Mit den neuen Medien leben

Der Lernprozess beginnt in der Familie

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Sherry Turkle, Professorin am Massachusetts Institute of Technology (MIT), ist von der Promotorin der neuen Medien zur Skeptikerin geworden. Sie erkennt massive Veränderungen bei der Kommunikation und Entwicklung der Menschen und schlägt Alarm. Ihr Rat: Das regelmässige Gespräch in der Familie pflegen.

Sherry Turkle gilt als die «Cyber Diva»  schlechthin. Vom Internet über SMS, die sozialen Netzwerke, aber auch Facebook und Twitter, Second Life und Real Babys oder den Hund AIBO hat sie alles erforscht. Die neue Medienwelt und elektronisches Spielzeug aller Art sind ihr bestens bekannt. Sie hat auch begeisterte Bücher über die Möglichkeiten der neuen Medien geschrieben.

Gemeinsam einsam

Nun hat sie ein Buch mit dem Titel «Alone Together»  geschrieben. Der Titel drückt aus, was das aktuelle Fazit ihrer Forschung ist. Immer mehr Menschen sind zwar bestens vernetzt, haben Dutzende von Facebook-Freunden und verschicken 100 SMS pro Tag. Und trotzdem sind sie nicht mehr wirklich gesprächsfähig. «Mit ‚Alone Together’ tue ich Busse für meinen Fehler, etwas übersehen zu haben» , bekennt sie Peter Haffner, dem US-Korrespondenten von «Das Magazin» .

Wo liegen die Probleme? Besonders für Jugendliche gibt es einen de facto Zwang, mitzumachen. Ihre Devise laute: «Ich teile mich mit, also bin ich.» Die digitale Kommunikation brauche weder Inhalt noch Botschaft. Es gehe vielmehr um das Gefühl, angerufen zu werden oder ein SMS an jemanden zu senden. «Teenager spüren ihr Gefühl nicht, wenn sie das nicht tun. Was einst als pathologisch gegolten hätte, ist heute der Stil eine Generation» , bilanziert die Professorin.

Sie hat sogar festgestellt, dass dies nicht mehr nur ein Problem der Jungen ist. «Es betrifft die ältere Generation genauso. Wenn wir nicht in ständigem Kontakt miteinander stehen, spüren wir uns selbst nicht mehr. Was also tun wir? Wir suchen noch mehr Kontakt.» Und genau dies führe schliesslich in die Isolation.

Die verlorene Fähigkeit, allein sein zu können

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Sherry Turkle
Sherry Turkle begründet die erstaunliche Feststellung so: «Weil man damit die Fähigkeit zum Alleinsein verliert.»  Erst das Alleinsein ermögliche, sich selber zu finden und mit Anderen eine Bindung einzugehen. «Können wir das nicht, wenden wir uns den Anderen zu, um uns nicht zu ängstigen, ja um uns überhaupt erst lebendig zu fühlen.»  Die Anderen würden damit zu einer Art Ersatzteillager für das, was uns fehlt. Und dies ist gerade für die Entwicklung junger Menschen ein Problem: «Einer Generation, die Alleinsein als Vereinsamung erfährt, mangelt es an Autonomie. Diese zu entwickeln, ist für Heranwachsende aber lebenswichtig.»

Das zeigt sich, wenn jemand sein Smartphone verloren hat. «Jugendliche geraten in Panik, wenn sie es nicht dabei haben. Sie sagen Sachen wie: ‚Ich verlor mein iPhone, es fühlte sich an, als wenn jemand gestorben wäre, ich meinen Kopf verloren hätte.’ Oder: ‚Auch wenn ich es nicht bei mir habe, spüre ich es vibrieren. Ich denke daran, wenn es im Schliessfach ist.’»

Das nimmt zum Teil groteske Formen an. Nicht nur, dass einer sich beim Candle Light Dinner eine halbe Stunde mit irgendeiner andern Person unterhält, während die Partnerin wartet. Auch Mütter verschicken während dem Stillen SMS, also während einer Zeit, in der die Bindung zwischen Mutter und Kind besonders innig ist und das Kind die uneingeschränkte Zuwendung spüren will. «Und gesimst wird selbst an Begräbnisfeierlichkeiten», beobachtet Turkle.

Die Bedürfnisbefriedigung

Sie fasst ihre Erkenntnis so zusammen: «Smartphones befriedigen drei Fantasien: dass wir uns immer sofort an jemanden wenden können, dass wir immer angehört werden und dass wir nie allein sind. Die Möglichkeit, nie allein sein zu müssen, verändert unsere Psyche. In dem Augenblick, in dem man allein ist, beginnt man sich zu ängstigen, herumzuzappeln und greift nach dem Handy.»

Besonders überrascht hat die Forscherin, dass «die Eltern das Vorbild sind für das Verhalten, das sie dann an ihren Kindern kritisieren.»  Und hier fällt ihr Urteil hart aus: «Sie haben sich in die gaze Sache vergafft, und die Jungen sind es, die unter Mangel an Zuwendung leiden.“ Und: «Es sind die Teenager, die möchten, dass ihre Eltern sich nicht so von Technologie verführen lassen!»

Zuhause muss beginnen ...

Bei aller Ratlosigkeit über die Entwicklung, mit der sie selbst kämpft, gibt Sherry Turkle schliesslich Hinweise, wo im Elternhaus die Korrektur ansetzen müsste:   

Zuerst brauche es die Erkenntnis, «dass allein sein zu können eine gute Sache ist» . Eltern müssten den Kindern zeigen, dass es ein Wert ist. Es gelte, zuhause geschützte Räume zu schaffen: die Küche, das Esszimmer, die für das Gespräch reserviert sind. Oder: «Nach dem Abendessen eine Weile zusammenbleiben und reden und dafür sorgen, dass nicht jeder mit seinem Smartphone in sein Zimmer verschwindet.»

Zum Thema:
Medienflut – Du bist, was du reinziehst

Datum: 05.07.2012
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet

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