Das Tier und wir

«Konflikte kann man auch lösen, indem man sich zurückzieht»

Der Sommer bietet sich an, Gottesdienste an unüblichen Orten zu feiern. Zum Beispiel direkt bei den Tieren.

Zoom
Die indischen Löwen im Zoo Zürich
Auch dieses Jahr verbrachte die reformierte Kirche Zürich-Wiedikon einen sommerlichen Gottesdienst im Zoo. Der spezielle Ort lädt ein, Themen über Tiere und das Zusammenleben von Tier und Mensch aufzugreifen. «Die Erforschung der Tierwelt eröffnet uns hier immer wieder verblüffende neue Erkenntnisse. Sie lassen uns nicht nur staunen, sondern laden auch ein, unsere menschlichen Verhaltensweisen – manchmal ernsthaft, manchmal humorvoll – zu betrachten», erklärt Pfarrerin Sara Kocher. 

Aus biblischer Sicht sind Tiere wie Menschen Gottes Geschöpfe. Sie teilen damit den gleichen Lebensatem mit dem Menschen. Sie haben eine Würde und eine Existenzberechtigung, die in sich selbst seinen Wert hat. Die Einzigartigkeit aller Geschöpfe und ihre Würde waren Grundlage des Gottesdienstes.

Spezielle Geschichte

Interessant ist die Geschichte des Zoos: Sie beginnt damit, dass reiche Menschen, Adelige, Könige, Fürstinnen möglichst exotische Tiere herbeischaffen liessen, um sie in ihren Gärten und Ländereien auszustellen. Diese Menagerien dienten dazu, die eigene Residenz zu schmücken oder die Pracht der Adeligen und Reichen hervorzuheben.

Die wilden Tiere wurden so präsentiert, dass man sie sehen konnte wie eine Bildergalerie: in engen Käfigen. Aus solchen Menagerien entstanden im 18. Jahrhundert Anlagen, wo auch das Volk Zutritt bekam. Im 20. Jahrhundert begann sich allmählich durchzusetzen, dass die Gestaltung der Zoos an die richtigen Lebensräume der Tiere angelehnt werden.

In der Bibel gibt es eine Erzählung, die diesem Erhalten von Tierarten auf eine interessante Weise nahe kommt – die Arche Noah. Noah, der sich durch Güte und Gerechtigkeit abgehoben hat, soll mit seiner Familie überleben. Dazu soll er ein gigantisches Schiff bauen. Und dort hinein von allen Tierarten Paare mitnehmen. Doch die Erzählung hat so etwas wie eine Kernaussage:

Gott bejaht und behütet alle Lebensarten, alle seine Geschöpfe. Deutlich wird auch: Mensch und Tier sind zur Schicksalsgemeinschaft geworden, beide sind sterblich. Dass Gott Noah den Auftrag gibt, die rettende Arche zu bauen, zeigt auch, welche Aufgabe dem Menschen gegenüber allen andern Lebewesen aufgetragen wäre: die der Bewahrung, des Schutzes, des Behütens.

Ein guter Herr

An einer ökumenischen Veranstaltungen zur Schöpfungs-Zeit 2009 interpretierte Alex Rübel, Direktor des Zürcher Zoos, den Herrschaftsbefehl der biblischen Schöpfungsgeschichte: «Ein guter Herr ist einer, der sich um die Geschöpfe kümmert, der Mass hält und dafür schaut, dass auch künftige Generationen eine Zukunft haben. Wir sind aufgerufen, unser Verhalten so anzupassen, dass auch andere Geschöpfe Raum haben.» Auf die Frage, was man von Tieren lernen kann, sagt Alex Rübel: «Wir führen ab und zu Kurse für Manager durch. Da zeigen wir anhand von tierischem Demutsverhalten, dass man nicht immer auf Angriff setzen muss. Konflikte kann man auch lösen, indem man sich zurückzieht.»

Für Alex Rübel ist der Zoo auch «eine PR-Agentur für Tiere und Natur». Dass der Zoo Zürich nicht nur erfolgreich Pflanzen und Tier schützt, sondern auch ein attraktives Reiseziel für Familien ist, zeigen die Besucherzahlen. Der Zoo Zürich ist mit durchschnittlich 1,75 Millionen Eintritten pro Jahr eine der beliebtesten kulturellen Institutionen in der Schweiz.

Datum: 10.07.2012
Autor: Markus Baumgartner
Quelle: DienstagsMAIL

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