Auch Ali McGraw, die diesen Satz im romantischen Klassiker «Love Story» von Erich Segal sagte, war später nicht mehr von ihrer Aussage begeistert. Echte Liebe zwischen realen Menschen und auch zu einem tatsächlichen Gott funktioniert nicht «blind». Sie ist auf Vergebung und Versöhnung angewiesen.
Seit alttestamentlichen Zeiten haben die Juden in ihrem Kalender sogar einen «Tag der Versöhnung» (3. Mose 23,26-32). Jom Kippur erinnert sie seit dem Auszug aus Ägypten und insbesondere seit dem Tanz um das goldene Kalb daran, dass ein Neuanfang mit Gott möglich und nötig ist.
Versöhnung ist ein Neuanfang
Die Gesetze der Tora regeln, wie dieser Versöhnungstag begangen werden soll: Es durfte nicht gearbeitet werden, stattdessen wurde gefastet und vieles mehr. Doch im Mittelpunkt steht bis heute, dass Gott einen Schlussstrich unter Misserfolge und Schuld zieht und seinem Volk einen Neuanfang ermöglicht.
Der 2020 verstorbene britische Oberrabbiner Jonathan Sacks erklärte die Bedeutung des Versöhnungstags folgendermassen:
«Jom Kippur ist ein Tag, nicht nur der Beichte und der Vergebung, sondern auch einer tiefen Befreiung. Sühne bedeutet, dass wir wieder anfangen können. Wir werden nicht von der Vergangenheit gefangen gehalten, von unseren Misserfolgen. Das Buch ist offen und Gott lädt uns ein, ein neues Kapitel in der Geschichte unseres Volkes zu schreiben, ein Kapitel, das einzigartig unser eigenes ist, das wir nicht selbst schreiben können, ohne offen für etwas Grösseres zu sein, als wir jemals verstehen werden. Es ist ein Tag, an dem Gott uns zur Grösse einlädt.»
Dieses Denken steckt nicht nur hinter dem jüdischen Versöhnungstag, sondern bildet die Grundlage jedes Neuanfangs mit Gott: Wir können unser Lebensbuch umblättern und eine völlig neue Seite aufschlagen.
Versöhnung gilt für mich und andere
Interessanterweise beginnt Versöhnung meist zwischen Gott und mir – bleibt aber nicht dabei stehen. Als Jesus in der Bergpredigt über den Gottesdienst spricht, zu dem auch gehört, das eigene Leben wieder mit Gott in Einklang zu bringen, fordert er seine Zuhörer auf, zuerst an andere zu denken:

«Geh zu deinem Mitmenschen und versöhne dich mit ihm. Erst danach bring Gott dein Opfer dar.»
Matthäus 5,24
HFA
Auch im bekanntesten christlichen Gebet heisst es:

«Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir denen vergeben, die an uns schuldig geworden sind.»
Matthäus 6,12
HFA
Das ist weder eine Vorbedingung noch das Kleingedruckte beim Leben mit Gott. Vielmehr ist es Ausdruck einer grossen inneren Freiheit: Wir stehen weder selbst vor unserem inneren Gerichtshof noch müssen wir andere davorstellen. Gnade heisst: Ich muss kein Urteil über mich oder andere sprechen – weder ein positives noch ein verdammendes.
Versöhnung und das Zeichen des Kreuzes
Wie kein anderes christliches Symbol steht das Kreuz für Versöhnung. Und das ist teilweise richtig. Teilweise? Ja, denn an einigen Stellen wird tatsächlich das Kreuz mit Gottes Versöhnung in Verbindung gebracht. Paulus erklärt den Korinthern deshalb deutlich:

«Ich wollte bewusst von nichts anderem sprechen als von Jesus Christus, dem Gekreuzigten.»
1. Korinther 2,2
HFA
Andererseits können wir Paulus und seinen Kollegen Petrus in der Apostelgeschichte immer wieder beim Predigen beobachten – und dabei sprechen sie kein einziges Mal vom Kreuz. So wichtig das Kreuz als Symbol für Gottes Liebe ist, die selbst vor dem Tod nicht haltmacht, so wichtig ist es auch zu erkennen, dass Gottes Versöhnung mit den Menschen nicht allein am Kreuz sichtbar wird.
Versöhnung als Geschichte
Noch einmal zurück zum jüdischen Jom Kippur. Wie an jedem der grossen Feiertage wird auch an diesem ein biblisches Buch gelesen, das die Bedeutung des Tages besonders hervorhebt. Doch was wird gelesen? Eine Definition davon, was Versöhnung bedeutet? Eine Liste mit Bedingungen dafür? Einen Hinweis auf den kommenden Christus? Nein, nichts davon. Stattdessen lesen die Juden an diesem Tag das Buch Jona, eine der bekanntesten Geschichten der Bibel.
Es ist eine Geschichte zum Lachen und zum Weinen. Für Jung und Alt, für Gläubige und weniger Gläubige.
Sie handelt von einem Menschen und seinen Erlebnissen, nicht von seiner Theologie.
Sie zeigt, dass es schon immer schwierig war, über Sünde und Vergebung zu sprechen.
Gleichzeitig macht sie deutlich, dass Umkehr gelingen kann: Menschen kehren um und erleben einen Neuanfang.
Und plötzlich ist Jona gar nicht mehr glücklich über Gottes Gnade und Versöhnung. Wie kann Gott nur den «falschen» Menschen vergeben?
Genau deshalb ist Jona die ideale Lektüre zum Thema Versöhnung. Das Buch zeigt, dass Gottes Vergebung immer grösser und umfassender ist, als ich es mir in meinen kühnsten Träumen vorstellen kann. Und trotzdem lässt Gott mich und dich davon erzählen.
Er vergibt mir. Und er vergibt dir. Und allen anderen auch.





