Das waren noch Zeiten – Als die Nachfolger Jesu noch keine Christen waren

11.1.2017
5 min

Stellen wir uns einmal vor, die Wörter «Christen» oder «Christentum» wären nie erfunden worden. Würde das für uns etwas ändern? Wahrscheinlich würden wir die ganze Diskussion über Israel und Gemeinde anders führen.

Das Thema um Juden und Christen wird schon seit langem sehr kontrovers diskutiert. Auch in jüngster Zeit gibt es sehr polarisierende Meinungen. Welche Stellung hat denn jetzt die Gemeinde in Gottes Heilsplan? Dürfen wir biblische Verheissungen – vor allem im Alten Testament – auf uns beziehen oder gelten diese allein der Nation Israel? Hier gibt es durchaus verschiedene Positionen.

Ersatztheologie oder die ewige Absicht Gottes mit Israel

Die sogenannte «Ersatztheologie» vertritt die Ansicht, dass die Gemeinde den Platz Israels in Gottes Heilsplan eingenommen hat. Mehrere Aussagen im Neuen Testament betonen, dass die biologische Abstammung wertlos ist und es auf den Glauben ankomme  (z.B. Römer, Kapitel 2, Verse 28-29; Galater, Kapitel 3, Vers 28 u.a.). Die Ersatztheologie sagt aus, Gott habe Israel wegen dessen Unglaubens verworfen und die Christen würden an seiner Stelle Gottes Reich erben.

Diese Sicht ist problematisch, kann Antisemitismus fördern und wird gerade in den letzten Jahren zunehmend in Frage gestellt. Viele bisher unerfüllte biblische Prophetien beziehen sich eindeutig auf Israel. Es scheint, als hätte Gott noch immer einen bedeutenden Plan mit dieser Nation.

Dann gibt es noch sehr ausgeprägte Vertreter einer Pro-Israel-Theologie. Diese glauben, dass wir den Sabbat (das heisst Samstag) heiligen und die jüdischen Feste feiern sollten. Erst durch das Ausleben der jüdischen Traditionen würden wir zu einem echten christlichen Verständnis finden.

Verwirrung

Ein Überblick über all die verschiedenen Sichtweisen über die Stellung von Israel und der Gemeinde ist unmöglich. In Extremfällen wird Israel als von Gott verworfen oder sogar als verflucht betrachtet. Im Extrem auf der anderen Seite gibt es aber auch Christen, die glauben, dass unsere Haltung zu Israel dafür entscheidend ist, wo wir die Ewigkeit verbringen (Jesus Christus als Erlöser wird dabei nicht erwähnt). Verwirrung ist vorprogrammiert. Und wir müssen wohl eingestehen, dass zu dieser Thematik nie vollständig ausgelernt werden kann. Ein Blick auf die frühere Kirchengeschichte kann dabei hilfreich sein.

Die erste Gemeinde in Jerusalem bestand zu 100 Prozent aus Juden. Niemandem wäre es in den Sinn gekommen, sich vom Judentum zu lösen. Der Glaube an den Messias ist sogar Kernelement des jüdischen Glaubens. Leider erkannten die meisten Juden damals Jesus nicht als ihren Erlöser. Deshalb war es nur eine verhältnismässig kleine Gruppe von Juden, die zur Gemeinde von Jesus gehörte. Im römischen Reich wurde die Gemeinde als jüdische Sekte bezeichnet. In diesem Zusammenhang hielt Paulus wiederholt fest, dass die biologische Zugehörigkeit zu einem Volk oder die Beschneidung keinen Menschen zu einem «wahren Juden» machten. Der Glaube an Jesus war das Entscheidende.

Heiden kommen zur Gemeinde dazu

Die Tatsache, dass Heiden in die Gemeinde von Jesus aufgenommen wurden, galt im ersten Jahrhundert als Skandal. Für Juden war es unvorstellbar, wie Gott sogar Heiden in seinem Volk aufnehmen konnte. Alle Verheissungen Gottes schienen sich doch einzig an Israel zu richten. Doch Gottes Ziel war nicht, ausschliesslich Israel zu segnen. Vielmehr wollte er durch Israel allen Nationen sein Licht bringen. Und dies tat er, indem Jesus als Jude geboren wurde, um die ganze Menschheit mit sich zu versöhnen. Als Instrument hierzu brauchte er eine Gruppe von Juden, welche dem Messias nachfolgte. Durch diese jüdische Gruppe fanden viele Heiden zum Glauben an Jesus Christus.

