Wer hat es gesagt? «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» (Matthäus Kapitel 27, Vers 46; HFA) oder «Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist» (Lukas Kapitel 23, Vers 46; HFA). Einige sehr bekannte Aussagen von Jesus sind in Wahrheit jahrhundertealte Zitate aus den Psalmen.
Tatsächlich sind die Psalmen das im Neuen Testament am meisten zitierte Buch aus dem Alten Testament. Jesus selbst zitierte mehr daraus als aus jeder anderen Schrift. Er war in den Psalmen zu Hause. Wenn er mit den Pharisäern über den Messias diskutierte (Matthäus Kapitel 22, Vers 44), untermauerte er seine Argumente mit Psalm 110. In vertrauter Runde, beim letzten Abendmahl mit seinen Jüngern, bezog er sich auf Psalm 41, um seinen Verrat anzukündigen (Johannes Kapitel 13, Vers 18), und erklärte in Johannes Kapitel 15, Vers 25 seinen Nachfolgern den unbegründeten Hass der Welt mit Worten aus Psalm 69. Und selbst in der Nacht seiner Verhaftung sang er nach dem Passamahl mit den Jüngern ein Loblied – traditionell das «Hallel», welches die Psalmen 113 bis 118 umfasst.
Das Liederbuch von Jesus
Die Psalmen sind poetische Gebete, die damals gesungen wurden. Zu vielen Psalmen finden wir Anweisungen, sie mit Saitenspiel oder Flöten zu begleiten. Sie waren sozusagen das Liederbuch von Jesus.
Wir alle kennen die einzigartige Kraft von Musik und Poesie: Lieder prägen sich tief ein. Oft schiesst uns in einer bestimmten Lebenssituation ganz spontan ein Liedtext in den Kopf, der genau das ausdrückt, was wir gerade fühlen. Genau so ging es Jesus. Ob in theologischen Diskussionen, im vertrauten Gespräch mit seinen Jüngern oder in den dunkelsten Stunden am Kreuz: Die Psalmen lagen ihm auf den Lippen, weil sein Herz von ihnen durchdrungen war.
Der bekannte Theologe Henri Nouwen schrieb einmal über diese Kraft:
«Wenn ich je ins Gefängnis kommen, wenn ich je Hunger, Schmerz, Folter oder Demütigung erleiden sollte, dann hoffe und bete ich, dass man mir die Psalmen lässt. [...] Wie glücklich sind jene, die keine Bücher mehr brauchen, sondern die Psalmen im Herzen tragen.»
Henri Nouwen
Eine «Mini-Bibel» voller Prophetie
Martin Luther bezeichnete die Psalmen als eine Art «Mini-Bibel». Sie blicken nicht nur zurück auf Gottes grosse Taten in der Geschichte Israels – wie die Befreiung aus Ägypten im kollektiven Erinnern von Psalm 78 –, sondern werfen auch einen prophetischen Blick voraus auf den kommenden Messias.
Besonders eindrücklich wird das in Psalm 22. Von Luther heisst es, dass er von diesem Psalm so fasziniert war, dass er sich tagelang in seiner Zelle einsperrte, um darüber nachzusinnen. Der Psalm, verfasst von David, beschreibt eine dramatische Achterbahn der Gefühle. Er beginnt am absolut tiefsten Punkt der Verzweiflung und endet in triumphalem Lobpreis.
Der Passionspsalm (Psalm 22): Jesus mittendrin
Liest man Psalm 22 mit dem Wissen um die Kreuzigung Jesu, läuft es einem kalt den Rücken hinunter. Die Parallelen sind prophetisch präzise:
Spott und Hohn: «Alle Leute machen sich über mich lustig. Wer mich sieht, verzieht sein Gesicht und schüttelt verächtlich den Kopf. 'Überlass Gott deine Not!', lästern sie, 'der soll dir helfen und dich retten! Er liebt dich doch, oder etwa nicht?'» (Psalm 22, Verse 8 und 9; HFA) – etwas in dieser Richtung riefen die führenden Männer unter dem Kreuz (Lukas Kapitel 23, Vers 35).
Die Kreuzigung: «Schon teilen sie meine Kleider unter sich auf und losen um mein Gewand.» (Psalm 22, Vers 19; HFA) – eine Szene, die sich bei den römischen Soldaten exakt so abspielte (Markus Kapitel 15, Vers 24).
Leiden und Durst: «Die Zunge klebt mir am Gaumen.» (Psalm 22, Vers 16; HFA) – Jesus rief am Kreuz: «Ich habe Durst!» (Johannes Kapitel 19, Vers 28; HFA).
Am Kreuz betete Jesus diesen Psalm. Er begann mit dem ersten Vers «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» und er starb wohl mit dem letzten Gedanken dieses Psalms auf den Lippen: «Der Herr hat es vollbracht!» (Psalm 22, Vers 32; HFA / Johannes Kapitel 19, Vers 30; HFA).
