Wenn das Wasser bis zum Hals steht – «Gottverlassen und elend»

23.3.2017
3 min

Vielleicht wachen wir eines Morgens mit einer schrecklichen Nachricht auf. Oder wir sitzen auf einem Stapel Rechnungen mit einem leeren Konto. Vielleicht liegen Sie im Spital oder sind gerade an einem Grab gestanden. Und fühlen sich «gottverlassen».

«Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Warum bist du so weit weg, wenn ich nach Hilfe schreie?» (Die Bibel, Psalm 22, Vers 1) Sie haben versucht zu glauben. Aber die Umstände sind stärker. Sie haben gebetet – aber da oben ist nur bleiernes Schweigen. Vielleicht stehen Sie da und schreien diese Worte in den weiten, scheinbar leeren Himmel hinein. Oder Sie legen den Kopf auf die Arme und weinen einfach nur.

Klartext reden

Es gibt Augenblicke, da fühlen wir uns wirklich nicht nur von allen guten Geistern, sondern auch von Gott verlassen. Wo ist er? Warum greift er nicht ein, wenn ich ihn so nötig hätte? Schlimmer kann es gar nicht werden. Ich halte diesen Schmerz und diese Umstände nicht mehr aus.

Wenn Sie in einer solchen Situation stecken – lesen Sie ruhig einmal den ganzen Psalm 22. In der Bibel wird Klartext geredet. Wir sind nicht die ersten, denen das Wasser manchmal bis zum Hals steht. Es ist eins der grössten Zeichen für die Qualität der Bibel, dass hier Menschen Gott genau diese Dinge sagen. Es wird nichts religiös beschönigt, nicht mit frommem «Opium fürs Volk» betäubt.

Wirklich gottverlassen

Aber dann hören Sie diesen Text noch einmal. Und dieses Mal von einem geschrien, der vor 2000 Jahren wirklich gottverlassen und einsam an einem Kreuz hing – nackt, zerschlagen und blutig. Vor allem aber mit dem allergrössten Schmerz, der schlimmer war als alle körperlichen Wunden. «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?», rief Jesus in tiefster Verzweiflung aus. Er wusste: Gott, sein Vater, hatte ihm den Rücken zugekehrt, und er musste ganz allein sterben.

Gott – auseinandergerissen

Warum wurde Gott hier auseinandergerissen, warum erlebte dieser Jesus, dass sein Vater ihm den Rücken zukehrte? Weil in diesem Moment die Schuld der ganzen Welt auf Jesus lag. Weil in diesen Stunden der grösste Sünder, Mörder, Ehebrecher, Lügner dort am Kreuz hing. Ein Verbrecher unter Verbrechern. «Gott legte unser aller Schuld auf ihn», heisst es im Alten Testament, und im Neuen sogar: «Er wurde für uns zur Sünde gemacht». Die personifizierte Sünde hing da am Kreuz – deshalb musste der Vater sich abwenden. Und als Jesus starb, wurde diese Sünde, die Schuld der ganzen Welt, verurteilt, gerichtet, getötet. 

Aber genau darum werden die Menschen, die sich auf Jesus verlassen, nie wirklich Gott-verlassen sein, auch wenn wir uns manchmal so fühlen. Denn der Kern der christlichen Botschaft ist ein «seliger Tausch» (Martin Luther): Jesus nahm unsere Sünde auf sich und gab uns dafür seine «Gerechtigkeit», seine Vollkommenheit.

Wenn Sie das heute im Glauben packen, dann war diese Rettungsaktion von Jesus für Sie nicht umsonst.

Er ist herübergekommen

Wenn wir uns von Gott verlassen fühlen, haben wir mindestens einen auf unserer Seite. Denn Jesus ist in die tiefste Verzweiflung gegangen, mitten in die Gottverlassenheit. Darum weiss er, wie wir uns fühlen. Das ist ja das Rätsel und das Wunder des Evangeliums: Gott ist nicht einfach drüben, auf der sicheren Seite, und schaut zu, wie wir hier leiden, sondern er ist herübergekommen, ist jetzt bei uns. Auch wenn wir ihn nicht spüren – er ist da.

Tatsache ist darum: Weil Jesus Gott-verlassen war, werden wir von Gott nie vergessen werden.

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