«Die Freiheit hat man satt am End» beginnt Heinrich Heine sein satirisches Gedicht «Die Wahlesel». Und tatsächlich: Scheinbar Selbstverständliches wird leichter beiseite gewischt als ein Recht, das man sich selbst erkämpft und erstritten hat. Wie ist das zum Beispiel bei der Religionsfreiheit? Was macht sie eigentlich aus? Und lohnt es sich auch heute noch, dafür zu streiten?
Religionsfreiheit in der Schweiz und in Deutschland
Als Glaubens- und Gewissensfreiheit sichert die Schweizer Bundesverfassung sie zu: «Jede Person hat das Recht, ihre Religion und ihre weltanschauliche Überzeugung frei zu wählen und allein oder in Gemeinschaft mit anderen zu bekennen.» (Auszug aus Artikel 15)
Im Deutschen Grundgesetz heisst es in Artikel 4 ganz ähnlich: «Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.»
Die Unterschiede zwischen den beiden Staaten liegen nicht darin, dass einer weniger oder mehr Religionsfreiheit als der andere gewähren würde, sondern in der Zuständigkeit, wenn es um die praktische Umsetzung geht. In Deutschland herrscht ein bundesweit einheitliches Kooperationsmodell zwischen Staat und Religionsgemeinschaften; die Schweiz überlässt die konkrete Ausgestaltung stärker den einzelnen Kantonen.
Religionsfreiheit weltweit
Dass solche Regelungen und ihre Verankerung in Grundgesetzen keineswegs «normal» sind, zeigt ein Blick in andere Länder. Frankreich ist traditionell laizistisch, der Staat hält sich also aus der Religion heraus beziehungsweise unterbindet sie im öffentlichen Raum. Indonesien scheint Vielfalt zuzulassen, doch sein Konzept der «Pancasila» erlaubt genau sechs Grossreligionen und verlangt gleichzeitig, dass sich alle Einwohner zu einer davon bekennen. In Saudi-Arabien ist der Islam offizielle Staatsreligion. Ein anderer Glaube darf nicht öffentlich praktiziert werden. In anderen Staaten gibt es weitere Modelle, doch insgesamt kommt es nicht besonders oft vor, dass Menschen ihren Glauben frei von (staatlichen) Repressionen leben können, wenn sie nicht zur Mehrheit gehören.
Auch in der Schweiz und Deutschland kommen hier Probleme vor, doch die Gesamtsituation ist ein Grund zur Dankbarkeit. Gleichzeitig wächst daraus die Verantwortung, sich auch für Menschen einzusetzen, die aufgrund ihres christlichen oder auch anderen Glaubens verfolgt, diskriminiert oder benachteiligt werden. Organisationen wie zum Beispiel ACN/Kirche in Not informieren regelmässig über die weltweite Situation. Open Doors liefert dazu sogar einen Weltverfolgungsindex.
Positive Religionsfreiheit
In der Regel einfällt einem zuerst die positive Religionsfreiheit ein, wenn man über dieses Thema nachdenkt. Weniger juristisch als im Gesetz könnte man sagen: Du darfst glauben, was du willst. Das beinhaltet natürlich nicht, dass alle deiner Meinung sein müssen, wenn du deinen Glauben ausleben willst. Es verbietet weder Witze über Gott noch anstrengende Auseinandersetzungen. Aber anders als bei einer rein neutral dargestellten Religionsfreiheit beinhaltet sie, dass die Ausübung von Religion geschützt werden soll. Solange sie anderen Freiheiten oder Regeln nicht im Wege steht, darf man Kirchen und Moscheen bauen, ist das Reden vom biblischen Gott oder auch anderen Göttern nicht verboten und werden religiöse Veranstaltungen sogar aktiv gesichert – was zum Beispiel bei jüdischen Synagogen nötig ist, weil sie aktiv bedroht werden.
Glaubensfreiheit entfaltet dabei eine gewisse Spannung, weil sie keine Position bezieht. Sie bietet Hindus, Adventisten, Lutheranern wie Reformierten, Muslimen oder auch Jesiden gleichermassen einen Rahmen für ihren Glauben. Auch wer von der Richtigkeit und Einzigartigkeit seines Glaubens überzeugt ist, kann und soll andere respektieren und ihre Religionsausübung ermöglichen.
Negative Religionsfreiheit
Weniger im Bewusstsein ist die negative Religionsfreiheit, also die Freiheit, keinem Glauben anzuhängen oder aus der bisherigen Religionsgemeinschaft auszutreten. Evangelische und katholische Kirchen erleben dies immer wieder – im Islam ist so etwas wie ein Austritt eigentlich nicht vorgesehen. Auch die Chance, seine Religion zu wechseln beziehungsweise nicht glauben zu wollen, ist ein wichtiger Bestandteil der Religionsfreiheit.
Vom Ideal zur Realität
Kein Staat und keine Gesellschaft setzen das Ideal eines gleichberechtigten Mit- und Nebeneinanders der Religionen völlig um. Doch gleichzeitig spiegelt die Idee der Religionsfreiheit zutiefst das christliche Denken wider, das sich bei Jesus zeigt, wenn er Menschen einlädt: «Folge mir nach», «kehre um» oder «glaube». Dies waren und sind freiwillige Entscheidungen.
Ein erzwungenes Christentum würde seinem Wesen widersprechen. Und Religionsfreiheit schützt die Freiheit, Ja zu Gott zu sagen, und gleichzeitig die Freiheit, Nein zu sagen. Diese Freiheit schützt andere genauso wie dich. Die marxistische Philosophin Rosa Luxemburg hielt in den bekannten Worten fest: «Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.»
Was bedeutet das für dich?
Das Nachdenken über Religionsfreiheit kann verschiedene sinnvolle Schritte nach sich ziehen:
Sei dankbar für die Freiheiten, die du hast.
Setze dich ein für die Freiheit Andersgläubiger – ihre Freiheit wird auch deine sein.
Bringe Verletzungen von Religionsfreiheit zur Sprache, ob sie in der Nachbarschaft passieren oder auf der anderen Seite der Welt. Sie sind keine Privatangelegenheit, sondern Menschenrecht.
Verliere nicht aus dem Blick, dass Freiheit unbedingt zum christlichen Glauben dazugehört. Schon Paulus hat formuliert: «Durch Christus sind wir frei geworden, damit wir als Befreite leben.» (Galater 5,1; HFA)





