Gelassenheit heisst, nicht über jedes Stöckchen zu springen

Gelassene Personen fahren nicht wegen jeder Kleinigkeit aus der Haut. Sie bleiben auch in Herausforderungen ruhig. Was steckt dahinter? Und welche Rolle kann der Glaube dabei spielen?

8.7.2026
4 min
geschrieben von
Hauke Burgarth
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Unsplash
Gelassen ist es, nicht gegen die Wellen zu kämpfen, sondern auf ihnen zu surfen

Wenn dich etwas nicht besonders berührt, kannst du hervorragend gelassen bleiben. Doch wie ist das, wenn die eigenen Kinder, die Chefin, ein Nachbar oder ein «liebes» Gemeindemitglied einen der Knöpfe drückt, auf die du empfindlich reagierst? Erinnert dich das, was dann geschieht, an Pawlow und sein Hundeexperiment? Der russische Forscher sah, dass Hunde beim Anblick von Futter zu sabbern begannen. Er läutete parallel dazu eine Glocke. Und irgendwann sabberten die Hunde schon beim Klang der Glocke, ohne dass Futter im Spiel war: klassische Konditionierung.

Reagierst du manchmal ähnlich – automatisch, reflexhaft, ohne zu überlegen? Gelassenheit ist in solchen Momenten ein Fremdwort und vielleicht denkst du: «Der andere hat mich provoziert. Ich konnte nicht anders.» Vorsicht: Du wurdest nicht provoziert, du hast dich provozieren lassen. Du bist (im Bild) über das hingehaltene Stöckchen gesprungen – und hättest dich sehr wohl anders entscheiden können.

Es geht nicht um Rückzug, sondern um Beherrschung

«Wenn ich in einer Höhle im Himalaya leben würde, könnte ich auch gelassen sein», denkst du vielleicht manchmal. Aber dann wärst du nicht gelassen, sondern verlassen …

Gelassenheit ist nur mitten in deinen Herausforderungen möglich. Sie ist weder abgestumpft noch weltflüchtig, sondern vielmehr die Lebenskunst, sich nicht von Ereignissen aus der Ruhe bringen zu lassen.

In der Bibel wird diese Eigenschaft immer wieder angesprochen, nicht zuletzt als Frucht des Heiligen Geistes im Leben gläubiger Menschen. Als «Selbstbeherrschung» unterstreicht sie dabei die beiden Komponenten, die aus christlicher Perspektive wichtig sind: zum einen wird sie als etwas beschrieben, das Gott in dir wachsen lässt, zum anderen steckt die Eigenverantwortung ja schon im Begriff. Sie geschieht also nicht ohne dein Zutun.

Solche Selbstkontrolle bedeutet kein zwanghaftes Leben, sondern im Gegenteil die Entscheidung für mehr Freiheit – weil du keinem Impuls nachgeben musst, sondern handelst, statt getrieben zu werden, Folgen siehst, statt in blinder Wut zu explodieren. Die Chancen dabei beschreibt Elke Nürnberger in ihrem Buch «Gelassenheit lernen» so: «Je mehr Möglichkeiten wir wahrnehmen, desto besonnener bleiben wir – und je gelassener wir an die Dinge herangehen, desto mehr Handlungsspielraum haben wir.»

Praktische Auswege aus der Aufreger-Gesellschaft

Klingt das gut? Aber wie lässt es sich umsetzen? Denn eines ist sehr deutlich: Aufregung ist geradezu ein gesellschaftlicher Dauerzustand geworden. Das zeigen persönliche Gespräche, die aktuellen Schlagzeilen in den Nachrichten und besonders deutlich die sozialen Medien. Der wichtigste Motor ihres Algorithmus ist nämlich die Aufregung. Nur was starke (negative) Emotionen auslöst, wird tausendfach geteilt. Diesen Algorithmus wirst du nicht ändern, aber du entscheidest, wie du reagierst – und das kannst du einüben:

  • Sieh erst mal hin: Was ist eigentlich passiert? Lohnt das die Aufregung?

  • Entscheide dich aktiv: Selbst nach einem gewollten Angriff oder einer unbeabsichtigten Provokation kannst du erst einmal durchatmen, vielleicht auch kurz hinausgehen und dich fragen, wie du reagieren willst.

  • Such die Gottes-Perspektive: Was würde Jesus wohl an deiner Stelle tun?

  • Finde persönlichen Ausgleich: Wer dauernd unter Strom steht, kann in Herausforderungen schwer gelassen reagieren. Sport, malen, Gartenarbeit und vieles mehr kann hier helfen. Was balanciert dich aus?

  • Schaue nach deinen Prioritäten: Manches wirkt nur auf den ersten Blick schrecklich. Anderes ist deine echte (aber nicht unbedingt ungezügelte) Aufregung wert.

  • Entwickle einen Notfallplan: Wenn du merkst, dass du einer Person oder Situation nicht gewachsen bist, dann darfst du dich auch zurückziehen. Das ist besser, als hinterher zu überlegen, wie sich das zerbrochene Porzellan wieder reparieren lässt.

Gelassenheit im Gebet

Der US-amerikanische Theologe Reinhold Niebuhr formulierte in den 1940er Jahren das bekannte «Gelassenheitsgebet» (mehr zur Entstehung findest du hier). Wie die Propheten des Alten Testaments suchte er darin eine gesunde Balance zwischen innerem Abstand und engagiertem Handeln. Er traf damals den Nerv seiner Zeit – und das Gebt ist noch heute weit über christliche Kreise hinaus bekannt.

«Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.»

Reinhold Niebuhr

Gelassenheitsgebet

In jedem Fall ist dies ein guter Einstieg in ein gelasseneres Leben. Darüber hinaus ist es hilfreich, dass du Gelassenheit als etwas erkennst, was bei jedem Menschen anders aussieht. Eine Phlegmatikerin ist anders gelassen als ein Choleriker. Es gibt auch keinen dauernden Zustand der Gelassenheit. Als Beziehungsbegriff entfaltet und verändert sich die Gelassenheit mit jeder Begegnung, aber sie kann natürlich wachsen – und genau das ist das Ziel.

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