Älter werden wir automatisch, reifer nicht

Älterwerden hinterlässt Spuren – und das ist nichts, was verborgen werden müsste. Gelebte Jahre stehen für Erfahrungen und Erlebtes. Doch ein langes Leben macht nicht automatisch weise oder kompetent, wie Alltag und Alternsforschung zeigen.

2.7.2026
5 min
geschrieben von
René Winkler
Mann und Frau auf einere Bank
Unsplash+
Worin zeigt sich menschliche Reife?

Älter wird man automatisch, ob man will oder nicht. Nicht alle aber wollen, dass man ihnen ihr tatsächliches Alter auch gleich ansieht, wenn die Lebensjahre viele geworden sind. Aber warum denn? Es ist doch schön, wenn man jemandem die gelebten Jahre ansieht! So viel wurde schon gewagt, so vieles schon geschafft und durchgestanden. Lachfalten und Sorgenfalten lassen einiges erahnen.

Immer mehr Lebensjahre bedeutet ja auch, dass da immer mehr Lebenserfahrungen sind. Mit vielbejahrten Menschen ins Gespräch zu kommen, verspricht deshalb einiges. Doch gesammelte Lebenserfahrungen machen nicht automatisch weise und kompetent. Das sagen uns unsere eigenen Wahrnehmungen, wie übrigens auch die Alternsforschung.

Reife kann man beobachten, Unreife auch

Wir sehen dies am deutlichsten bei anderen. Es gibt Menschen, die für alles oder doch für sehr vieles dankbar sind. Andere fallen durch ihre Unzufriedenheit auf. Perfektion ist ihre Vorstellung von Normalität. Reife Menschen sehen Fehlerhaftes und Fehlendes auch, aber sie reiben sich daran nicht wund. Sie bleiben barmherzig in ihrem Urteil und vergeben grosszügig. Unreife bleiben dagegen an den Fehlern anderer hängen und machen diese, je länger, desto grösser und schrecklicher.

In einem langen Leben gibt es einiges, was sich nicht wünschbar entwickelt. Je länger man lebt, desto häufiger kommt es auch vor, dass man Wertvolles wieder verliert: Menschen, Beziehungen, Möglichkeiten, Kräfte, Gesundheit u.a.m. Sowas tut allen weh, den Reifen und den Unreifen. Alle müssen ihren Verlust erst mal verdauen. Während reife Menschen Akzeptanz, Dankbarkeit und neues Gottvertrauen buchstabieren, kreisen unreife um ihren Verlust und wollen diesen Kreisverkehr auch nicht wirklich verlassen. Sie reden gerne und immer wieder über erlebte Ungerechtigkeit und ihren Schmerz.

Es gibt noch viele weitere Unterschiede: Reife Menschen wollen durch Diskussionen wachsen. Unreife wollen sie gewinnen; sie reden, um ihre Meinung zu präsentieren. Reife hören zu, reden mit und stellen Fragen, um zu verstehen. Sie schätzen andere Meinungen und die Unterschiedlichkeit, wie Menschen das Leben sehen. Unreifen Menschen ist es bei Gleichdenkenden am wohlsten. Reife Menschen leben im Hier und Jetzt, unreife in ihren Zielen und Träumen oder in der Vergangenheit.

Reife zeigt sich an unserer Liebesfähigkeit

Reife zeigt sich daran, dass jemand in wichtigen Momenten nicht mit sich selbst beschäftig ist, sondern liebt! Wichtige Momente sind Begegnungen mit Menschen. Wer – aus welchem Anlass auch immer – jemanden trifft und sich einige Augenblicke oder auch längere Zeit selbstvergessen dieser Person zuwendet, handelt reif.

Selbstvergessen trifft es gut, um Liebe zu beschreiben. Selbstvergessen meint: nicht darüber nachdenken, ob mir diese Begegnung etwas bringt; nicht befürchten, selbst zu kurz zu kommen oder nicht zu genügen; kein Gedanke, ob ich währenddessen etwas Besseres verpasse. Wer in der Begegnung wahrnimmt, wie es seinem Gegenüber geht und was er oder sie ihm Gutes tun könnte, liebt. So geht Nächstenliebe. Begegnungen können physisch oder virtuell sein. Auch aus einem Bericht, den ich gerade lese, kann eine Begegnung entstehen, auch wenn ich mich der schreibenden Person erstmal nur gedanklich zuwende.

Liebesfähigkeit ist die Frucht erfahrener Liebe. Wer in seinem Leben bisher viel Liebe erfahren hat, wird schneller und leichter lieben. Über die Erfahrung menschlicher Liebe hinaus geht die Erfahrung der Liebe Gottes. Die Liebe Gottes macht uns liebesfähiger. LiebesfähigER schreibe ich deshalb gerne so, weil es nicht ausreicht, sich Liebesfähigkeit vorzunehmen. Dem Anspruch der Nächstenliebe können wir nicht selbst genügen.

Jesus bittet seine Jünger in Johannes Kapitel 15, Vers 9: Bleibt in meiner Liebe! In der persönlichen Nähe und Verbindung mit Jesus Christus, wächst auch unsere Liebesfähigkeit. Paulus schreibt, dass wir aufgrund der erfahrenen Barmherzigkeit von Gott unser Leben ganz Gott zur Verfügung stellen und seinen Willen tun sollen (vgl. Römer Kapitel 12, Vers 1-2). Es braucht eine persönliche Veränderung, damit wir das auch wirklich können. Die Veränderung schafft Gott in uns, wenn wir sie ausdrücklich wollen. Man muss also auch wollen, was man nicht selbst kann!

Mir nicht alles gefallen lassen

Der Heilige Geist, den uns Gott schenkt und durch den er in uns lebt, ist eine unversiegbare Quelle der Liebe und der Kraft (vgl. 2. Timotheus Kapitel 1, Vers 7). Und er ist auch ein Geist der Selbstüberwindung. Das bedeutet, dass unsere eigene Lebensart (Persönlichkeit, Prägung, Erfahrungen mit uns selbst) keine unüberwindbare Begrenzung ist. Meinen Gedanken und Meinungen über mich selbst und über das, was nicht möglich ist, muss ich gegebenenfalls auch widersprechen – im Namen von Jesus Christus und seinem Heiligen Geist. 

Reife im Hosentaschen-Format

Reife zeigt sich in unsere Liebesfähigkeit. Nächstenliebe gelingt da, wo wir voll präsent sind, hier und jetzt und ohne Angst um uns selbst. Meine Kürzestdefinition von Reife ist deshalb: furchtlos ganz da. Diese Furchtlosigkeit besitze ich allerdings nicht. Furchtlosigkeit ist vielmehr eine Haltung, die ich immer wieder wähle. Ich entscheide mich für das Vertrauen in Gottes Liebe und gegen die Angst um mich selbst, die Angst vor Überforderung, vor Fehlern, falschen Prioritäten und Ähnliches mehr. Ich entscheide mich zu glauben, dass Gott mich liebt und hält, pausenlos, und jetzt gerade auch. 

Reife ist Schönheit

Über das Aussehen einer Person kann man verschiedener Meinung sein. Begegnet man einem reifen Menschen, wird man sich kaum über sein Aussehen und die noch nicht sichtbaren Lebensjahre unterhalten, sondern seine Schönheit geniessen. Reife ist schön und inspirierend.

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