Bei manchen geht es schneller, bei anderen dauert es länger, bis der Geduldsfaden reisst. Gewisse Personen brauchen nicht viel, bis sie ihren Emotionen freien Lauf lassen. Andere wirken wie die Geduld selbst, immer ruhig, als würde ihnen alles um sie herum gar nichts ausmachen. Aber egal, zu welcher Seite wir eher neigen: Gott möchte uns mit seiner «Frucht des Geistes», wie in Galater Kapitel 5, Verse 22 und 23 beschrieben, nochmals eine ganz neue Realität schenken.
Die lange Leidenschaft
Das Wort, das für Langmut im Griechischen verwendet wird, lautet «Makrothymia» (μακροθυμία). Es setzt sich aus den Worten «makros» (lang, weit oder gross) und «Thymos» (Mut, Leidenschaft, Zorn oder Gemüt) zusammen. In diesem Sinne könnte man das Wort als «lange Leidenschaft» oder «langer Atem» übersetzen.
Es beschreibt die Eigenschaft, dass man in herausfordernden Situationen oder auch bei Anschuldigungen Durchhaltewillen hat, auch über eine längere Zeit. Man bleibt also ruhig und wird nicht sofort aufbrausend oder zornig, auch wenn das die Situation so anbieten würde.
Eine göttliche Form von Geduld
Es ist klar, dass diese Eigenschaft nicht nur Menschen bekommen können, die sowieso schon geduldiger sind als andere, sondern auch diejenigen, die ungeduldiger sind. Es ist also keine natürliche Form von Geduld, mit dem der Geist Gottes uns da beschenkt, sondern eine übernatürliche Form, die sich von seinem Geist auf unseren Geist überträgt und dann auch unsere Seele – den Sitz unseres Willens, unseres Verstandes und unserer Gefühle – einnimmt.
Geduldige Liebe
Wenn wir in die Bibel schauen, dann finden wir verschiedene Beispiele für geduldige oder langmütige Menschen. Doch es gibt auch andere Eigenschaften, die als langmütig beschrieben werden, zum Beispiel die Liebe:
«Die Liebe ist langmütig und freundlich.» (1. Korinther Kapitel 13, Vers 4; LUT)
Das dreizehnte Kapitel des 1. Korintherbriefes ist der Liebe gewidmet, das sogenannte Hohelied der Liebe. Dass die Liebe langmütig ist, wird als erstes und grundlegendes Merkmal der wahren Liebe beschrieben, die nicht nachtragend ist und auch Kränkungen erträgt.
Jesus Christus – der «Meister» der Geduld
Das Leben von Jesus Christus ist faszinierend. In den drei Jahren seines Dienstes hat er so viele Dinge getan und sich auf ganz viele Arten und Weisen präsentiert, dass wir wahrscheinlich für den Rest unseres Lebens herausgefordert sind und trotzdem nie ganz erfassen werden, was ihn alles ausgemacht hat und wie wir ihn auf gute Art und Weise «imitieren» und ihm nachfolgen können.
Ein Aspekt, der die Person Jesu so faszinierend macht, war sicherlich auch seine Geduld. Einerseits im Umgang mit seinen Jüngern, wo es immer wieder viel Geduld und Ausharren seinerseits brauchte, bis die Jünger verstanden haben, um was es ging. Danach gab es wieder Rückschläge, vielleicht auch mal Unverständnis von ihrer Seite. Trotzdem gab er sie niemals auf, sondern machte sie dadurch zu Überwindern und zu den ersten Vätern und Leitern der frühen Kirche.
Nachsicht mit Sündern
Ein anderes Beispiel betrifft seinen öffentlichen Dienst. Den Umgang mit den Menschen, mit denen er täglich konfrontiert wurde. Anstatt Menschen wegen ihrer Fehler sofort zu verurteilen, begegnete er ihnen mit Nachsicht und gab ihnen Zeit zur Umkehr. Ein zentrales Beispiel dafür ist die Begegnung mit der Ehebrecherin (Johannes Kapitel 8, Verse 1 bis 11) oder sein Umgang mit dem Zöllner Zachäus (Lukas Kapitel 19, Verse 1 bis 10). Die Langmut von Jesus gab den Menschen Raum für einen Neuanfang.
Das «lange» Leiden
Das Meisterstück seiner Langmut folgte aber erst in seiner wohl dunkelsten Stunde hier auf Erden. Trotz diverser und unvorhersehbarer Anfeindungen, falscher Anschuldigungen und körperlicher Gewalt verzichtete er auf Zorn oder Gegengewalt. Am Kreuz betete er für seine Peiniger:
«Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.» (Lukas Kapitel 23, Vers 34; HFA)
Dabei hätte er in diesem Moment am Kreuz, voller Dunkelheit, Schmerz und Gottverlassenheit, wohl andere Probleme gehabt. Aber Jesus war auch in diesem Moment nicht auf sich selbst fixiert, sondern auf seine Nächsten. Obwohl er im Sterben am Kreuz hing, hatte er immer noch Geduld und Barmherzigkeit für sie übrig.
Geduld einüben lernen
Geduldig zu sein wie Jesus ist sicher erstrebenswert für manche. Aber wie kommt man dazu? Es gibt verschiedene Wege, um das im Alltag einzuüben:
- 1Beten: Als erstes kann man Gott bitten, dass er uns Ruhe schenkt, speziell auch in hektischen und schwierigen Momenten, wo es an natürlicher Geduld fehlt.
- 2Wartezeiten nutzen: Überall im Alltag gibt es immer wieder Situationen, in denen wir aufgefordert sind zu warten. Diese Zeiten kann man schnell als verlorene Zeiten sehen. Sie sind aber vielmehr von Gott geschenkte Gelegenheiten, im Vertrauen zu wachsen, von etwas loszulassen und auch den eigenen Charakter zu stärken. Gerade schon deswegen, weil es manchmal in diesen Wartezeiten Geduld braucht.
- 3Bibel lesen und verinnerlichen: Das Lesen und auch Nachdenken über biblische Geschichten inspiriert uns und bringt uns weiter. So können wir immer mehr lernen, im Timing Gottes zu leben und die eigene Hoffnung zu stärken.
- 4Geduld im Alltag trainieren: Kurz innehalten und tief durchatmen und Gott um Hilfe bitten, speziell in diesen Situationen im Strassenverkehr, wo die Nerven blank sind wegen eines anderen Verkehrsteilnehmers oder auch im Supermarkt an der Kasse, wenn es nicht so schnell geht, wie es sollte. In diesem Moment können wir Gott um Geduld und Beherrschung bitten, bevor wir ausrasten.
Alles im Leben braucht Geduld – auch das Einüben von Geduld. Dank dieses Verses in Galater Kapitel 5 dürfen wir aber wissen: Wir sind nicht auf uns alleine gestellt, sondern werden ausgerüstet vom Heiligen Geist – eine unglaubliche Ressource. Wir müssen sie nur anzapfen!





