Besser als Reinkarnation

Das Leben jetzt bejahen

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Wer wollte schon im Mittelalter gelebt haben? Einst und jetzt auf Postkarten im zentralfranzösischen Vézelay.
Wer sich in weiteren Leben vervollkommnen will, verliert die Einzigartigkeit dieses Lebens. Die Annahme, dass die Seele nach dem Tod in andere Körper eingeht, ist wie auch die Karmalehre dem Christentum fremd. Dies hielt der Religionswissenschaftler Prof. Georg Schmid an einem Dialog-Abend in Zürich fest.

200 Personen kamen am 9. Februar in die Predigerkirche, um Schmid und Jan Erik Sigdell zu hören. Die beiden sprachen am dritten Abend der Vollmond-Neumond-Reihe, welche christliche und esoterische Auffassungen konfrontiert. Der gebürtige Schwede, ursprünglich Medizintechniker, meint aufgrund des Reinkarnationsglaubens (Wanderung der Seele und Eingehen in andere Körper) seelische Verletzungen auf Leiden in früheren Leben zurückführen und so therapieren zu können.

Gnosis: urwüchsiges Christentum?

In seinem Kurzvortrag outete sich Sigdell als Gnostiker (allerdings setzt die gnostische Lehre Seelenwanderung nicht voraus). Er wiederholte die alte Behauptung, Kaiser Konstantin und die Kirchenväter hätten das bei den Gnostikern und Origenes zu findende ‚Christentum’ aus politischen Gründen unterdrückt. Wie Georg Schmid dagegen festhielt, waren die neutestamentlichen Schriften damals schon derart verbreitet, dass niemand sie alle hätte abändern können.

Gott als Ausschuss-Produzent

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„Das Leben jetzt hat unendlichen Wert“: Georg Schmid.
Sigdell prangerte den ‚Völkermord’ an den südfranzösischen Katharern durch die päpstlichen Truppen nach 1200 an und stellte das damals zum Dogma erhobene Fegefeuer (Reinigung im Jenseits) als kirchlichen Ersatz für den blutig unterdrückten Reinkarnationsglauben hin. Die Gnostiker hätten die „Reinkarnation als Stufenweg zurück zu Gott“ gelehrt; die Kirche dagegen habe ihre Macht dadurch gefestigt, dass sie alle, die sich ihrer Lehre nicht fügten, zu ewigen Höllenqualen verdammte – eine „enorme Ausschussrate“.

Georg Schmid machte deutlich, warum die alte Kirche die Gnostiker ausschloss, und skizzierte kurz die Anfänge des Reinkarnationsglaubens um 800 vor Christus in Indien. Origenes habe ihn nicht klar gelehrt; von der Kirche später verurteilt wurde seine Auffassung von der Präexistenz der Seele.

Vage Erinnerungen

Schmid konzentrierte sich dann auf neuere Reinkarnationsvorstellungen. Wer sich heute in ein Zisterzienserkloster des 13. Jahrhunderts versetzt fühle, müsse nicht damals als Mönch gelebt haben. „Die meisten sogenannten Rückerinnerungen sind ausgesprochen vage gehalten.“ Dass Menschen Dinge ahnen oder wissen, ordnete er als paranormale Fähigkeiten der Seele ein, die Raum und Zeit überspringt; sie belegen nicht frühere Leben und Reinkarnation. Sigdell widersprach.

Angaben falsch

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Von der heilenden Wirkung von ‚Rückführungen‘ überzeugt: Jan Erik Sigdell.
Der Religionswissenschaftler erwähnte das Hypnose-Rückführungs-Experiment von Thorwald Dethlefsen 1968 mit einem jungen Studenten, der Geschehnisse in Weissenburg im Elsass 100 Jahre zuvor detailliert wiedergab. Als der WDR die Angaben vor Ort mit einem Lokalhistoriker überprüfte, stellte sich heraus, dass sie alle falsch waren. Schmid folgerte: „Glauben Sie fürs Erste gar nichts. Prüfen Sie alles.“

Jeder ist einzigartig

In der erlebnishungrigen westlichen Kultur hoffen viele, sich in nächsten Leben höher entwickeln und entfalten zu können (im Gegensatz zur indischen Vorstellung vom Rad der Wiedergeburt, bei dem auch der Abstieg zum Tier droht). Ohne auf die Auferstehung von Jesus einzugehen, aus der die Auferstehung aller Menschen nach ihrem Leben folgt (Die Bibel, Hebräer 9,27), unterstrich Schmid die Einzigartigkeit jedes Menschen. Mit konkreten Beispielen warnte er vor esoterischem Missbrauch durch Hellseher und ‚Rückführungsexperten’. „Sogenannte Erinnerungen an frühere Leben blähen das Ego auf, führen zu Pseudoidentitäten und verhindern realistischere Wege der Selbstfindung.“

Vergebung befreit…

Den Buddhismus-Interessierten in der Predigerkirche gab Schmid zu bedenken, dass es nach der Lehre des Buddha keine Wanderung der Seele geben kann, da diese nur ein flüchtiges Ineinander von Impulsen ist.

In einer ganz anderen Welt lebte Jesus von Nazareth: Er diente dem anbrechenden Gottesreich, dessen Kraft die Wirklichkeit verwandelt, nahm das Diesseits ernst, heilte Menschen und vergab Sünden (was es nach dem kalten Gesetz des Karma nicht geben kann). Deshalb, so Schmid, weigern sich Christen, Elend hinzunehmen (wie es Karma-Gläubige fatalistisch tun), und ringen hier und jetzt um eine bessere Welt.

…Karma belastet

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Fragen, die ans Mark gehen: Georg Schmid, Gesprächsleiterin Kristiana Eppenberger und Jan Erik Sigdell in der Zürcher Predigerkirche.
Der Gegensatz zwischen den Referenten trat im zweiten Teil des Abends noch deutlicher zu Tage, als sie unter Leitung von Pfarrerin Kristiana Eppenberger auf schriftlich gestellte Fragen antworteten. Sigdell sagte, Menschen fänden durch seine Hilfe aus undeutlichen Schuldgefühlen heraus. Er kritisierte, dass in den Kirchen kaum für die Wiederkunft von Christus gebetet werde; Schmid verwies auf Kirchenlieder. Der erfahrene Sektenexperte kam auf den Fall der Frau zurück, der in einer ‚Rückführung’ als Grund ihres Hasses auf Männer angegeben wurde, sie sei im Mittelalter als Hexe verbrannt worden. Solche ‚Therapie’ verfestige den Hass, kommentierte er.

Jetzt: der unendliche Wert des Lebens

Wer ans Karma glaube, schicke Gott in Pension, sagte Schmid. „Karma-Lehrer können auf Gott verzichten.“ Doch es sei „jammerschade, wenn Gott nichts mehr mit unserem Schicksal zu tun hat“. Jesus kannte keine Reinkarnation. „Als Jude würdigt er das jetzige Leben: Hier geschieht das Reich Gottes.“ Schmid betonte: „Im jüdischen Glauben hat das hiesige Leben unendlichen Wert – das können sie nicht verhundertfachen.“

Artikel zum Thema: Bericht vom zweiten Vollmond-Neumond-Abend: Mit Toten reden?

Datum: 13.02.2009

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