Schmidt: Grün
Das mit Abstand grossartigste Gefühl im Zusammenhang mit Ferien löst bei mir das Einstellen der Abwesenheitsnotiz in meinem E-Mail-Account aus. Meine Vorfreude steigert sich schlagartig, sobald ich den «Speichern»-Knopf gedrückt und damit die wunderbare Technik aktiviert habe, die automatisch allen, die in der kommenden Zeit etwas von mir wollen, mitteilt, dass sie gerade nichts von mir haben können. Welch wunderbare, simple Form der Abgrenzung dank moderner Technologie.
Ich wünschte, ein solches Tool gäbe es für meinen Alltag. Dass jedes Mal, wenn etwas oder jemand meine Grenze zu übertreten versucht, eine Meldung ausgelöst wird, die adäquat auf die Grenzüberschreitung reagiert. Das könnte ein «Jetzt nicht stören!» sein oder ein «Bitte Abstand halten!». Muss es etwas direkter sein, kann’s meinetwegen auch ein «Stopp, bis hierhin und nicht weiter!» sein. Im Familiensetting bräuchte ich gelegentlich ein humorvolles «Schmidt ist gerade unpässlich. Versuchen Sie, Ihr Problem selbst zu lösen!». Und am Arbeitsplatz wäre manchmal ein ehrliches «Ich schaffe diese Aufgabe nicht, ohne dafür Überstunden zu machen. Ich brauche Unterstützung!» angebracht. Bis es diese Technologie, die sich über meine Ferienbelange hinaus für mich einsetzt, allerdings gibt, muss ich die Sache wohl weiterhin selbst in die Hand nehmen.
Anselm Grün, Benediktinermönch und geistlicher Begleiter, hat ein kluges Buch über die Notwendigkeit der persönlichen Grenzziehung geschrieben und darüber, welche verheerenden Folgen – von vergifteten Beziehungen, Burnouts bis hin zu Suchtverhalten – es geben kann, wenn wir Menschen nicht dazu imstande sind, uns abzugrenzen.
«Viele haben ein geradezu körperliches Gefühl dafür, wo ihre Grenze liegt. Wir müssen aber auch lernen, zu unserer Grenze zu stehen und sie anderen auch zu signalisieren. Der andere kann es von sich aus nicht wissen. Wir müssen es ihm sagen oder ihm durch unser Verhalten klar machen, wo unsere Grenze liegt. Jeder ist für seine eigene Grenze verantwortlich.»
Anselm Grün
Grün nennt Jesus das beste Beispiel gesunder Selbstabgrenzung. Nicht nur hat Jesus ein unglaublich gutes Gespür für seine persönlichen Grenzen, er fordert sie auch natürlich ein. Mehr als einmal bietet er den Pharisäern und Menschenmassen auf klare Weise die Stirn: Er widersteht den Bitten und Erwartungen vieler weiterer Hilfesuchenden, um in der Stille und im Gebet aufzutanken. Auch lässt er sich nicht in die Enge treiben, sondern reagiert auf Fangfragen der Pharisäer gekonnt mit Gegenfragen und weist sie so in ihre Schranken.
Ich frage mich, ob es Jesus leicht gefallen ist, Nein zu sagen. Wenn ich mich abgrenze, schwingt bei mir manchmal unterschwellig die Befürchtung mit, den anderen vor den Kopf zu stossen oder je nach Kontext gar die Beziehung aufs Spiel zu setzen. Grün hat auch hierauf eine einleuchtende Antwort: Mit meinem Nein lehne ich den anderen nicht ab, sondern biete ihm damit an, auf eine Weise in Beziehung zu sein, die mir und dem anderen gut tut. Und sollte das Gegenüber dieses Angebot ausschlagen, so muss ich das ebenfalls akzeptieren – als eine Grenzziehung seinerseits.
