, also zum Feld des Teufels gehörte.
Wenn man aber in die Kirchengeschichte schaut, wird klar, dass es das in jeder Epoche des Christentums gegeben hat. In der reformierten Kirche wurden über Jahrhunderte Orgeln verbrannt, weil sie als die Pfeifen des Teufels galten. In der Ostkirche wurde im letzten Jahrhundert noch der mehrstimmige Gesang aus dem Gottesdienst verbannt, weil er für Eitelkeit gestanden haben soll. Die Musik-Kirchengeschichte ist voll von diesen Restriktionen unter dem Deckmäntelchen der reinen Anbetung. Wir sollten längst darüber hinweg sein. Denn wir müssen Formen der Anbetung finden, die kultur- und zeitrelevant sind und dem Musikkonsum der Menschen entsprechen.
Du warst Teil einer Lobpreis-Revolution. Die St. Petri-Kirche in Hamburg, deine Heimatkirche, war eine der ersten Gemeinden, die Schlagzeug und E-Gitarre zuliess und nicht mehr auf die gute alte Orgel setzte. Wie hast du diese Umbruchszeit erlebt? Ich bin ein Kind der charismatischen Bewegung. Wir haben Lobpreis und Anbetung schon in Gottesdienste integriert, als das für andere noch ein rotes Tuch war. Emotionalität, besonders in der Musik, galt im evangelikalen Bereich lange als verdächtig. Musik galt als Rahmenprogramm für das Wort. Ich war damals Teil einer Erweckungsbewegung in Hamburg. Unsere Gemeinde wuchs innerhalb kürzester Zeit von 300 auf über tausend Gottesdienstbesucher, wir haben Heilungsgottesdienste veranstaltet und wurden deutschlandweit wahrgenommen...
Du sprichst von der St. Petri-Kirche, die sich später von der Landeskirche loslöste. Dein Vater Wolfram gründete damals die Freikirche «Anskar» ... ... genau, «Spiegel» und «Stern» berichteten darüber und wir wurden zum Hamburger Stadtgespräch. Das war ein Aufbruch. Nach und nach wurde der charismatische Ansatz, aber eben auch der rockige Lobpreis, salonfähig. Aber das ging langsam. Es gab Zeiten, da haben wir bei Lobpreis-Konzerten innerhalb von Minuten den Raum leer gespielt - die Leute sind einfach aus Protest gegangen. Ich erinnere mich an eine Jugendgruppe, die uns einmal nach einem Konzert zur Rede gestellt hat und uns erklären wollte, warum das, was wir tun, biblisch falsch ist. Damals haben wir noch nicht mal wilde Rockmusik gespielt.
Du hast Soziologie studiert, du dürftest dich also mit Massenphänomenen auskennen. Oft wirken Menschen bei Grossveranstaltungen wie Lobpreiskonzerten und Heilungsgottesdiensten hoch emotionalisiert, brechen gar in Tränen aus. Die Vermutung liegt nahe, dass dafür nicht nur die Begegnung mit Gott, sondern gelegentlich auch einfach die Gruppendynamik verantwortlich ist. Bist du manchmal selbst skeptisch gegenüber grossen Lobpreis-Events? Ja. Ich kenne die charismatische Welt in vielen ihrer Facetten und bin nicht mit allem glücklich, was dort praktiziert wird oder wurde. Gerade zur Zeit des Toronto-Segens habe ich viele Dinge erlebt, von denen ich nicht glaube, dass sie biblisch fundiert waren. Ich habe aber auch viel Positives erlebt. Gemeinden können immer manipuliert werden. Das kann der Prediger durch seine Rhetorik erreichen. Der Musiker tut es mit seinen Mitteln. Lobpreis ist mit bestimmten Techniken auch ohne Gott denkbar - allein durch die Gruppendynamik würde mit den Zuhörern etwas passieren.
Aber bei Lobpreis geht es eigentlich darum, dass uns Gott nah kommt und das Herz berührt. Lobpreis darf nie nur Musik sein. Er darf nicht einfach nur funktionieren, sondern muss gemeinsames Gebet vorantreiben. Ein Wunschkonzert der grössten Lobpreishits geht am Thema vorbei.
