«Wir haben 52 Söhne bekommen …»

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Gaby Stamm und ihr Ehemann David konnten keine Kinder bekommen

Gaby und David Stamm sind nie Eltern geworden. Trotzdem gehören Kinder zu ihnen und ihr Haus ist immer wieder belebt. Sie nahmen schon mehrfach Menschen in Not auf, manchmal für mehrere Jahre. Und sie beherbergen Wandergesellen auf der Walz.

30.6.2026
5 min
Mirjam Fisch

«Wir haben uns an einer Hochzeit kennengelernt», berichtet Gaby Stamm. Inzwischen sind die gelernte Floristin und Gärtnerin und der Pöstler seit 33 Jahren verheiratet. Heute arbeitet Gaby als Behindertensportleiterin Schwimmen und Polysport, David als Berufsschullehrer für Logistiker. Ihr Ehemann half Gaby, Minderwertigkeitsgefühle zu überwinden. Sie hatte eine zerbrochene Beziehung hinter sich gehabt und auch die Schulzeit nicht gut erlebt. Seine Liebe liess sie aufblühen.

«Als wir nach drei Jahren noch immer nicht Eltern geworden waren, liessen wir uns medizinisch abklären», hält die 58-Jährige fest. Zuerst unterzog sich David genauen Untersuchungen, dann Gaby. Doch da stellte die Ärztin eine Schwangerschaft fest! Leider verlor die werdende Mutter das Kind in der sechsten Woche. Die Trauer war gross – und kehrte mit jeder Menstruation zurück. David, heute 59-jährig, konnte sich besser ablenken, sein Körper war nicht den gleichen Hormonschwankungen unterworfen.

Sie tauschten sich darüber aus, welche medizinischen Methoden für sie in Frage kommen. In Vitro war von Anfang an keine Option. Sie wollten keine befruchteten Zellen einfrieren lassen. Ihre Frage war: Was geschieht mit den Überzähligen? Eine Alternative war die Hormontherapie zur Auslösung des Eisprungs. Spermien müssen so nach der Insemination so selbst ihren Weg finden. «Pflegekinder hätte ich nicht mehr abgeben können», weiss Gaby. Auch die Option einer Adoption war für das Paar mit zu vielen Unsicherheiten verbunden: «Bei wichtigen Entscheidungen waren wir uns immer einig und haben einander unterstützt – auch gegenüber unsensiblen Kommentaren von aussen.»

Doppelter Verlust

Zwei Jahre nach dem Abort wurde die damals 30-jährige Gaby mit Zwillingen schwanger. Doch kaum hatte sie es erfahren, starb ihre Mutter im Alter von 56 Jahren. Diese hatte eine Lungenembolie erlitten und war innert 15 Minuten tot. Durch den Schock löste sich bei Gaby der Mutterkuchen – sie verlor auch die Zwillinge.

Schon nach dem ersten Frühabort hatte Gaby seelsorgerliche Hilfe gesucht. «Gott zeigte sich mir mit unserem ersten Sohn ihm Arm und ich erkannte auch die Namen unserer Kinder», erinnert sie sich. Ihre erste Reaktion: «Gott, das kannst du nicht machen – mir mein Kind wegnehmen!» Doch dann tauchte der Gedanke auf: «Was wünsche ich mir als Mutter mehr, als mein Kind in seiner Liebe geborgen zu wissen?»

Gaby begann eine Ausbildung zur Seelsorgerin, erfuhr dabei selbst Hilfe und Heilung. Drei Jahre später starb ihr Vater nach drei Herzoperationen innerhalb einer Woche. Erneut erfüllte sie tiefe Trauer. Innerhalb der nächsten sieben Jahre verlor sie fünf nahe Familienangehörige. «Ich weiss nicht, wo ich heute stehen würde, wäre ich nicht im Glauben verankert gewesen», hält sie fest.

