Der Geist, der Bücher hasst

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André Bégert
Warum Bücher lesen? Zum Welttag des Buches heute Montag nimmt André Bégert, Geschäftsführer des evangelischen Asaph-Verlags, die Oberflächlichkeit aufs Korn, die der Zeitgeist mit sich bringt.

„Wer sich mit dem Zeitgeist verheiratet, darf sich nicht wundern, wenn er morgen verwitwet ist“, so lautet eine alte Sentenz.

Dennoch ist der Zeitgeist ein hübscher junger Kerl, der auf vielen Hochzeiten einen prächtigen Schwiegersohn hermacht. Er ist reich, jung und intelligent. Er vermag die Massen zu küssen und in seinen Bann zu ziehen. Er hat alles was sich der moderne Mensch wünschen mag. Erfolg ist sein Markenzeichen und Prosperität ziert sein Haupt. Er setzt neue Trends und holt die Sterne vom Himmel, stiehlt den Glanz des Firmaments und beleuchtet damit die jungen, schlanken und schönen Sternchen in den Hochglanzmagazinen.

Jetset ist sein Vorname. Er ist daheim auf der ganzen Welt und er besitzt den neusten iPod. Wenn er seine dreihundert Mails am Tag beantwortet, hämmert er auf seiner Tastatur das Klavierkonzert von Intel Inside, dem Meister der Taktrate. Alles was er anfasst wird zu Gold, oder verfällt zu Staub. Er gehört zur Avantgarde und kann um die Ecke sehen. Er weiss alles, kann alles, tut alles. Wenn er erscheint, wird das Leben zur Theaterbühne ohne Leiden und Drama. Und dennoch klatschen ihm alle zu, noch bevor der Vorhang fällt!

„Geistlos“ „Rastlos“ und „Gottlos“

Seine Liebe zur Phantasielosigkeit ist grenzenlos. Er hasst Bücher, liebt TV- Soaps und googelt dre mal täglich seinen Namen. Schon 18'000'000 Einträge. Er kauft jedes Schnäppchen und seine Platin-Kreditkarte glüht am Abend wie der Sonnenuntergang auf den Bahamas. Dann fährt er mit seinem neuen SUV (Stupid Urban Vehicle) durch die Vorstädte auf der Suche nach der ganz grossen Liebe. Auf seiner Xbox ist er ungeschlagen, und seine Lieblingsspiele, „Geistlos“ „Rastlos“ und „Gottlos“ flimmern auf seinem neuen Flatscreen von Cashgate. Seine Werte sind grenzenlos, kraftlos und wertlos. Er ist hart im Geben, und hart im Nehmen.

Auch Religion ist für ihn ein grosses Thema. Sein grösster Traum: Eine Religion ohne den Heiligen Geist, Christen ohne Christus, Vergebung ohne Busse, Heil ohne Erneuerung, Politik ohne Gott und ein Himmel ohne Hölle. Die Warnung von William Booth hat er falsch verstanden und zum Programm gemacht, und bereits viele folgen seinem Pamphlet.

Sein Lebensmotto heisst: „Je leerer der Karren, desto schneller das Pferd“. Darum hat er alle alten Dinge über Bord geworfen. Nun rast er mit Lichtgeschwindigkeit durch die leeren Gassen seines Herzens, auf der Suche nach seiner Seele. Doch die ist leider mit vom Karren gefallen und liegt im Strassengraben. Da muss man schon sagen: „Was für ein Bräutigam“.

PS: Falls Ihnen dieser Text gefallen hat, wäre es vielleicht wieder einmal Zeit, ein Buch zu lesen. Haben Sie gewusst, dass mehr als die Hälfte der Schweizer keine Bücher mehr liest?
Die für das Lesen aufgewendete Zeit nimmt seit 20 Jahren in allen Altersgruppen ab, und damit auch die über das Lesen erworbene Sprach- und Denkfähigkeit. Wer aber nicht mehr liest, der hat ans Leben keine Fragen mehr.

Und wer keine Fragen mehr hat, dem gilt das folgende Zitat des deutschen Theologen Heinz Zahmt: „Weil viele Zeitgenossen keine eigenen anspruchsvollen Fragen haben, besitzen sie auch kein Schöpfgefäss mehr, um in die Tiefe des Brunnens der Gottesfrage hinabzureichen. Das merken sie jedoch gar nicht, sondern behaupten im Gegenteil kühn, dass dieser Brunnen kein Wasser mehr enthalte.“

Autor: André Bégert
Quelle: Asaph Verlag

Datum: 23.04.2007

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