Über die (un)heimliche Lust am Richten – Die Zeit der langen Finger

12.7.2018
3 min
Mann zeigt mit dem Zeigefinger auf anderen Mann.
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Mann zeigt mit dem Zeigefinger auf anderen Mann.

Wie schnell ist es passiert: Etwas passt uns nicht, und sofort steht das Urteil fest. Wir sind eine Gesellschaft von Richtern geworden, und die sozialen Medien heizen das kräftig an. Gibt es eine Alternative zum unbarmherzigen Verurteilen?  

Es muss gar nicht immer der ausgestreckte Zeigefinger sein. Schon eine hochgezogene Augenbraue reicht. Wir erfahren heute alles über alle, und entsprechend haben wir uns zu einer Gesellschaft entwickelt, in der sehr schnell das Urteil über einen anderen oder eine ganze Gruppe gesprochen ist. Wir sind moralisch erhaben.

Unterschied zu früher

Natürlich haben Menschen immer über andere hergezogen, aber früher, in den grossen Tragödien der Klassiker (Othello, MacBeth, König Lear oder Ödipus) hat sich das Publikum auch mit der zentralen tragischen Figur identifiziert und sich selbst darin wiedergefunden: «Das könnte mir auch passieren» war die Reaktion, eine Art von Demütigung. Heute reagieren wir anders: «Kaum zu glauben, wie dumm dieser Politiker, diese Celebrity oder dieser CEO ist! Mir würde das nie passieren!» Wir werden trainiert, andere zu verachten und uns natürlich besser dabei zu fühlen.

Unsoziale Medien

Die sogenannten «sozialen Medien» machen es jedermann und jederfrau möglich, ihre Meinung öffentlich ins Internet, den Marktplatz der Meinungen, zu stellen. Es ist erstaunlich, welche Menge von hasserfüllten und arroganten Kommentaren hier zu finden sind. Schüler haben schon wegen Cybermobbings Selbstmord begangen. Wer keine «Likes», sondern den Daumen runter bekommt, fühlt sich schlecht. Wie zerstörerisch kann unsere Richt-Kultur sein!

Religiöse Menschen sind da leider keine Ausnahme, sondern werden eher noch als besonders schnell verurteilend erlebt. «Da kommt die Zeit der langen Finger», dichtete der Liedermacher Manfred Siebald, «wo der eine dem anderen den Ruf zerreisst; denn alle eignen Schwächen scheinen ja geringer, wenn man zuerst auf die des anderen verweist.»

Das radikale Gegenmittel

Eins der radikalsten Worte von Jesus ist «Urteilt nicht über andere». Punkt. Keine Ausnahme. Warum? «…damit Gott euch nicht verurteilt. Denn so wie ihr jetzt andere verurteilt, werdet auch ihr verurteilt werden. Und mit dem Massstab, den ihr an andere legt, wird man euch selber messen.» (Die Bergpredigt, Matthäusevangelium Kapitel 7, Verse 1-2). Wow! Welche Ausnahmen lässt Jesus zu? Welche Menschen dürfen wir aufgrund ihrer Persönlichkeit (die uns furchtbar aufregt), ihrer seltsamen Ansichten, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Politik, ihres Fahrstils oder ihrer Tattoos richten?

Jesus selbst hat diesen nicht-verurteilenden Lebensstil vorgelebt: Er verbrachte viel Zeit mit Menschen, die von der herrschenden Klasse verurteilt und abgelehnt wurden – Frauen und Männer von sehr zweifelhaftem Ruf. Er weigerte sich schlechthin, einen Menschen mit einem negativen Urteil zu versehen.

Keine Verurteilung

Es gibt kaum ein Wort von Jesus, das uns so zur Sinnesänderung auffordert wie dieses «Richtet nicht». Stellen wir uns vor: All die Urteile, die wir so schnell über andere Menschen loslassen, werden dereinst auf uns selbst angewandt werden!

Jesus lenkt unsere Blicke immer von anderen weg auf uns selbst – und verblüfft uns, indem er uns freispricht von allem, was Gott gerechterweise an uns auszusetzen hätte. «Es ist keine Verurteilung für die, die in Jesus Christus sind», sagt Paulus später (Römerbrief, Kapitel 5, Vers 1). Wer an seinem eigenen Wesen, an Schuld und an Selbstzweifel leidet, ist bei Jesus genau richtig. Er kam nicht zu richten, sondern zu retten. Falsches nannte er klar beim Namen, er war also nicht «tolerant allem Verhalten gegenüber». Aber er kam, die Praxis des Richtens zu überwinden; er weigerte sich, Menschen zu verurteilen und bot Annahme, Gnade, Heilung und Vergebung an. Dafür liess er sogar sein Leben.

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