Schauspielerein Eva-Maria Admiral

„Jesus hatte bloss noch keine Kamera“

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Eva-Maria Admiral war zehn Jahre Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters und unter anderem bei den Salzburger Festspielen engagiert. Heute ist sie freie Schauspielerin. Im Interview spricht sie über Kunst, Glauben und die Endlichkeit des Seins.

Frau Admiral, als junge Erwachsene beschlossen Sie, sich nie wieder mit Leuten an einen Tisch zu setzen, die das Wort „Gott“ in den Mund nehmen würden. Heute reden Sie selber auf der Bühne unaufhörlich von ihm. Was ist passiert?
Eva-Maria Admiral: Ich bin zwar katholisch aufgewachsen, wollte aber als Teenager mit dem christlichen Glauben nichts mehr zu tun haben. Doch während meines Studiums in Paris begegnete ich Michaela, einer Studienkollegin aus Berlin, die Christin war. Das wusste ich zu Beginn unserer Freundschaft allerdings nicht, und wenn ich es gewusst hätte, hätte ich mich niemals mit ihr befreundet. So tauchten plötzlich im Laufe unserer Freundschaft immer wieder Begriffe wie „Gott“, „Glaube“ oder „Bibel“ auf. Und weil Michaela so cool und nett war, entfachte das mein Interesse.

Ein weiterer Schritt hin zu Gott war der, dass ich die Kathedrale von Chartre besuchte. Dort wurde an diesem Tag ein Orgelkonzert von Johann Sebastian Bach aufgeführt wurde. Das Witzige ist, dass ich weder ein besonderer Fan von Bach noch von Orgelmusik bin; ich wollte lediglich diese berühmte Kathedrale besichtigen. Doch während ich der Musik lauschte, war die Gegenwart Gottes auf einmal so gewaltig, dass ich zum ersten Mal seit langer Zeit zu diesem mir unbekannten Wesen betete. Ich sagte: „Gott, wenn es dich wirklich gibt, dann möchte ich dich gerne kennen lernen.“ Erst viel später habe ich erfahren, dass genau das Bachs Gebet war: dass Menschen Gott finden mögen, wenn sie seine Musik hören.

Einige Tage nach diesem Erlebnis bin ich mit dieser Freundin dann zu einem Gottesdienst gegangen. Nach der Predigt wurden die Leute, die ein Leben mit Jesus Christus beginnen wollten, aufgefordert, zum Altar zu kommen. Und das habe ich dann gemacht – obwohl ich zu diesem Zeitpunkt weder wusste, worum es genau geht, noch wer Jesus wirklich war. Ich habe mir gedacht: „Ich mach das jetzt einfach mal und schau, was passiert.“ An diesem Tag begann meine Geschichte mit Gott.

Und wie hat sich das ausgewirkt?
Wie Menschen Gott erleben, ist ja sehr unterschiedlich. Aber bei mir war es tatsächlich so, dass ich am nächsten Morgen aufwachte und wusste: „Ich bin nicht mehr allein auf dieser Welt.“ Mir fiel eine riesige Last von den Schultern, das habe ich regelrecht körperlich gespürt. Ich konnte es nicht rational erklären, aber es war, als hätte ich die Hand Gottes ergriffen – eine Hand, von der ich vorher nichts wusste. Seither bin ich mit ihm unterwegs und das sind nun schon mehr als 20 Jahre.

Hat sich durch den Glauben Ihr Verhältnis zur Kunst verändert?

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Ganz sicher. Von Kind auf war das Theater meine grosse Liebe. Ich wollte einfach nur spielen. Doch seit ich Gott kenne, will ich mit meiner Kunst auch etwas bewirken.

