Es ist Gottesdienst. Die Predigt kommt gut an. Dann wird das Mikrofon herumgereicht für persönliche Inputs, und man bereitet sich schon auf die üblichen Erfolgs-Stories – auch «Zeugnisse» genannt – vor.
Aber heute kommt es anders – und lässt die Gemeinde aufhorchen. Nach einem Bericht, wie ein Kind geheilt worden ist, kommt ein anderer, wo ein Kind gestorben ist – und die Eltern gerade dadurch ungeahnt in ihrer Beziehung zu Gott gewachsen sind. Jetzt ist die Gemeinde voll da. Eigentlich wissen es alle: Es geht nicht immer «positiv» aus mit Gott. Manchmal heilt er, manchmal nicht. Dann kommt ein weiterer Bericht, wo es um eine scheinbar unlösbare Situation geht, Tränen fliessen.
Plötzlich wird’s real. Plötzlich ist Gott da. Mitten im Raum. Gerade da, wo Menschen zugeben, dass sie an ihre Grenzen kommen. Man merkt: Hier sind wir «brutto» zusammen, nicht nur mit dem Sonntagsgesicht. Und der anschliessende Liturgie-Punkt «Worship» bekommt eine spürbare Tiefe.
Aus so einem Gottesdienst geht man gestärkt raus. Wie wichtig ist es in unserem Leben mit Gott, dass wir ehrlich sind! So schön es ist, wenn Gott einmal einen Wunsch erfüllt oder ein positives Wunder tut, das ist ganz klar und das wünscht sich jeder. Aber es kommt oft anders – und dann zeigt sich: Gerade in den tiefen Zeiten des Lebens wird er ungeahnt real. Wenn in der Gemeinschaft solche «Nicht-Erfolge» zugelassen werden, hat das wichtige Folgen:
Gott wird realer
Der uralte Vorwurf «Euer Gott ist ja nur eine Projektion eurer Wünsche» löst sich in Luft auf, wenn er unsere Wünsche nicht erfüllt, sondern sogar Leiden zulässt. Es ist nicht ein Wunschbild, an das wir glauben, sondern der lebendige, wahre, liebevolle und bisweilen rätselhafte Gott Abrahams, Isaaks, Jakobs, der Vater von Jesus Christus und der Gott von Millionen von Menschen, die sich trotz allem auf ihn verlassen haben.
Unsere Gemeinschaft wird echter
Wenn wir einander nicht nur an unseren Freuden und Gebetserhörungen, sondern auch an unserem Schmerz teilhaben lassen, begegnen wir einander auf einer tieferen Ebene. Aus dem gegenseitigen Schulterklopfen wird eine Umarmung. Tränen verbinden.
Das Zeugnis wird wirkungsvoller
Wenn wir in Problemen und Schmerzen am Glauben festhalten, merken die Leute, dass es uns um Gott geht und nicht um eine Erhörungsmaschine. Ein Gott, der auch trägt, wenn er unsere Wünsche nicht erfüllt, ist glaubwürdiger als ein Hochglanz- und Schönwettergott.





