Pionier Roland Kunz

«Schwerkranke Betagte in Pflegeheimen kommen heute klar zu kurz»

In der Schweiz gibt es immer mehr alte Menschen in Pflegeheimen, die gleichzeitig an mehreren unheilbaren Krankheiten leiden. Palliative Care könnte viel zu ihrer Lebensqualität beitragen. Aber gerade sie bekommen nicht so viel palliativmedizinische Betreuung, wie sie an ihrem Lebensende eigentlich brauchen.

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Roland Kunz
Dies sagt Roland Kunz (57), Chefarzt des Kompetenzzentrums für Palliative Care am Spital Affoltern. Kunz arbeitet mit an der Umsetzung der 2009 von Bund und Kantonen lancierten Strategie zur Förderung der Palliative Care. Er weiss, was bisher erreicht wurde und wo es noch Lücken gibt.

Seit 2009 hat sich einiges bewegt auf dem Gebiet der Palliativ Care, also der umfassenden Betreuung von Menschen mit unheilbaren und lebensbedrohlichen Krankheiten. Noch vor wenigen Jahren war etwa die Innerschweiz diesbezüglich ein «weisser Fleck», wie laut Kunz ein Vertreter dieser Region damals nicht ohne Stolz zugab.

«Heute ist Palliative Care dank der nationalen Strategie in allen Kantonen ein Thema», sagt der Pionier der Palliativmedizin. Allerdings sei die Versorgungssituation in den Kantonen unterschiedlich. Da gibt es die Waadt, die bereits mit einer flächendeckenden Versorgung aufwarten kann. Gute Konzepte existieren auch im St. Gallischen und im Thurgau. Und in den Kantonen Schwyz und Luzern tut sich endlich etwas.

Ärzte wollen keine sterbenden Patienten

Noch gebe es Lücken beim Wissen von Ärzten und Pflegenden, sagt Kunz, der sich seit zehn Jahren im Präsidium der Schweizerischen Fachgesellschaft für Palliative Care («palliative ch») engagiert. Den Erfolg von Suizidhilfeorganisationen wie Exit und Dignitas führt er unter anderem darauf zurück, dass die Fachleute im Gesundheitswesen nach wie vor zu wenig über Palliative Care wüssten. Stimmt es denn, dass die Ärzte keine Ahnung vom Sterben haben, wie das der Lausanner Palliativmediziner Gian Domenico Borasio in seinem Buch «Über das Sterben» behauptet?

«Das ist etwas zu einfach formuliert», findet Kunz. «Mein Eindruck ist eher, dass die Ärzte nicht wahrnehmen oder nicht wahrhaben wollen, dass jemand am Sterben ist. Dann behandeln sie auch nicht einen sterbenden Patienten, sondern einen, von dem sie glauben, er lebe weiter.» Eine Studie habe aufgezeigt, dass Ärzte generell von einer viel zu hohen Lebenserwartung ausgehen. Weil sie die Möglichkeiten der Medizin überschätzen.

Ein neuer Lehrstuhl und Fortschritte in Pflegeheimen

Noch dauere es fünf bis zehn Jahre, bis Ärzte, Pflegende in Heimen und das Spitex-Personal genug wissen über Palliative Care, schätzt Kunz. An den Universitäten habe Palliative Care zwar noch nicht den Status eines unumgänglichen Faches. Es sei aber eine Frage der Zeit, bis es so weit ist. «Es gibt politischen Druck.» In absehbarer Zeit entstehe in der Schweiz nebst dem bislang einzigen Lehrstuhl für Palliativmedizin in Lausanne ein weiterer. Seit 2009 ist ein nationales Bildungskonzept erarbeitet worden. Nun versucht eine Arbeitsgruppe, Palliative Care in die Ausbildung von Pflegefachleuten und Medizinstudenten zu integrieren. Kunz: «Das ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer flächendeckenden Versorgung.»

Nirgendwo in der ganzen Gesundheitsversorgung habe man bislang so viel über Palliative Care gelernt wie in der Langzeitpflege, sagt der Facharzt für Geriatrie. Das ist wichtig. Denn viele Menschen verbringen ihre letzte Lebensphase in Pflegeheimen. «Zahlreiche Heime haben dank interner Schulungen und Weiterbildungen einen guten Level erreicht», so Kunz.

Wer zu kurz kommt, weil das Geld fehlt

Palliativmedizinisches Know-how genügt aber nicht, um allen schwerkranken und sterbenden Menschen zu helfen. Heute haben Krebspatienten die grösste Chance, palliativmedizinisch betreut zu werden. «Es sind primär Angebote entstanden, die vor allem auf Krebspatienten ausgerichtet sind», erklärt Kunz. In der allgemeinen Wahrnehmung brauchen vor allem sie Palliative Care. Was aber nicht stimmt.

«Die Gruppe, die am meisten zu kurz kommt, ist die grosse Masse der alten multimorbiden Menschen in Pflegeheimen. Diese sind ein bisschen dement, ein bisschen herzkrank, ein bisschen lungenkrank, ein bisschen nierenkrank.» Die Schwierigkeit besteht darin, diesen Betagten Palliative Care-Leistungen in dem Ausmass zur Verfügung zu stellen, wie sie es bräuchten.

Derzeit fehlt schlicht das Geld dafür. Die Krankenkassen übernehmen laut Kunz Pflegeleistungen für rund 100 Franken täglich. «Damit wird etwas mehr als eine Stunde Pflege finanziert. Mehr nicht.» Kunz spricht nicht um den heissen Brei herum: «Ein schwer kranker Mensch am Lebensende, der komplexe Symptome hat und unter Ängsten leidet, muss aber rund um die Uhr gepflegt werden.» Die nationale Strategie befasst sich deshalb auch mit dem bislang noch ungelösten Problem der Finanzierung.

Datum: 19.10.2012
Autor: Barbara Ludwig
Quelle: Kipa

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