Als eine Bauernfamilie in der Nähe Hilfe benötigte, aber niemanden dafür hätte einstellen können, gab Gaby ihre Berufstätigkeit auf. Sie hatten ohnehin geplant, als Familie allein von Davids Gehalt zu leben. So übernahm sie nun diese Aufgabe. Sechs Jahre blieb sie der sechsköpfigen Familie treu, dann 22 Jahre lang einer mit drei Kindern. Die wachsende Kinderschar mitbetreuen zu dürfen, tat ihr wohl. «Ich war traurig über die eigene Kinderlosigkeit, aber nie eifersüchtig auf andere Eltern.» Doch manchmal wünschte sie sich, dass sich Gespräche im Freundeskreis nicht vorwiegend um den Nachwuchs drehen. «Am meisten habe ich vermisst, dass ich mit niemandem reden konnte, der das Gleiche erlebt hat wie wir.»

Offenes Herz und Haus

Schon kurz nach der Hochzeit hatte das Paar eine junge Frau bei sich aufgenommen, die Unterstützung brauchte. Vier Jahre lang lebte sie bei ihnen. Danach kamen andere Menschen für kürzer oder länger bei ihnen unter. Später zog Davids Onkel ein, der wegen einer Behinderung nicht allein wohnen konnte. Nach 15 Jahren ist er nun gestorben. Die Frau, die seit drei Jahren bei ihnen lebt, wird im August ausziehen – das Paar ist gespannt, wen Gott danach zu ihnen schickt.  

Dass Gott ihnen den Kauf eines grossen Hauses mit Garten ermöglicht hat, nahmen sie zum Anlass, es für andere zu öffnen. Seit sieben Jahren übernachten jeweils Wandergesellen im Haus und dürfen am Familienleben teilhaben. Vom miteinander Essen bis zu den Festen, die im Haus stattfinden, gehören sie einfach dazu.  Sie bleiben ein paar Tage oder Wochen.

Diese Gastfreundschaft spricht sich herum – immer wieder steht ein junger Handwerker vor der Tür und bittet um Unterkunft. Gaby und David freuen sich über jeden. Das Tischgebet gehört bei ihnen dazu, ansonsten «missionieren» Stamms nicht. Doch man lernt sich kennen, und immer wieder entstehen Gespräche über den Glauben. Gaby erzählt strahlend: «Die grösste Freude war, dass einer von ihnen eines Tages erklärt hat, er habe sich bekehrt.» Dessen Tante hatte ebenfalls für ihn gebetet, so wie Gaby und David es für die jungen Männer machen. Dass sie von ihnen «Herbergs-Eltern» genannt werden, freut sie sehr. Inzwischen haben sie 52 Handwerker auf der Walz beherbergt. «Sie sind wie Söhne für uns», erklären sie. Das Paar wurde schon zu Hochzeiten oder der Heimkommens-Feier eingeladen.

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Das Ehepaar lebt Gastfreundschaft, nimmt Menschen in Not auf und beherbergt Wandergesellen.

Abschliessen, Ressourcen nutzen

Mit 40 Jahren schlossen David und Gaby das Thema Elternschaft ab. Sie hatten Alternativen gefunden: Gäste bewirten, Patenkinder begleiten, das offene Haus, Gabys Tätigkeit als Schwimmlehrerin und Mitarbeit im Verein PlusSport, Davids Weiterbildung zum Berufsschullehrer.

Zusammen mit zwei weiteren Ehepaaren gründeten sie vor fünf Jahren den Verein GLOW («Glauben leben ohne Wunschkind»). Er begleitet Paare auf ihrem Weg zur Elternschaft oder im Leben ohne Kind. Und bald schliesst Gaby ihre Ausbildung zur psychosozialen Beraterin ab. Sie hat viel Erfahrung im Umgang mit Not und liebt es, aufzuzeigen, wie man hilfreich damit umgehen kann. Die beiden laden ihre Kleingruppe regelmässig zum Essen ein und verbinden so Leben und Glauben ganz praktisch. «Gott hat es gut mit uns gemeint, wir haben viel Grund zur Dankbarkeit», betont Gaby.

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