Hat die Wissenschaft den Glauben abgeschafft?

Vielleicht hast du schon einmal einen Satz gehört wie: «Ich glaube nicht an Gott, weil ich der Wissenschaft vertraue», oder etwas Ähnliches, das aussagen soll: Entweder glaubst du an Gott oder du vertraust der Wissenschaft, beides gleichzeitig geht nicht.

29.7.2026
5 min
geschrieben von
Michael Trottmann
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Die Wissenschaft erklärt, wie etwas funktioniert, aber nicht, welchem Zweck es dient

Über viele Jahre hat sich in unserer Gesellschaft die Ansicht verbreitet, dass sich Wissenschaft und Glaube grundsätzlich widersprechen.

Gerade in der Zeit des sogenannten «New Atheist Movement», das unter anderem durch die Anschläge vom 11. September 2001 in den 2000er- und 2010er Jahren grosse Bekanntheit erlangte, war diese Ansicht weit verbreitet. Spricht man mit Atheisten, ist für viele klar: Sie glauben nicht an Gott, weil naturwissenschaftliche Erklärungen für die Welt den Glauben an Gott überflüssig gemacht hätten.

Schaut man sich diese Annahme jedoch genauer an, merkt man schnell, dass sie nicht auf einem besonders starken Fundament steht.

Eine gemeinsame Geschichte

Wissenschaft und das Christentum haben im Westen eine eng miteinander verbundene Geschichte. Was die griechischen Philosophen über die Welt erforscht hatten, wurde nach dem Fall des Römischen Reiches in den Klöstern bewahrt und weiterentwickelt. Ab dem 12. Jahrhundert, also im Hochmittelalter, entstanden aus Kloster- und kirchlichen Schulen berühmte Universitäten wie Oxford, Cambridge oder Bologna.

Der christliche Glaube stand also nicht im Gegensatz zur Wissenschaft, sondern hat ihre Entwicklung bewusst gefördert. Die moderne Naturwissenschaft entwickelte sich insbesondere im christlichen Europa. Bekannte Wissenschaftler forschten nicht trotz ihres Glaubens, sondern gerade weil sie von einem rationalen Gott ausgingen, der eine geordnete und erforschbare Welt geschaffen hat.

Dazu gehören Wissenschaftler wie:

  • Galileo Galilei, der das heliozentrische Weltbild bestätigte (also dass sich die Planeten um die Sonne bewegen)

  • Blaise Pascal, der unter anderem die Grundlagen der Hydrodynamik legte

  • Sir Isaac Newton, der die Grundlagen der klassischen Physik schuf.

Sie waren überzeugt, dass Glaube und Wissenschaft sich nicht widersprechen, sondern ergänzen.

Auch heute sind viele renommierte Wissenschaftler wie z.B. Francis Collins (Leiter des Human Genome Project) gläubige Christen und sehen darin keinen Konflikt.

Dass ein Wissenschaftler an Gott glaubt, beweist natürlich nicht, dass Gott existiert. Es zeigt aber, dass der eigentliche Konflikt nicht zwischen Glaube und Wissenschaft liegt. Vielmehr ist es ein Konflikt zwischen Weltanschauungen.

Philosophischer Naturalismus vs. Theismus

Da es durchaus Atheisten gibt, die keinen grundsätzlichen Konflikt zwischen Wissenschaft und Gottesglauben sehen, muss dieser eher innerhalb einer konkreteren Weltanschauung des Atheismus gesucht werden, nämlich im Naturalismus.

Der philosophische Naturalismus geht davon aus, dass es keine übernatürliche Wirklichkeit gibt und dass sich letztlich alles durch natürliche Prozesse erklären lässt. Deshalb wird die Naturwissenschaft als der einzige zuverlässige Weg angesehen, um Wahrheit über die Welt zu erkennen. Diese Sichtweise war besonders während des New Atheist Movement weit verbreitet und prägte dadurch die öffentliche Wahrnehmung der Beziehung zwischen Glaube und Wissenschaft stark.