Jüdische Sekte oder christliche Gemeinde?

Nach einiger Zeit bestand die Gemeinde Jesu mehrheitlich aus Heiden. Bereits im ersten Jahrhundert tauchte für die «jüdische Sekte» der Name «Christen» auf. Dieser Name setzte sich durch. Unter der Führung des Heiligen Geistes entschieden die damaligen Leiter, dass die Heiden nicht Juden werden mussten, um zur Gemeinde zu gehören. Allein durch den Glauben an Christus wurden sie Teil von Gottes Volk.

Stellen wir uns einmal vor, der Name «Christen» wäre nie erfunden worden und die Gemeinde würde noch immer als «jüdische Sekte» bezeichnet. Stellen wir uns weiter vor, das Christentum wäre nicht vom römischen Kaiser Konstantin verstaatlicht worden und gelte auch nicht als Weltreligion. Noch immer würden wir genau gleich zu Jesus gehören und vom selben Heiligen Geist geführt werden. Und wir hätten noch immer dieselbe Bibel. Auf jeden Fall würde sich die Diskussion um Gemeinde und Israel aber ganz anders gestalten.

Gottes Ziel für die Welt

Jesus gab seinen Jüngern den Auftrag, alle Nationen zu Jüngern zu machen. Die kleine Schar von Juden verkündete Jesus als Herrn und Erlöser. Nachdem Gott bereits das Alte Testament den Juden anvertraut hatte, wurde Jesus als Jude geboren. Seine ersten Anhänger waren Juden und brachten das Evangelium zu den Nationen. In all den Diskussionen um Israel dürfen wir dieses grosse Ziel nie aus den Augen verlieren: Gott will, dass alle Nationen zu seinen Jüngern werden. Dadurch werden sie Teil des grossen Volkes, welches am Anfang als die jüdische Sekte der Nazarener bekannt war – und am Ende Menschen aus allen Völkern, Nationen und Stämmen umfassen wird.

Teile diesen Beitrag
Das könnte dich auch interessieren
Thema
Paulus beschreibt im Römerbrief Kapitel 9 Juden und Christen als Zweige eines Ölbaumes – die Christen aus heidnischen Nationen wurden als wilde Zweige darin eingepfropft

1’700 Jahre Konzil von Nizäa – Als Christen ihre jüdischen Wurzeln kappten

In diesem Jahr erinnern Christen an das erste Ökumenische Konzil im Jahre 325 in Nizäa. Es hat immense welt- und kirchengeschichtliche Bedeutung. Doch die Bischofsversammlung legte auch die Axt an die jüdischen Wurzeln der jungen Christenheit.
Thema
Rosch ha-Schana – das jüdische Neujahrsfest

Rosch ha-Schana – das jüdische Neujahrsfest

Wir gewöhnen uns gerade daran, dass der Sommer vorbei ist und der Herbst kommt, da ist für die jüdische Gemeinschaft bereits Neujahr: Vom 22. bis 24. September wird Rosch ha-Schana gefeiert.
Thema
Regula Lustenberger

Die Wurzeln des christlichen Glaubens sind jüdisch

Regula Lustenberger aus Winterthur ist eine selbständige Grafikerin und Künstlerin mit einem besonderen Anliegen für Israel. Sie erwartet, dass dieses Thema sie ihr Leben lang begleiten wird.
Thema
Die «Exodus» im Hafen

Vor 75 Jahren fuhr die «Exodus» mit Flüchtlingen nach Palästina

Der erfolglose Ausreiseversuch von 4.500 Holocaust-Überlebenden nach Israel auf der «Exodus» gehört zu den dramatischsten Geschichten der Nachkriegszeit. Und er hat grossen Anteil an der Staatengründung Israels.