In diesem Text biete ich dir keine detaillierte Erklärung zur Geistesgabe des Gebets oder – etwas spektakulärer – der Heilung. Ich erkläre dir nicht den oft zitierten «fünffältigen Dienst». Fangen wir stattdessen einmal ganz vorne an: Hast du dich schon gefragt, welche Geistesgabe oder -gaben du hast? Vielleicht hast du deswegen sogar einen Gabentest gemacht und geschaut, welche dieser Charismen du bei dir siehst: Gastfreundschaft, Barmherzigkeit, Lehre, Leitung, Prophetie, Evangelisation …
Aber was wäre, wenn die entscheidende Frage gar nicht lauten würde: «Welche Gabe habe ich?» sondern: «Was ist gerade dran und wie kann ich damit anderen dienen?»
Zwischen Gabentest und Begabungsstress
Geistesgaben werden in Kirchen und Gemeinden erstaunlich oft zu einem Thema gemacht, bei dem es um Fachwissen geht. Da werden biblische Listen nebeneinandergestellt und abgeglichen: Was haben 1. Korinther 12 und Römer 12 miteinander zu tun? Welche Gaben gibt es überhaupt? Und welche davon sind «echte» Geistesgaben? Wo liegen die Grenzen zu natürlichen Talenten? Und welche Gabe hast du persönlich?
Das kann interessant sein. Es ist aber nicht unbedingt hilfreich. Ich persönlich kenne jedenfalls niemanden, der durch einen Gabentest herausgefunden hätte, dass er gastfreundlich ist. Wer gerne Menschen einlädt, für andere kocht und sich freut, wenn sein Wohnzimmer voller Leute ist, weiss das auch ohne Test. Überhaupt präsentiert die Bibel Geistesgaben nicht als christlichen Persönlichkeitstest. Paulus schreibt da über sie, wo es um das Miteinander der Gemeinde geht. Sein Anliegen ist nicht, dass jeder seine Schublade findet, sondern, «seine Gaben sollen der ganzen Gemeinde nützen» (1. Korinther 12,7). Dadurch ändert sich die Perspektive auf diese Gaben.
Nicht: Was kann ich? Sondern: Wem kann ich dienen?
Beschenkt, um zu schenken
Das griechische Neue Testament verwendet für «Geistesgabe» den Begriff «charisma». Er hängt mit «charis», der «Gnade», zusammen.
Die Geistesgabe ist zunächst etwas zum Empfangen, das Gott schenkt.
Gleichzeitig ist sie etwas zum Weitergeben. Geistesgaben sind keine Pokale für Regale, die die eigene geistliche Identität darstellen sollen. Es sind eher Werkzeuge. Sie sollen etwas bei anderen Menschen bewirken. Wie an einer Werkbank musst du dich also nicht ständig fragen, ob du die optimalen Werkzeuge oder Gaben hast. Natürlich kannst du jedoch danach trachten. Paulus sagt im ersten Korintherbrief:

«Wenn ihr euch schon so eifrig um die Gaben bemüht, die der Heilige Geist schenkt, dann setzt auch alles daran, dass die ganze Gemeinde etwas davon hat.»
1. Korinther 14,12
HFA
Dabei geht es nicht zuerst darum, ob das, was du tust, deine geistliche Gabe ist. Vielleicht bist du eine wunderbare Zuhörerin. Ist das nun Barmherzigkeit, Seelsorge oder einfach eine menschliche Fähigkeit? Oder du spielst hervorragend Gitarre. Ist das «nur» eine natürliche Begabung oder eine Geistesgabe?
Die Bibel verlangt nicht von dir, diese Fähigkeiten sauber auseinanderzuhalten, sie spricht vielmehr vom Üben und Einüben.
Alle Gaben kommen von Gott
Die scharfe Trennung zwischen «natürlichen» und «geistlichen» Gaben führt eher in eine Sackgasse.