Hat sich unsere Lobpreis-Bewegung in diese Richtung entwickelt? Erleben wir lieber ein nettes Hillsong-Popkonzert, als im Stillen anzubeten? Es geht in diese Richtung, aber die Medaille hat immer zwei Seiten. Wir spüren eine neue Begeisterung für Gott, eben weil es populäre Musik gibt, die das ausdrückt und Menschen anzieht. Kritisch sehe ich es, wenn Lobpreisleiter zu Popstars stilisiert werden. Das gibt es vor allem im internationalen Bereich. Chris Tomlin und Matt Redman beispielsweise sind nicht nur Millionäre, sondern sie haben auch ein Superstar-Image, auch wenn ihnen das selbst unangenehm ist. Es ist gerade in den USA normal geworden, dass jede christliche Band irgendwann mal ein Lobpreis-Album aufnimmt. So nach dem Motto: Wenn das letzte Album gefloppt ist, werden es die Klassiker schon richten.
Ist es moralisch verwerflich, mit Lobpreis Geld zu verdienen? Es kommt darauf an, wie man damit umgeht. Der weltberühmte Pastor Rick Warren etwa hat für sein letztes Buch einige Millionen Dollar Vorschuss vom Verlag bekommen. Was macht er damit? Er gibt nicht das biblische eine Zehntel seines Gehalts, sondern neun Zehntel ab. Er wird von seiner Gemeinde nicht bezahlt. Er ist im Gegenteil sogar zum grössten Spender in seiner eigenen Gemeinde geworden. Ich finde es nicht schlimm, wenn ein Frommer reich wird. Charakterliche Stärke zeigt sich darin, was er mit seinem Geld macht. Im Lobpreisbereich bedeutet das: Die Spreu trennt sich da vom Weizen, wo die Musiker primär auf den Erfolg schielen oder andere erfolgreiche Kollegen imitieren, anstatt zu versuchen, eine eigene Linie zu finden und ihr treu zu bleiben.
Dein neues Album «Storys» hat wenig mit klassischem Lobpreis zu tun. Es ist ein Liedermacher-Album. Ist dir dein eigentliches Leib- und Magenthema zu langweilig geworden? Als mein letztes Album «Geheimnisvoller Gott» rausgekommen ist, habe ich das nicht in einer Gemeinde vorgestellt, sondern stattdessen ein Release-Konzert in unserem Wohnzimmer gegeben. Gemeinsam mit meiner Frau habe ich Nachbarn, Freunde und Eltern von Freunden unserer Kinder eingeladen. Am Ende kamen 60 Zuhörer in unsere Wohnung, davon waren etwa die Hälfte Aussenstehende, die mit dem Glauben nicht viel am Hut haben. Ich dachte mir: Wenn ich es nicht schaffe, die Worship-Songs, die ich geschrieben habe, so anzumoderieren, dass Menschen, die nicht regelmässig in Gottesdienste gehen, auch etwas damit anfangen können, sind meine Lieder noch nicht gut genug.
Ich wollte diese Brücke zwischen Party, Konzert und Gottesdienst schlagen. Und ich werde die Reaktionen unserer Gäste niemals vergessen. Manche hatten am Ende des Abends Tränen in den Augen; einige sagten mir, sie hätten noch nie jemanden so über den Glauben singen hören. Für diese Menschen war das Konzert ein Türöffner in Richtung Glaube. Andere sagten mir aber auch, dass sie sich ergänzend noch Lieder wünschen würden, die direkt aus dem Leben gegriffen sind. So könnten die Gebetslieder für sie noch verständlicher werden.
Das hat dich zu einem anderen Stil ermutigt? Das hat mich zurück zu meinen Wurzeln gebracht. Ich habe schon immer gerne Geschichten gehört, aber auch erzählt. Ich wollte über das Leben singen: Über Leid und Verfolgung, über Trennungen und Einsamkeit. Das ist Teil des Lebens - wie unser Glaube auch. In einer Zeit, in der es überwiegend Single-Haushalte gibt, in der bleibende Beziehungen zum Auslaufmodell geworden sind, muss man über Scheidungen singen und darüber, was das mit den Menschen macht. In einer Zeit, in der der gläserne Mensch permanent kommuniziert - via E-Mail, Handy, Facebook oder Twitter - muss man darüber singen, dass die Zeit für die Menschen, die uns lieb und teuer sind, oft auf der Strecke bleibt. Damit kann jeder etwas anfangen. Solche Songs können eine Brücke zu Gott schlagen. Das will ich mit meiner neuen CD erreichen. In den ersten sieben Liedern kommt nirgendwo das Wort Gott vor. Aber wenn man genau hinschaut, ist das ganze Album von dem Thema „Suche nach Heimat" durchzogen. Und die kann letztlich nur in der Begegnung mit Gott ihre Erfüllung finden!
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