Cudi im Gebirge Ararat – Betete König Sanherib einen Teil der Arche an?

2.7.2020
6 min
Timo Roller
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Timo Roller

Unter Wissenschaftlern setzt sich zusehends der Gedanke durch, dass der Berg Cudi der Landepunkt der Arche Noah war. Dieser gehört zu den Bergen von Ararat und liegt ebenfalls in der Türkei, erklärt der Arche-Forscher Timo Roller im Interview mit Livenet.Timo Roller, Sie gehen davon aus, dass die Arche auf dem Berg Cudi strandete – was spricht dafür?
Timo Roller:
«Am siebzehnten Tag des siebenten Monats setzte die Arche auf dem Gebirge Ararat auf.» – So steht es in 1. Mose, Kapitel 8, Vers 4. Im Hebräischen steht für «Berg» eine Mehrzahlform, man könnte also auch übersetzen: «…setzte die Arche auf den Bergen von Ararat auf.» Das Land Ararat ist identisch mit dem aus der Archäologie bekannten «Urartu», dem Bergland nördlich der mesopotamischen Ebene, in der heutigen Osttürkei. Der berühmte Vulkanberg «Ararat» – eigentlich «Agri Dagh» – sowie der Cudi Dagh gehören beide zu diesem Bergland. Eine genauere geografische Bestimmung als in der Bibel finden wir in deutlich jüngeren Schriften wie den «Altertümern» des jüdischen Geschichtsschreibers Josephus. «Armenien», wo die Arche gelandet sei, erstreckte sich damals viel weiter in den Süden, das «Kordyäergebirge», das Josephus als zusätzliche Ortsangabe nennt, ist mit dem Berg Cudi identisch. Somit ist der überlieferte Landeplatz der Arche 300 Kilometer vom sogenannten «Ararat» entfernt, er befindet sich in der ersten Gebirgskette, die an die mesopotamische Landfläche grenzt.

Cudi-Dagh-Gebirtskette
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Cudi-Dagh-Gebirtskette

Die Arche-Noah-Tradition ist unter der Bevölkerung am Berg Cudi sehr präsent und auch noch in europäischen Schriften aus vergangenen Jahrhunderten wurde der Cudi erwähnt. Durch angebliche Archesichtungen seit etwa 150 Jahren geriet der wahre Landeplatz dann in Vergessenheit. Und heute glaubt sowieso kaum noch jemand an die historische Wahrheit der Sintflutgeschichte, daher ist auch die Diskussion um den richtigen Ort verstummt.

Inzwischen ist der Cudi Dagh erfreulicherweise wieder in den Fokus gerückt: Die weltweit grösste kreationistische Organisation, «Answers in Genesis», hält ihn  für den wahrscheinlicheren Kandidaten. Auch viele Mitglieder der «Studiengemeinschaft Wort und Wissen» (W+W) stimmen meinen Ausführungen zu, der W+W-Mitarbeiter und Archäologe Peter van der Veen hat mich übrigens vor 15 Jahren auf das Thema gebracht.

Welche Hinweise sind in den letzten Jahren dazugekommen, wie formen sich die Puzzle-Teile zusammen?
Mein im Jahr 2014 erschienenes Buch «Das Rätsel der Arche Noah» fasst im Prinzip nach wie vor den aktuellen Forschungsstand zusammen, es wurden seither kaum Argumente gegen den Berg Cudi hervorgebracht. In der Hauptsache habe ich mich in den letzten Jahren mit keilschriftlichen Überlieferungen befasst. Es wurde ein Text publiziert, der von einer «runden Arche» erzählt. In einem längeren Artikel habe ich Argumente für die biblische, kastenförmige Version dargelegt. Spannend ist auch die Frage nach der Verehrung der Arche Noah durch assyrische Könige. Es gibt einige Reliefs am Fusse des Cudi Dagh in Verbindung mit Keilschrifttexten sowie antike Traditionen, leider aber auch etliche fehlende Puzzle-Teile. So gibt es beispielsweise eine sehr alte Tontafel, die – ähnlich wie das viel jüngere Gilgamesch-Epos – von einer Sintflut erzählt, bei der aber nach dem Satz «Der Sturm, die Flut zog auf…» eine Lücke von etwa 58 Zeilen im Text ist. Informationen, die hochinteressant wären, sind unwiederbringlich verlorengegangen.