Wenn Gott der Schöpfer ist, woher stammen dann deine menschlichen Begabungen, wenn nicht letztlich von ihm?
Natürlich beschreibt die Bibel besondere Wirkungen des Heiligen Geistes. Sie spricht von Gaben, die Menschen zum Dienst befähigen, aber sie fordert dich nicht dazu auf, dein Leben in zwei Schubladen einzuteilen: links deine natürlichen Fähigkeiten, rechts deine übernatürlichen Geistesgaben. Fast immer hängen diese Bereiche sowieso eng zusammen: Wer in Privatleben und Beruf der absolute Chaot ist, wird in der Gemeinde nicht die Geistesgabe der Organisation haben.
Wichtiger als die Trennung zwischen verschiedenen Gabenarten ist also die Frage: «Was hat Gott mir anvertraut – und was mache ich damit?»
Tue, was dir vor den Füssen liegt
Vielleicht braucht gerade jemand ein offenes Ohr. Oder beim Gemeindefest fehlt jemand, der Tische aufstellt. Da sitzt ein Erstbesucher allein im Gottesdienst. Oder jemand ist deprimiert und braucht Ermutigung. Musst du in diesen Situationen wissen, welche Gabe du besitzt? Wohl kaum.
Tue, was dir vor den Füssen liegt. Was Gott dir zeigt.
Das klingt erst einmal unspektakulär, ist aber erstaunlich befreiend. In Matthäus 25 erzählt Jesus vom Gericht. Da begegnen ihm Menschen, die Hungrige gespeist, Durstige versorgt, Fremde aufgenommen und Kranke besucht haben – oder eben nicht. Niemand sagt: «Das war nicht meine Gabe.» Seine Leute haben einfach getan, was notwendig war. Ein sinnvoller Dienst beginnt deshalb selten mit der entsprechenden Gabe, sondern eher mit Menschen, die Hilfe benötigen.
Gott gibt, was wir brauchen
Das entwertet deine Fähigkeiten überhaupt nicht. Im Gegenteil: Nimm aufmerksam wahr, was dir leichtfällt und Freude macht, wo du etwas kannst und andere durch dich profitieren. Frage andere, wo sie deine Stärken sehen. Du bist auch nicht «fertig», sondern darfst ausprobieren und einüben, wo du dich einbringen kannst.
Du musst aber dein Leben nicht anhand dieser Begabungen definieren, denn entscheidend ist, dass Gott dir alles geben wird, was du brauchst, um das zu tun, was gerade dran ist. Manchmal brauchst du dazu eine offensichtliche Begabung. Manchmal Mut, obwohl du dich eigentlich nicht mutig fühlst. Geduld, Kreativität oder einfach zwei funktionierende Hände und die Bereitschaft, sie einzusetzen. Geistesgaben sind weniger ein Anlass zur Selbstoptimierung als eine Einladung, Gott zu vertrauen.
Gaben machen uns nicht wichtiger
Ein starkes Bild, das Paulus für die Gemeinde verwendet, ist das des Körpers:
Wie verschiedene Körperteile gehören wir zusammen und ergänzen einander; keiner kann auf die anderen verzichten (1. Korinther 12).
Dieses Bild bezieht sich auf Begabungen und es ist Paulus’ Gegenentwurf zu geistlichem Wettbewerb. Es geht nicht darum, wer die beeindruckendste Gabe hat, sondern wie wir einander dienen können. Du musst dich also nicht mit anderen vergleichen. Vielleicht ist dies der entspannteste Umgang mit Geistesgaben: Du musst nicht zuerst herausfinden, wer du geistlich bist. Du kannst stattdessen anfangen, das Gute zu tun, das gerade vor dir liegt.
Gott schenkt dir Gaben. Du darfst und sollst sie gebrauchen. Aber am Ende geht es nicht darum, was dein Gabentest ergeben hat, sondern darum, was durch dein Leben bei anderen ankommt.




