Ostersamstag – nicht mehr oder noch nicht?
«Den Karsamstag muss man aushalten», hat ein katholischer Theologe mal gesagt. Es ist die Zeit zwischen dem Horror von Karfreitag und dem total Überraschenden vom Ostermorgen. Die Jünger sind noch wie betäubt von gestern: verwirrt, verletzt, blockiert.
Heute, am Samstagmorgen, ist die Stadt, die gestern noch nach Tod geschrien hatte, still. Jesus ist tot. Die Jünger hatten gedacht, dass sie mit ihm zusammen die Welt verändern könnten. Irgendwie müssen sie nun versuchen, mit der schwierigen Wahrheit fertig zu werden: Jesus hat versagt. Er hat offenbar nicht genügend Nachfolger gefunden, er hat es nicht geschafft, Israel zu erlösen. Darum ist gestern nicht nur ihr Freund verendet, sondern die Hoffnungen von drei Jahren sind nun buchstäblich mit ihm begraben.
Irgendwie fertig werden
Das ist der Karsamstag – der Versuch, irgendwie damit fertig zu werden, dass es aus ist. Natürlich, heute wissen wir, wie es weitergeht, und die Jünger hätten es auch wissen können – er hatte es ihnen ja angekündigt. Er hatte gesagt, dass er wieder zu ihnen kommen würde. Aber sie haben es nicht gecheckt. Zu unmöglich war ihnen offenbar die Ansage, dass Jesus auferstehen würde. Unter der Macht der Eindrücke von gestern konnten sie nichts anderes mehr denken. Die Fakten sprachen so viel lauter als die manchmal rätselhaften Worte von Jesus!
Ist das nicht immer wieder mal unsere Situation? Ein Schicksalsschlag, ein Verlust, eine schmerzhafte Diagnose, eine Zäsur im Leben – und es ist einfach mal still. Nichts geschieht trotz Beten. Karsamstag: Gott schweigt. Pause. Eine solche «Gottespause» auszuhalten, ist eine der anspruchsvolleren Übungen des Glaubens.
Das Drei-Tage-Muster
In der Bibel haben wir oft einen Drei-Tage-Rhythmus. Das Muster ist immer dasselbe: Am ersten Tag geschieht ein Unheil, und am dritten Tag kommt die Rettung. Am zweiten Tag gibt es nichts – nur das Unheil, das andauert, Schmerz und Unsicherheit. Das Alte Testament enthält viele solcher Drei-Tage-Storys. Josefs Brüder kommen ins Gefängnis und werden am dritten Tag freigelassen. Rahab sagt den israelischen Spionen, sie sollen sich vor ihren Feinden verstecken und würden am dritten Tag in Sicherheit sein. Als Ester erfährt, dass ihr Volk niedergemetzelt werden soll, beginnt sie, zu beten und zu fasten. Am dritten Tag empfängt der König sie gnädig. Das Muster ist immer dasselbe: Am ersten Tag geschieht ein Unheil, und am dritten Tag kommt die Rettung. Am zweiten Tag gibt es nichts – nur das Unheil, das andauert.
Einfach aushalten
Die Leute in diesen Drei-Tages-Geschichten wissen jeweils nicht, dass die Befreiung am dritten Tag bevorsteht. John Ortberg schreibt: «Falls auch Sie in einer `Wartezeit` stecken und harte Zeiten durchmachen, denken Sie daran: Sie wissen nicht, ob es eine Drei-Tages-Story ist und die Errettung kurz bevorsteht. Warten Sie auf den Herrn. Und was immer Sie tun, während Sie auf den Sonntag warten – tun Sie es mit Gott. Sie können mit Gott am Samstag auf eine Art zusammen sein, wie dies an keinem anderen Tag möglich ist. Denn am Samstag wissen Sie: `Gott ist meine einzige Hoffnung`!»
Hinter den Kulissen
In der unsichtbaren Welt ist der Karsamstag übrigens nicht so still wie in der sichtbaren. Jesus ist zum Totenreich hinabgefahren und hat den «Geistern im Gefängnis» (wer auch immer das ist) die frohe Botschaft gepredigt, dass er gesiegt hat. Die Stelle von 1. Petrus Kapitel 3, Vers 19 ist nicht einfach auszulegen, aber klar ist: Der Sieg steht schon fest. Hinter den Kulissen geht oft mehr, als wir erkennen und verstehen.
Zurück zu uns. Wir wissen natürlich: Morgen ist Ostern. Es kann sein, dass du morgen – oder bald – einen Durchbruch zum Guten erlebst. Aber machen wir uns nichts vor: Manchmal müssen wir lange den Karsamstag aushalten. Die Lösungen kommen nicht immer morgen – und oft nicht auf die Art, wie wir sie uns wünschen.
Aber wir leben nun mal nach Ostern. Gott sei Dank baut unser ganzer Glaube auf der Tatsache auf, dass Jesus den schlimmsten Feind besiegt hat und Gott darum am Ende den Sieg behalten wird. Fakt ist: Seit Ostern kann uns nichts von der Liebe Gottes trennen. Hoffnung ist kein leeres Wort. Darum darfst du deinen persönlichen Karsamstag aushalten – und ihn vielleicht in Ostersamstag umbenennen.
Zum Autor: Reinhold Scharnowski (1952), Pfarrer, Netzwerker und Redaktor. Theologiestudium in Basel, dann 21 Jahre Pfarrer der FEGs in Thun und Steffisburg, 1 Jahr in den USA, Leiter von DAWN Europa, 3 Jahre Mission in Bolivien. Heute im Unruhestand, seit 2012 aktiv als Redaktor bei Livenet.ch. Verheiratet mit Regula, reformierte Pfarrerin, 4 Kinder, 10 Grosskinder. Liebt Jesus, Reisen, Musik, Kajaken, guten Whisky und gute Bücher.
Zum Thema:
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Dossier: Ostern
Scham, Angst und Schuld: Aufs Kreuz gelegt
Datum: 04.04.2026
Autor:
Reinhold Scharnowski
Quelle:
Jesus.ch