Sollte Kunst denn eine Botschaft haben? Manche verneinen das ja.
Also, ich sehe das so: Jede gute Kunst, jedes gute Theaterstück, jeder gute Roman, jeder gute Film, hat eine Botschaft. Nur schlechte Kunst hat keine. Kunst sollte das Publikum nicht für dumm verkaufen, nicht anschmieren. Aber leider verkauft die heutige so genannte „moderne Kunst“ das Publikum oft für dumm. Da werden Leute, die 200 Euro Eintritt gezahlt haben, mit nichts nach Hause geschickt. Und die Intendanten lachen sich kaputt. Das, finde ich, ist eine Frechheit.

Schauspielern und an Jesus glauben – für manche passt das ja nicht unbedingt zusammen. Was antworten Sie?
In einer modernen Übersetzung heisst es im Matthäusevangelium: „Jesus benutzte stets Gleichnisse und Bilder, wenn er zu den Menschen sprach, er sprach nie zu ihnen, ohne solche Vergleiche zu verwenden.“ Ich schätze einmal, dass rund 85 Prozent der Reden Jesu aus Bildern bestehen. Und ich glaube, dass Jesus das wusste, was die moderne Gehirnforschung erst seit kurzem weiss, nämlich: dass ich in die Tiefenstrukturen der menschlichen Seele mit Bildern vordringe, nicht bloss mit Worten. Wenn Jesus über Gnade redete, dann sagte er nicht: „Gnade, das ist: Erstens: Ein unverdientes Geschenk.

Zweitens: Im griechischen Kontext bedeutet es dies und jenes ...“. Sondern er sagte: „Da war einmal ein Vater, der hatte zwei Söhne. Und einer von denen ist abgehauen ...“ Man konnte Menschen schon immer am besten mit Geschichten erreichen. Das einzige, was sich seit Jesu Zeiten geändert hat, ist die Form: Er hatte bloss noch keine vier Filmkameras dabei.

Wenn man in die Kirchengeschichte blickt, sieht man, dass von Anfang an Kunst und Glaube Hand in Hand gingen. Und auch im Alten Testament kann man nachlesen, wie Gott die verschiedensten Künstler berief, zum Beispiel zum Bau des Tempels. Erst viel später kam die gegenläufige Entwicklung: Raus mit allen Bildern, ab sofort gilt nur noch das Wort! Das hatte zum damaligen Zeitpunkt durch den Bilder-Missbrauch in der Kirche sicher auch seine Berechtigung. Aber dadurch haben wir eben auch Vieles verloren.

Sie greifen als Schauspielerin immer wieder auch existenzielle Fragen auf. In Ihrem neuen Stück „Oskar und die Dame in Rosa“ geht es zum Beispiel um Krankheit und Tod. Was reizt Sie an solchen Thematiken?
Ich bin immer auf der Suche nach Stoffen, die mir persönlich im Herzen brennen. Das, womit ich selbst am meisten kämpfen muss, ist das, was ich gerne spielen möchte. Es war Augustinus, der einmal gesagt hat: „Ich kann nur das Feuer im anderen anzünden, das in mir selber brennt.“ Das, was ich mir selber erarbeiten und auch verarbeiten muss, nur das kann ich weitergeben. Nur das, was für mich Bedeutung hat, bekommt auch eine Bedeutung für das Publikum.

Erleben Sie, dass jemand, angestossen durch die Aussage eines Stückes, nach dem Glauben zu fragen beginnt?
Ich erlebe gerade von glaubensdistanzierten Menschen ein grosses Bedürfnis, über die Stücke zu sprechen. Zum Beispiel erleben die Zuschauer von „Oskar und die Dame in Rosa“ den unmittelbaren Kontakt des kleinen, todkranken Oskar zum „lieben Gott“. Und obwohl es eine tiefe und schwierige Thematik behandelt, ist das Stück oft auch sehr humorvoll. Nach einer der ersten Aufführungen sprach mich eine Professorin an: „Ja, Frau Admiral, kann ich denn mit Gott auch einfach so reden wie der Oskar?“ Und schon waren wir im Gespräch. So etwas passiert immer wieder.

