Vorsicht geboten

Verheissung oder Wunschdenken?

Verheissung oder Wunschdenken?
Immer wieder ist in der Bibel davon die Rede, dass Gott den Menschen etwas verspricht. Je nach Zählung kommt man dabei auf über 8'000 sogenannte Verheissungen. Doch gilt jede davon allen, die sie für sich in Anspruch nehmen?

Ein paar junge Leute sitzen zusammen im Gemeindehaus und spinnen Ideen. Wie kann ihre Kirche im Ort an Sichtbarkeit gewinnen? Wie wäre es, ein Ladenlokal in der Fussgängerzone zu mieten und dort ein Café als Begegnungszentrum zu eröffnen? Das würde einige Tausender im Monat kosten und viel Engagement. «Mal sehen, was Gott dazu sagt», meint einer von ihnen und schlägt seine Bibel auf. Er landet bei Johannes, Kapitel 14, Vers 12 und liest vor: «Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und wird grössere als diese tun, weil ich zu meinem Vater gehe.» Sie schauen sich an: «Wenn das keine Verheissung Gottes ist…» Doch ist das tatsächlich Gottes Zusage, dass ihr Vorhaben gelingen wird? Ist es seine Verheissung oder ihr Wunsch?

Nicht alles gilt für jeden

Je nachdem, was du alles dazurechnest, kommst du auf eine unterschiedliche Zahl von Verheissungen, die die Bibel enthält. Der britische Autor und Pastor Herbert Lockyer sprach in seinem Buch «All the promises of the Bible» von rund 8'000. Einige davon sind ganz offensichtlich universal gemeint und beziehen sich auf alle Menschen zu allen Zeiten. Das gilt besonders oft für Zusagen wie die von Jesus: «Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstossen.» Andere Verheissungen sind offensichtlich erst einmal an bestimmte Personen in besonderen Situationen gerichtet. Als ein Engel zu Gideon kommt, verspricht er ihm: «Geh hin in dieser deiner Kraft! Du sollst Israel aus der Hand der Midianiter erretten!» Sicher lassen sich hier Prinzipien übertragen, aber zunächst einmal ist Gideon der Adressat dieser Aussage und du musst keine Midianiter suchen, gegen die du kämpfen sollst.

Wie schwierig es ist, solche Sätze als Versprechen Gottes ins Hier und Heute zu holen, merkst du vor allem, wenn sie vehement als gültig verkündet werden. Es ist eine Sache, dass Gott dem König Hiskia durch den Propheten Jesaja verkündet: «Ich habe dein Gebet erhört und deine Tränen angesehen. Siehe, ich will zu deinen Lebenstagen noch 15 Jahre hinzufügen.» Aber es ist etwas völlig anderes, diesen Satz einem Kranken heute kurz vor dessen Tod als klare Zusage Gottes weiterzugeben. Zu solchem Denken und der Spannung darin meinte der bekannte Theologe Detrich Bonhoeffer: «Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheissungen!»

Vorsicht vor Wunschdenken

Die Spannung beim Hören von Gottes Verheissungen entsteht dadurch, dass diese Versprechen auf unser Wunschdenken stossen. Und plötzlich ist kein Raum mehr dafür, dass sie etwas anderes bedeuten könnten, als ich spontan verstehe oder gerne hätte. Nicht immer beinhaltet Gottes versprochene Nähe automatisch Erfolg, Gesundheit oder ein problemloses Leben.

Doppelt schwierig wird es, diese Fehlerwartungen an die Grösse des Vertrauens beim Gegenüber zu koppeln: «Wenn du genug geglaubt hättest, wärst du auch gesund geworden…» Hier wird die Grenze zum religiösen Missbrauch bereits überschritten. So ist es hilfreich, wenn du einerseits auf Gottes Zusagen vertrauen lernst, dies aber unterscheiden kannst von reinem Wunschdenken («Weil ich daran glaube, deshalb wird es passieren»). Nicht jede starke Hoffnung ist automatisch eine biblische Verheissung.

Eine Frage der Zeit

Bei vielen Verheissungen spielt auch die Zeit eine wichtige Rolle. Oft nämlich geschieht die Erfüllung als Prozess und nicht spontan. Typisches Beispiel ist hier Gottes Herrschaftsbereich, sein «Reich», von dem es mit Blick in die Zukunft in der Bergpredigt heisst: «Dein Reich komme» und von dem Jesus mit Blick in seine Gegenwart an anderer Stelle erklärt: «Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.» Diese Spannung aus Hoffnung und Realität, aus «schon jetzt» und «noch nicht» gilt für viele Verheissungen.

Eine Beziehungsfrage

Ausserdem sind Verheissungen in erster Linie Beziehungsaussagen und keine Garantien für erfüllte Wünsche. Sie sind damit keine «Bestellungen», sondern Ausdruck einer vertrauensvollen Verbindung. Damit geht es bei Verheissungen nicht darum, dass du alles bekommst, was du dir vorstellst, sondern dass Gott bei dir bleibt, egal was geschieht. Die meisten universellen Versprechen der Bibel beziehen sich denn auch konkret auf diese Ebene. Damit verschiebt sich der Fokus vom garantierten Erfolg auf Gottes Treue.

Eine Frage der Erwartungen

Schon Martin Luther und mit ihm viele andere Theologen betonten, dass Gott längst nicht nur im Erfolg zu finden ist, sondern besonders auch im Leiden. Das widerspricht dem weit verbreiteten Wunschdenken: «Wenn ich (richtig) glaube, muss alles gut laufen.» Stattdessen bewahrheitet sich Gottes Verheissung oft trotz Schwierigkeiten und nicht, indem man sie vermeidet. Kurz gesagt heisst das: Christlicher Glaube bedeutet nicht, dass Gott deine Erwartungen erfüllt, sondern dass du deine Erwartungen an seiner Wirklichkeit ausrichtest. Natürlich kannst du mit deinen Wünschen und Erwartungen zu Gott kommen – sie sind allerdings nicht dadurch garantiert, dass du einen Bibelvers findest, der scheinbar gut dazu passt. Wo dein Wunschdenken nach Sicherheit sucht, bietet Gott etwas Besseres: die unverbrüchliche Beziehung zu ihm, ein Vertrauen, das dich im Alltag trägt.

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Datum: 18.04.2026
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Jesus.ch

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