Aufgeschnappt – «Cha nid klage»

So hört man es oft im Kanton Bern, wenn man fragt «Wie geht’s dir?». Eigentlich eine schöne Haltung, oder?

6.11.2025
3 min
Vieles wird verdrängt bei der Begrüssungsfrage: «Wie geht es dir?» (Symbolbild)
Envato / oneinchpunchphotos
Vieles wird verdrängt bei der Begrüssungsfrage: «Wie geht es dir?» (Symbolbild)

Für die Germanen: «Ich kann nicht klagen» ist eine häufige Erwiderung in der Schweiz auf die Frage «Wie geht’s?» Klar, es ist eine Floskel. Manchmal sieht man es den Leuten an, dass sie sehr wohl klagen könnten. Und wahrscheinlich ist die Antwort ein Weg, sich weitere Fragen vom Leibe zu halten. In Deutschland sagt man «Danke, gut» – egal ob`s stimmt oder nicht. Und es ist ja auch verständlich: Man kann ja nicht jedem auf der Strasse von seinen Leiden und Problemen erzählen.

Die gute Seite

Laut dem Zufriedenheits-Index sind Schweizer mit fast 36 Prozent die europäischen Rekordhalter der «sehr Zufriedenen». Kaum einer würde sagen «Ich bin glücklich», aber immerhin «Cha nid klage». Direkt nach der – in der Regel unappetitlichen – Lektüre der Tageszeitung mag das Leben sich kurzfristig anders anfühlen, aber im Grossen und Ganzen überwiegt eine positive Lebenshaltung bei vielen unserer Mitbürger. Klar, man könnte schon klagen, wenn man wollte – aber die meisten Menschen sind sich bewusst, dass es uns auf hohem Niveau gut geht. Interessant: je älter, desto besser. Für Christen ein Grund, für das eigene Leben und das gute Land, in dem wir wohnen, zu danken.

«Cha nid klage» ist ja ein positiver Einstieg, und man kann ihn leicht in «man hätte ja viel Grund zu danken» umformen. Ich lasse es immer wieder in Gespräche einfliessen, dass ich Gott / meinem Schöpfer / dem da oben – egal, wie man es formuliert – dankbar bin. So wird das Gespräch um eine Dimension geöffnet und bleibt nicht nur im Allgemeinen stecken.

Die andere Seite

Natürlich hat aber jeder ein Paket zu tragen, und wenn man sich von dem schnell dahergesagten «Cha nid klage» oder «Danke, gut» nicht abhalten lässt, sondern etwas tiefer fragt, kommt viel Schweres zutage. Viele Menschen – gerade junge – haben keinen Ort, wo sie mit dem Bedrückenden hingehen und das teilen können, was ihnen Angst macht. Vieles wird verdrängt. Und sicher, man muss nicht mit jedem ein tiefes Gespräch anfangen, aber doch: Echtes Interesse, echte Anteilnahme können viel bewirken. Gerade Christen zeichnen sich dadurch aus, dass sie auch das Schwere im Leben bewusst wahrnehmen – gerade weil sie «alle Sorgen auf Jesus werfen» können. Darum lohnt es sich, mal tiefer zu fragen, wirklich Anteil zu nehmen und vielleicht auf Gott hinzuweisen. Eine «Extra-Meile» mit Menschen zu gehen kann auch bedeuten, ein oberflächliches Gespräch weiterzuführen, vom allgemeinen «man» zu «du und ich» weiterzugehen und der Unterhaltung durch ehrliches Interesse Tiefe und Qualität zu geben. 

Sei heute offen dafür.

Teile diesen Beitrag
Das könnte dich auch interessieren
Thema
Angst ist kein Mangel an Glauben

Mentale Gesundheit – Und wenn Gott die Angst nicht wegnimmt?

Manche Menschen erleben, dass Ängste und Angststörungen übermächtig werden und ihr Leben beherrschen. Als Christen leiden sie oft zusätzlich an der Frage, warum Gott sie nicht heilt. Oder will er es tun und sie stehen ihm im Weg?
Thema
Auch Christen haben Ängste und Sorgen

Schutz oder Last? – Wie man Ängste los wird

Angst hat in gewissen Situationen durchaus seine Berechtigung. Leidet ein Mensch aber unter seiner unbewältigten Angst, kann er davon krank werden. Wie kann man diesen Ängsten entrinnen? Wie damit umgehen? Und was sagt die Bibel dazu?
Thema
Notizen zu Bibelversen

«Ladet alle Sorgen bei Gott ab» – Zehn kraftvolle Bibelverse, die helfen, Angst zu überwinden

Angststörungen sind verbreitet, allein in den USA sind fast 20 Prozent der Bevölkerung betroffen. Angst kannten die Menschen bereits in der Bibel … und genau hier wird auch Hoffnung vermittelt.
Thema
Wie kann man jahrelange Traumata stoppen?

Spätfolgen lindern und heilen – Der lange Schatten des Traumas

Wenn Menschen Schreckliches geschieht, bleiben die seelischen Wunden häufig nicht auf deren Leben beschränkt. Oft wirken sich deren Folgen auch auf nachfolgende Generationen aus. Wie kann die Weitergabe dieses Leidens gestoppt werden?