Für das erste Konzert in ihrem Leben trägt Christina
einen grünen Turban, ein rotes Hemd und eine rote Baumwollhose. «Meine bunte
Kleidung lenkt von meinem bleichen Gesicht ab. Wenn ich aufgeregt bin, werde
ich immer bleich», sagt die obdachlose Frau.
Sozial schwache Menschen auf der Bühne. Roland Baisch und die Vesperkirchenband.
Die Band «rahmenlos & frei» wurde in der
Leonhardskirche in Stuttgart gegründet, die sich auch als «Vesperkirche»
bezeichnet. «Rahmenlos & frei nennen wir uns, weil wir in keinen Rahmen
passen und nicht nach Noten, sondern frei Schnauze spielen», erklärt Sängerin
Andrea.
Die meisten der 13 Sängerinnen und Sänger leben von Hartz
IV, sind arbeitslos oder krank und haben am Sonntagabend zum ersten Mal ein
eigenes Konzert gegeben. «Wir singen nun 'I am sailing'. Das Lied ist von Rod
Stewart – aber heute von mir», erklärt Christina.
Selbstbewusster
Beinahe trotzig hebt Christina ihren Kopf samt grünem
Turban und blickt in die überfüllte Stuttgarter Leonhardskirche. Mit lauter,
durchdringender Stimme beginnt sie ihr Solo. Nach ihr treten Otto und Christian
ans Mikrofon. Die Stimmen der Männer klingen zaghaft, werden dann aber
sicherer.
Christina wirft Kusshände ins Publikum und verbeugt sich.
Sie strahlt. Vor drei Jahren sang sie in dem Singkreis eines Stuttgarter
Sozialcafés ihr erstes Solo. «Damals habe ich gedacht, das geht nicht gut»,
erinnert sich die Sängerin. Doch das Gegenteil war der Fall.
«Heute bin ich anders drauf»
Sie wurde entdeckt: Die Diakoniepfarrerin Karin Ott,
Organisatorin der Vesperkirche, lud sie einige Zeit später zur
Vesperkirchen-Band ein. «Ich war damals so schüchtern. Heute bin ich anders
drauf. Beim Singen darf man nicht zimperlich sein», sagt Christina.
«In die Vesperkirche kommen viele Menschen, die sich
überflüssig fühlen und darunter leiden, ausgegrenzt zu sein», erklärt
Diakoniepfarrerin Ott. «Dabei haben diese Menschen viele Begabungen und
Fähigkeiten.» Sie freut sich, dass in der Vesperkirchenband Menschen ein
Konzert geben, die sich selbst meist kein Ticket für ein kulturelles Ereignis
leisten können.
Ermutigung untereinander
Patrick Bopp von der A-cappella-Gruppe «Fuenf» leitet die
bunte Gruppe. Für ihn ist es nicht wichtig, dass die Sänger alle Töne exakt
treffen. «Wichtig ist die Atmosphäre», sagt Bopp. Der Berufsmusiker ist
beeindruckt, wie respektvoll die Sänger miteinander umgehen. «Sie unterstützen
sich und ermutigen sich gegenseitig, ein Solo zu singen.»
In nur vier Proben übte die bunt zusammengewürfelte
Gruppe selbst ausgewählte Lieder ein. Eine Band von Profimusikern begleitet die
Sängerinnen und Sänger.
Besonders begeistert ist Bopp von Melo und dessen
charaktervoller Stimme. Melo bezeichnet sich selbst als «sizilianischer
Schwabe» und singt schon sein ganzes Leben lang. «Ich bin Strassenmusiker und
versuche, mir etwas dazu zu verdienen. Das ist zwar nicht die Welt, die
Menschen geben nie viel, aber es macht Spass», sagt der junge Mann.
Das Konzert ist vorbei, die Besucher applaudieren
minutenlang im Stehen. «Das war ein Erlebnis, das glaubt man nicht,» sagt
Sänger Otto nach dem Konzert. Die Augen des älteren Herrn mit weissem Vollbart
füllen sich mit Tränen.
Eine Kirche wird zum Zuhause
Die Vesperkirche wurde im sozialen Umfeld der Stadt
Stuttgarter zur festen Adresse. Essen, medizinische und tierärztliche
Versorgung, Ruhe, Gespräche, Haare schneiden, Berufsberatung, Kultur und eine
Spielecke für Kinder: Menschen finden in der Vesperkirche zwischen Januar und
Palmsonntag, was sie zum Überleben brauchen.
Leben an sich ist bisweilen nicht einfach. Überleben ist
wirklich schwer. Für diese Menschen und für die Einsamen, die Hilflosen, die
Alten und für alle, die Begegnung suchen, öffnete die Stuttgarter
Leonhardskirche mit der Aktion Vesperkirche ihre Türen. Sieben Wochen zwischen
Januar und März, sieben Tage in der Woche. Dann ist die Vesperkirche ein Ort der
Begegnung, wo jeder sein darf wie er ist. Die Vesperkirche findet in Stuttgart
in der Leonhardskirche statt. Sechs bis sieben Wochen zwischen Januar und März,
täglich von 9 Uhr bis 16.15 Uhr.
Manche der täglich bis zu 1000 Gäste wollen für sich
sein, Zeitung lesen oder Musik hören. Andere spielen Schach oder Skat. Für
Gespräche und Beratung stehen Diakoninnen und Diakone zur Verfügung.
Ab 11.30 Uhr kann man für 1,20 Euro ein warmes
Mittagessen bekommen. Doch auch ohne Geld kann man mitessen. Am Nachmittag gibt
es kostenlose Vesperbeutel. Ohne die 500 Ehrenamtlichen und an die Diakoninnen,
Diakone und Sozialarbeiter, liesse sich die Vesperkirche nicht durchführen.
Mit einer Pfingstkonferenz will die Vineyard-Bewegung über Pfingsten den geistlichen Aufbruch in Europa fördern. Wer ist die Vineyard, und was bewegt...