Was wir von den Psalmen für unseren Alltag lernen können
Wie schaffen wir es, wie der Psalmist aus einer tiefen Krise wieder ins Lob Gottes zu finden? Die Psalmen zeigen uns einen dreistufigen Weg:
- 1Radikale Ehrlichkeit vor Gott: Der Psalmist versteckt seine Not, seine Wut und seine Zweifel nicht. Er bringt sie ungeschönt und roh vor Gott – im Gebet, im Tagebuch, im Schrei. Wir dürfen Gott gegenüber absolut ehrlich sein. Hast du das schon einmal praktisch ausprobiert? Schreibe Gott deine Not unzensiert auf – als Gebet, in ein Tagebuch oder schrei es im Auto heraus.
- 2In Verbindung bleiben: Trotz maximaler innerer Spannung wenden sich David und auch Jesus nicht von Gott ab. Sie suchen keinen billigen Trost woanders, sondern rufen: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» (Psalm 22, Vers 2). Die Psalmen ermutigen uns, auch in der gefühlten Verlassenheit mit Gott im Gespräch zu bleiben und uns nicht abzuwenden und nicht überall sonst Hilfe und Trost zu suchen.
- 3Jesus Raum geben: Es klingt oft so fromm, «Gib Jesus Raum.» Aber wie sieht das praktisch aus? Der Schlüssel liegt im Dranbleiben. Wenn wir mit dem, was uns quält, ehrlich zu Gott gehen und nicht nach einem kurzen Stoßgebet sofort wieder zur Tagesordnung übergehen, passiert etwas Tiefgreifendes: Es entsteht eine Art innerer Dialog.
Verweilen vor Gott
In diesem bewussten Verweilen vor Gott fangen unsere oft zerstörerischen, kreisenden Gedanken an, sich mit Gottes Gedanken und seinen Zusagen zu vermischen. Es ist, als ob Jesus mitten in unsere Situation hineintritt – in unser Fühlen, in unseren Schmerz. Plötzlich sind es nicht mehr nur unsere eigenen, verzweifelten Worte, sondern seine Gegenwart, die den Raum füllen.
Das Besondere daran ist: Jesus ist in diesem Moment kein distanzierter Beobachter. Er bringt kein theoretisches Mitgefühl mit, sondern tiefes Verständnis. Alles, was David in Psalm 22 beschreibt – den Spott, die Einsamkeit, das Gefühl des Ausgetrocknetseins und die körperlichen Schmerzen –, hat Jesus am eigenen Leib am Kreuz durchlitten. Er kennt deine Situation nicht nur aus der Vogelperspektive, sondern von innen heraus. Wenn du leidest, findet er sich in deinem Leid wieder.
Dietrich Bonhoeffer hat dieses Geheimnis einmal so auf den Punkt gebracht:
«Wir beten diesen Psalm nicht aufgrund unseres zufälligen persönlichen Leides, sondern aufgrund des Leidens Christi, das auch über uns gekommen ist. Doch wir hören immer Jesus Christus mit uns beten, und durch ihn jenen alttestamentlichen König (David); und indem wir dieses Gebet wiederholen, ohne es in seinem tiefsten Sinn erfahren oder begreifen zu können, gehen wir dennoch mit dem betenden Christus vor den Thron Gottes.»
Dietrich Bonhoeffer
Indem wir die Psalmen beten oder unsere eigene Klage vor ihm ausbreiten, beten wir also nie allein. Jesus klinkt sich in unser Gebet ein und trägt es für uns vor den Vater.
Der Wendepunkt: Klage als Nährboden für das Lob
Wer diesen Weg geht, erlebt oft einen Wendepunkt. Manchmal verändert sich die Situation durch ein Wunder, manchmal verändert sich einfach unsere Perspektive – und tiefer Friede zieht ein.
In fast allen Psalmen führt die ehrliche Klage am Ende in den Lobpreis. Das ist eine tiefe geistliche Wahrheit: Klage ist oft der Nährboden für echtes Lob. Lobpreis entsteht meistens nicht trotz der Krise, sondern durch die ehrliche Verarbeitung der Krise vor Gott.
Wo stehst du heute gerade? Die Psalmen laden dich ein, deine aktuelle Realität – ob Freude oder tiefer Schmerz – mit Gott zu teilen. Er hält es aus.
Fragen zum Nachdenken:
Die Psalmen als dein Liederbuch: Jesus hatte die Psalmen in jeder Lebenslage – bis hin zum Kreuz – auf den Lippen. Welche Bibelverse, Lieder oder Gebete haben sich so tief in dein Herz eingeprägt, dass sie dir in Krisen ganz automatisch in den Sinn kommen?
Der Blick auf Psalm 22: Wenn du siehst, wie präzise dieser jahrhundertealte Psalm das Leiden Jesu vorhersagt – stärkt das dein Vertrauen, dass Gott die Geschichte und auch dein ganz persönliches Leben in der Hand hat?
Mut zur ehrlichen Klage: Der Artikel zeigt, dass ehrliche Klage der Nährboden für echtes Lob ist. Gibt es in deinem Leben gerade eine Enttäuschung oder Not, die du bisher vor Gott «schöngeredet hast», anstatt sie ihm einmal ganz unzensiert und roh hinzulegen?
Den Wendepunkt erwarten: Hast du schon einmal erlebt, dass sich mitten im Gebet zwar nicht deine Situation, aber deine Perspektive verändert hat, weil sich die Gedanken von Jesus mit deinen vermischt haben?





