Magersüchtig

Die Kämpfe mit dem Weihnachtsessen

Was die einen so sehr lieben, ist für andere ein Horror. Das Weihnachtsmahl wird für Magersüchtige zum Zwangsritual, wenn niemand auf ihre Krankheit Rücksicht nimmt.
Vor allem Mädchen magern einem Gewichtsideal entgegen und verfallen gefährlichen Essstörungen.
Dr. Feichtinger rät ab vor Laientherapien im Familienkreis.
Magersüchtige können unter dem "Zwangsessen" leiden.

Des einen Freud, des andern Leid. Trotzdem meint Dr. Martin Feichtinger, Arzt an der Psychiatrischen Klinik Sonnenhalde in Basel: „Das Fest soll nicht nach der Magersucht eines Familienmitgliedes ausgerichtet werden.“ Lesen Sie das Interview mit Dr. Feichtinger.

Livenet.ch: Herr Dr. Feichtinger, die meisten Menschen lieben das Weihnachtsfest. Gleichzeitig klagen sie, sie würden zuviel essen. Wie reagiert eine magersüchtige Person auf ein Weihnachtsmahl, bei dem alle andern so richtig zulangen?
Dr. Feichtinger: Ich nehme an, ähnlich wie auch auf andere Essen: Eine Betroffene wird kleine Portionen nehmen, diese langsam essen und dabei in Gedanken bei den Kalorien sein, die sie grade zu sich nimmt. Das Essen als solches wird sie kaum als Genuss empfinden, eventuell aber das Zusammensein mit lieben Menschen.

Es mag paradox erscheinen, aber gerade weil hier das Thema Essen im Vordergrund steht, beteiligen sich viele Betroffene gerne an den Vorbereitungen.

Was stört denn die Magersüchtigen mehr: das viele Essen auf dem Tisch oder der Zwang, selber zugreifen zu müssen?
Ein möglicher Zwang zum Essen dürfte auf erheblichen inneren Widerstand stossen. Aber der wird nicht unbedingt nach aussen sichtbar. Viele Betroffene haben Strategien entwickelt, wie anschliessendes Erbrechen, um ein gesellschaftliches „Zwangsessen“ gewissermaßen auszugleichen.

Wie reagieren Magersüchtige auf das familiäre Zusammensein an Weihnachten?
Das dürfte individuell recht unterschiedlich sein. Für konfliktreiche Familien gehören die Weihnachtstage ganz allgemein zu den schwierigsten Tagen des Jahres, vor allem wenn die Konflikte nicht offen angesprochen und gelöst werden. Nach aussen probiert man, das „Fest des Friedens“ möglichst harmonisch zu gestalten. Aber unterschwellige Aggressionen machen eben dies sehr schwer. Das Ergebnis ist eine erhebliche Spannung, die sich in heftigen Auseinandersetzungen entladen kann.

Wie soll man sich beim Weihnachtsessen verhalten, wenn man eine magersüchtiges Familienmitglied oder einen Gast mit Ess-Störungen hat?
Möglichst normal. Bitte nicht die Essensmengen und das Essverhalten des Betroffenen zum Thema machen oder vor allen anderen ins Zentrum stellen. Eine offenkundige Ess-Störung lässt sich kaum von Familienmitgliedern und schon gar nicht beim Weihnachtsessen beheben.

Die Angehörigen sollten sich vor Augen führen, dass eine Magersucht eine Krankheit ist. Sie unterliegt also zumindest kurzfristig nicht dem Willen der Betroffenen. Moralische Anmerkungen übers Essen helfen sicherlich nicht weiter, auch nicht in christlicher Verpackung.

Gibt es entlastende Rituale?
Ich halte das Feiern der Geburt von Jesus Christus in der familienüblichen Form für das bestmögliche Ritual. Am meisten wird es einer Betroffenen helfen, wenn sie nicht als Kranke behandelt wird, sondern ganz normal als Familienmitglied. Sie beteiligt sich wie alle anderen auch an den Vorbereitungen und an den Feiern und muss keinen Druck spüren, jetzt bestimmte Mengen essen zu sollen.

Sie glauben an Jesus Christus. Kann der Glaube bei einer Magersucht helfen?
Eine Magersucht zeigt in der Regel ein gebrochenes Verhältnis zum eigenen Körper und Menschsein. An Weihnachten feiern wir aber gerade, dass Gott selber Mensch geworden ist. Er hat damit unsere leibliche Existenz geheiligt und maximal wertgeschätzt!

Ich denke, wer sich mit diesen Zusammenhängen näher beschäftigt, dem kann das helfen, sich mit seinem Körper zu versöhnen. Die Ess-Störung wird dann relativ, weil das Wichtigste im Leben ja die Beziehung zu Jesus Christus und die Hingabe an ihn sind. Und das ist möglich, egal, ob wir krank oder gesund sind.

Aber die seelischen Belastungen für Betroffene und ihre Angehörigen sind enorm; hinzu kommt das medizinische Risiko. Rund 10 Prozent der Magersüchtigen sterben an dieser Erkrankung. Angesichts dieser Tatsachen rate ich sehr zu einer kompetenten Therapie.

Was raten Sie Betroffenen und ihren Angehörigen angesichts der bevorstehenden Festtage?
Die Magersucht nicht in den Mittelpunkt zu stellen, sie aber auch nicht zu einem Tabuthema zu machen. Wenn man sich um ein Familienmitglied ernsthaft Sorgen machen muss, dann ist es wichtig, dass ein Gespräch mit ihm möglichst unter vier Augen geschieht. Die Person soll erfahren dürfen, dass man mit ihr zusammen nach Hilfe schaut.

Wie gesagt: Ich rate sehr davon ab, Essprobleme im Rahmen der Familien lösen zu wollen, sondern würde mit der Betreffenden einen fachlich kompetenten Psychotherapeuten oder eine Klinik aufsuchen. Auch andere Familienmitglieder, die unter der Situation leiden, sollten sich Hilfe suchen.

Weiterführende Links:
www.jesus.ch/magersucht/
www.hungrig-online.de
www.sonnenhalde.ch

Sprechstunde fürs Thema Ess-Störungen:
Inselspital Bern: Tel. 031 622 88 11
Psychotherapiestation der Universität Zürich: Tel. 044 255 52 80
Schweizerischer Verband von Fachleuten: Tel. 044 342 47 48

Datum: 22.12.2006
Autor: Iris Muhl
Quelle: Jesus.ch

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