In diesem Jahr wäre zu diesem Thema eine Konferenz in der Türkei geplant gewesen. Was wären dort die Schwerpunkte gewesen?
Ich war 2013 bei einem Symposium an der Universität Sirnak am Fusse des Cudi-Bergs und habe von meinen Forschungsergebnissen berichtet. Es war ein einzigartiger Austausch mit Forscherkollegen aus Amerika und auch Einheimischen, die Erkenntnisse präsentierten, die noch nirgendwo ausserhalb der Türkei bekannt waren. Nun hätte an Ostern ein neues Symposium daran anknüpfen sollen, die Rahmenbedingungen waren aber anfangs etwas fragwürdig. Es exisiterte nur eine Ausschreibung auf Türkisch. Die dauerhaften politischen Probleme in der Krisenregion haben ausserdem offensichtlich die Struktur der Universität verändert und wohl auch die finanziellen Mittel sehr geschwächt. Trotzdem hat sich die Sache dann vielversprechend entwickelt und ich stand kurz davor, die Reise anzutreten: die Ausarbeitungen waren verfasst, die Flugdaten übermittelt – doch dann kam Corona.

Sie wären auch für ein Referat dabei gewesen: Welche Erkenntnisse hätten sie vorgestellt?
Es geht in meinem Paper um das Pilgertum zur Arche und zu Noah. Die Spur der Pilger lässt sich durch die Jahrhunderte zurückverfolgen, von religionsübergreifenden Feiern auf dem Gipfel noch im 20. Jahrhundert über ein altes Kloster, das es auf dem Berg gegeben hat, über Josephus, der von Überresten der Arche zu seiner Lebenszeit vor 2000 Jahren berichtet hat – bis hin zu den assyrischen Königen und dem legendären Gilgamesch, der von Noah das Geheimnis der Unsterblichkeit erfahren wollte.

Eingang des Hiskia-Tunnels
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Eingang des Hiskia-Tunnels

Hat Sanherib einen Teil der Arche mitgenommen?
Der assyrische König Sanherib, aus der Bibel vor allem bekannt durch die Belagerung Jerusalems zur Zeit Hiskias, spielt in der Tat eine wichtige Rolle. Laut Bibel hat er einen Gott Nisroch angebetet, eine jüdische Legende besagt, dass es sich dabei um eine Planke der Arche handeln würde! Und überraschenderweise ist am Fusse des Cudi Dagh auf mehreren Felsreliefs eben dieser König abgebildet – jeweils mit einer umfangreichen Inschrift. Der Berg muss eine grosse Bedeutung für ihn gehabt haben. Leider fehlt in den Inschriften ein zwingender Hinweis auf den Ort als Berg der Arche Noah, es gibt nur ein paar Indizien, zum Beispiel einen sogenannten «Pendu-Stein», der als Amulett gegen Böses und Stürme verwendet wurde. Ähnliches finden wir beim babylonischen Geschichtsschreiber Berossos, der von Überresten der Arche Noah berichtet, die als Zaubermittel gegen drohende Übel aufgesammelt wurden. Übrigens kursieren auch heute noch solche angeblichen Stücke der Arche, ich habe eines zuhause.

Sie sind unter anderem auf einen (noch) unbekannten König gestossen – was hat es mit ihm auf sich?
Es sind wie gesagt mehrere Reliefs von Sanherib vorhanden – und ein einziges von einem anderen König. Ausgerechnet dieses wurde erst viel später entdeckt und die zugehörige Inschrift ist nicht dokumentiert. Sie ist auf einem Foto zu erkennen, das Professor Ibrahim Baz auf dem Symposium 2013 präsentierte. Dieses Foto habe ich hinterher Fachleuten an der Universität Tübingen gezeigt und auch das grösste bibelarchäologische Magazin der Welt, «Biblical Archaeology Review» ist darauf aufmerksam geworden. Es gibt mehrere Vermutungen, um wen es sich bei der Darstellung handeln könnte, aber keine sichere Zuordnung. Sicher ist nur, dass dieses Reliefs Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte älter sein muss als die Sanherib-Abbildungen – und damit die Wichtigkeit des Bergs in noch früherer Zeit bestätigt!

Welche Projekte beschäftigen Sie neben der Arche Noah?
Im Bereich der biblischen Archäologie war ich in den letzten Jahren mit einem Bekannten im Hiskia-Tunnel unterwegs, um eine neue Theorie zu dessen Entstehung zu untersuchen. Dabei haben wir einige interessante Entdeckungen gemacht und konnten uns mit dem jahrelangen Chefausgräber Ronny Reich austauschen. Daneben beschäftigt mich und meine gemeinnützige Firma Morija das Projekt «Papierblatt», eine Archiv- und Unterrichtsplattform, die das Schicksal von Holocaust-Überlebenden dokumentiert. Dazu haben wir gerade ein Buch mit dem Titel «900 Tage in Auschwitz» herausgebracht.

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