Erklären Sie kurz, worum es bei „Oskar und die Dame in Rosa“ geht?

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Der 10-jährige leukämiekranke Oskar hat nur noch 12 Tage zu leben. Ärzte und Eltern weichen dieser schmerzhaften Tatsache aus. Einzig die Dame in Rosa, “Mama Rosa“, eine engagierte Betreuerin, begegnet seinen Fragen, Ängsten und Wünschen offen, feinfühlig und fantasievoll. An jedem Tag 10 Jahre zu durchleben, das ist die Herausforderung, der sich Oskar stellt. “Von heute an betrachtest du jeden Tag, als wären es 10 Jahre“- das ist Mama Rosa’s Idee, die für Hoffnung, Mut und Lebensfreude streitet. Liebevoll begleitet Mama Rosa Oskar auf dieser Reise zu Gott und dem Leben.

Ich wollte dieses heikle Thema von einer guten Seite aus angehen, möchte das Publikum zum Nachdenken bringen. Und ihm auch zeigen, was der christliche Glaube an Hoffnung bietet.

Sie leiden selbst an einer chronischen Krankheit. Wie leben Sie damit?
Ich leide seit einer verunglückten Blinddarmoperation vor etlichen Jahren an massiven Darmverwachsungen und habe bereits drei lebensgefährliche Darmverschlüsse hinter mir. Medizinisch kann man da im Moment nicht viel machen. Praktisch heisst das für mich, dass ich ständig mit einem stetigen Schmerzpegel leben muss, besonders nach dem Essen. Ein Jahr lang wurde ich künstlich ernährt, damit ging es mir besser. Aber das will ich nicht mehr. Oft wundern sich die Leute, wenn ich nach dem Essen sofort auf mein Zimmer verschwinde, weil ich mich hinlegen muss. Generell bin wesentlich dünnhäutiger als andere Menschen, bin nicht so belastbar. Und für den, der das nicht weiss, ist mein Verhalten schon manchmal verwunderlich.

Haben Sie Frieden mit Ihrem Zustand geschlossen?
Das wechselt. Ich weiss, dass diese Krankheit mich auch vor vielem bewahrt. Meine Grossmutter sagte immer: „Eva-Maria, du bist eine Kerze, die an beiden Enden brennt, und du wirst nicht lange brennen!“ Und das hat sie genau so gemeint. Ich würde, wenn ich ganz gesund wäre, sicher auf tausend Hochzeiten tanzen. Aber aufgrund der Krankheit muss ich mich bremsen. Diese eingebaute Bremse würde ich also unter „positivem Effekt“ der Krankheit verbuchen.

Worauf ich absolut allergisch reagiere, ist der „Ratschlag“ mancher Christen, die sagen: „Du hast diese Krankheit, weil ...“ Solche Kausal-Zusammenhänge haben schon die Jünger immer gesucht. Als sie zum Beispiel einen Blinden am Strassenrand sahen, suchten sie sofort nach dessen Schuld an seiner Misere. Doch Jesus wies sie zurecht und zeigte ihnen, wie falsch sie lagen.

Ist „göttliche Heilung“ ein Thema für Sie?
Das überlasse ich Gott. Ich habe die Warum-Frage hinter mir gelassen und auch die Trauer- und die Zornesphase. Lassen Sie es mich so sagen: Ich sehe mich und meine Zeit begrenzt, aber das macht mir nichts aus. Der Psychotherapeut Viktor Frankl hat einmal gesagt: „Es wäre doch schrecklich, wenn ich noch drei Millionen Sommer zu erleben hätte, drei Millionen Kinder und noch drei Millionen Ehen. Wo wäre dann mein Wert?“ Wir haben keine drei Millionen Sommer – wir haben eine begrenzte Zeit. Wir sind als Menschen nicht unendlich. Irgendwann hat unsere Lebensspanne ein Ende – und das ist gut so!

Webseite: www.admiral-wehrlin.de


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