Jesus und Grün, danke für die Lebensschule. Ich werde versuchen, das Gelernte anzuwenden. Und nun verdünnisiere ich mich in meine wohlverdienten Ferien – eine Grenzziehung, die mir leicht fällt und eine weitere Grün’sche Weisheit bestätigt, die besagt: «Nur wenn man sich zurückziehen kann, kommt man auch gerne zusammen.» In diesem Sinne: Arrivederci und macht’s gut. Ich bin dann mal weg. Abwesenheitsnotiz aktiviert in 10, 9, 8, …
Schröder: Rosa
Ferien starten für mich offiziell in dem Moment, in dem wir unserem Zuhause den Rücken zukehren. Sobald wir mit allen Habseligkeiten, die wir zu brauchen meinen, unterwegs sind, macht sich in mir Entspannung breit. Mit jedem Meter, den wir uns von unserem Zuhause entfernen, löse ich mich mehr von den unzähligen Dingen, von denen ich gerade noch dachte, sie im und ums Haus unbedingt noch erledigen zu müssen. Schon eine Stunde später ist es mir egal, ob wir vergessen haben, alle Stecker zu ziehen. Nach wenigen Tagen weiss ich kaum mehr, wo ich eigentlich wohne, und verschwende keinen einzigen Gedanken mehr an meinen E-mail-Posteingang. Ich bin raus aus dem Alltag und einfach nur noch im Moment. Ohne meine beruflichen und sozialen Hüte, ohne Agenda, Verpflichtungen und Datum.
Was aber alles nicht automatisch heisst, dass mein Energielevel mit dem Ferienbeginn plötzlich nach oben schnellt. Kürzlich habe ich den Soziologen Hartmut Rosa in einem Podcast sinngemäss sagen hören, dass das mit dem Aufladen unserer Batterien durch Ausruhen, Wellness und süsses Nichtstun schlichtweg nicht funktioniert. Ich musste sofort an Ferientage in der Vergangenheit denken, an denen ich eigentlich auf 100 Prozent hätte sein müssen – voll aufgeladen. Ich hatte genügend Gelegenheit, Schlaf nachzuholen und konnte einfach alle Viere von mir strecken. Stattdessen kam ich kaum in die Gänge, fühlte mich antriebslos und war trotz optimaler Bedingungen nicht die glücklichste Version meiner selbst.
Rosa ist der Überzeugung, dass wir Energie gewinnen können, indem wir uns verausgaben und aktiv sind. Wir tanken auf, wenn wir berührt werden, Verbundenheit spüren und uns so richtig lebendig fühlen. Das kann durch tiefe Gespräche geschehen oder durch Naturerlebnisse wie einen überwältigend schönen Sonnenuntergang. Resonanzerfahrungen nennt Rosa solche Momente, die uns Energie zuführen.
Wenn ich ihn darüber reden höre, denke ich: Ja, genau, das ist es, wonach ich mich oft sehne! Und was ich heimlich von Ferienzeiten erhoffe. Meine Tochter schwärmt von gleich zwei herzerwärmenden Zufallsbegegnungen mit Menschen auf Reisen im letzten Jahr. Ihre Schwester legt nach: Spaziergänge nach Einbruch der Dunkelheit und das Basketballspiel mit alten Freunden auf dem Schulhof waren für sie die Highlights schlechthin. Eine meiner schönsten Ferienerinnerungen der letzten Jahre ist das Glücksgefühl, das wir verspürten, als wir es mit vereinten Kräften geschafft hatten, die durchgebrannte Sicherung im gemieteten Campingbus an einer Tankstelle in England auszutauschen.
Die Crux an dem Ganzen: Diese Momente können wir nicht buchen wie ein Flugticket. Sie sind unverfügbar. Sie passieren einfach, oftmals dann, wenn wir es am wenigsten erwarten. Und dann auch nur, wenn wir offen sind und bereit, uns berühren zu lassen. Aber es lohnt sich, denn dieses Aufgeladenwerden geht mit Transformation einher. Man lässt sich ein und wird verändert. Findest du nicht auch, das klingt alles sehr nach Jesus? Tiefe Begegnungen mit ihm habe ich nicht häufig und nie auf Knopfdruck. Ich kann sie mir nur schenken lassen. Wenn ich sie erlebe, weicht die Erschöpfung und mein innerer Akku kommt wieder in den grünen Bereich. Ich glaube, ich mache es wie Schmidt: Abwesenheitsnotiz rein, Herz auf und Ciao for now. Grüne Wiesen, ich komme! Rosa Wolken, ich bin bereit!
Ob du deine Koffer erst noch packst oder schon am Wäschewaschen bist und in Erinnerungen an deine Ferien schwelgst: Wir wünschen dir weiterhin einen schönen Sommer, geladene Batterien und ein gutes Gespür für deine persönlichen Grenzen.


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