Den Glauben an Gott würden Vertreter dieser Sichtweise eher mit dem Glauben an Märchen oder Ähnliches vergleichen. So sagte der Astrophysiker Stephen Hawking 2011 in einem Interview mit The Guardian: «Religion is a fairy story for people afraid of the dark.» (dt. Religion ist ein Märchen für Menschen, die Angst vor der Dunkelheit haben.) Hawking brachte damit zum Ausdruck, dass Glaube vor allem ein Mechanismus sei, um mit der Angst vor dem Tod oder mit Leid umzugehen.

Die Frage nach Sinn und Zweck

Bereits die Grundannahme, dass allein die Naturwissenschaft den Weg zur Wahrheit zeigt, wirft jedoch Fragen auf. Denn diese Aussage selbst ist keine naturwissenschaftliche, sondern eine philosophische Aussage. Nach ihren eigenen Massstäben kann sie deshalb nicht naturwissenschaftlich bewiesen werden. Zudem stösst die Naturwissenschaft in vielen Bereichen an ihre Grenzen.

John Lennox, Professor für Mathematik in Oxford, veranschaulicht dies anhand eines einfachen Beispiels:

Auf die Frage «Warum kocht Wasser?» würde ein Physiker antworten: «Das Wasser kocht, weil Wärmeenergie von der Herdplatte auf den Kessel übertragen wird. Die Wassermoleküle geraten dadurch in Bewegung und die Temperatur steigt.» John Lennox würde hingegen antworten: «Das Wasser kocht, weil ich Tee trinken möchte.»

Naturwissenschaft kann uns also erklären, wie etwas funktioniert. Sie beantwortet jedoch nicht unbedingt die Frage, warum etwas geschieht oder welchem Zweck es dient.

Auch viele grundlegende Fragen des Lebens kann die Naturwissenschaft nicht beantworten – vor allem deshalb, weil es sich dabei gar nicht um naturwissenschaftliche Fragen handelt.

Dazu gehören zum Beispiel:

  • Weshalb gibt es mich?

  • Was ist der Sinn des Lebens?

  • Was ist gut und was ist böse?

  • Weshalb sollte man moralisch handeln?

  • Was kommt nach dem Tod?

Um solche Fragen zu beantworten, kommt auch ein Naturwissenschaftler nicht ohne philosophische Überlegungen aus. Das beweist zwar nicht, dass es einen Gott gibt, zeigt aber deutlich, dass die Naturwissenschaft nicht der einzige Weg sein kann, Wahrheit zu erkennen.

Gegenseitige Bereicherung

Auch der Glaube an Gott hat seine Grenzen. Viele naturwissenschaftliche Errungenschaften unserer Zeit wurden nur durch jahrelange Forschung und aufwendige wissenschaftliche Arbeit möglich. Diese als Christ grundsätzlich abzulehnen, wäre wenig vernünftig. Andernfalls müsste man einen grossen Teil des medizinischen und technologischen Fortschritts der letzten 2000 Jahre ablehnen und selbst das Lesen dieses Artikels wäre ohne naturwissenschaftlichen Fortschritt kaum möglich.

Zudem würde uns dadurch eine enorme Menge an Wissen über die wunderbare Schöpfung Gottes verloren gehen, das uns immer wieder zum Staunen bringen kann.

Wir kommen also zum Schluss, dass die Wissenschaft den Glauben nicht abgeschafft hat. Vielmehr zeigt die Geschichte, dass Wissenschaft und Glaube einander über Jahrhunderte hinweg bereichert haben. Die Wissenschaft hilft uns zu verstehen, wie die Welt funktioniert, während der Glaube Antworten auf die Fragen nach Sinn, Moral und dem Ursprung von allem gibt. Beides muss sich deshalb nicht ausschliessen.

Wer tiefer darauf eingehen möchte, weshalb der christliche Glaube auch rational gut begründet werden kann, dem empfehle ich die weiteren Artikel auf dieser Webseite oder die Bücher der folgenden Autoren:

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