Zunächst einmal muss man sagen, dass Sklaverei lange als normal galt. Mehr noch, sie schien gottgewollt. Hatte nicht Noah schon zu Beginn der Bibel ausgerufen: «Verflucht sei Kanaan! Er soll für seine Brüder der niedrigste aller Knechte sein!» (1. Mose Kapitel 9, Vers 5; HFA)
Mit Aussagen wie diesen untermauerte man jahrhundertelang die Normalität von Sklaverei. Sie war gesellschaftlich legitim, ausserdem hielt man sie wirtschaftlich für notwendig. Heute erscheint diese Haltung unvorstellbar, doch es dauerte lange, bis Menschen die tatsächliche biblische Grundlage anerkannten: Kein Mensch darf das Eigentum eines anderen sein. Jeder Mensch ist «als Gottes Ebenbild» (1. Mose, Kapitel 1, Vers 27; HFA) geschaffen und besitzt deshalb eine unveräusserliche Würde.
Wer Menschen ausbeutet, verletzt damit nicht nur irgendeine menschliche Regel. Er tastet etwas an, das Gott selbst kostbar nennt.
Veraltet, verboten und trotzdem Realität
Längst ist Menschenhandel in den meisten Staaten der Welt verboten. Das deutsche Bundeskriminalamt bezeichnet ihn als «schwere Menschenrechtsverletzung». Dabei existiert er nicht nur in afrikanischen Stammeskulturen, sondern mitten in unserer Gesellschaft: als Zwangsprostitution, Arbeitsausbeutung oder Ausbeutung beim Betteln, als erpresste Straftat oder Zwangsheirat. Die Täterinnen und Täter nutzen persönliche Notlagen, Abhängigkeiten, Armut oder auch einen unsicheren Aufenthaltsstatus aus.
Das macht Menschenhandel so schwer erkennbar, denn all das funktioniert ohne Ring um den Hals oder Fussfesseln. Als «Fessel» dient manchmal ein Schuldenberg, Gewaltandrohung oder ein einbehaltener Pass. Es kann eine angeblich lukrative Anstellung sein, die sich als Falle entpuppt. Oder die Angst, alles zu verlieren, wenn man geht. Niemand kann all diese Zusammenhänge im Blick haben, doch:
Menschenhandel zu bekämpfen, beginnt mit dem Hinschauen.
In Deutschland ist von mehreren hundert Fällen pro Jahr die Rede. Dasselbe gilt für die Schweiz, wobei jede Analyse feststellt: «Dunkelziffer wohl höher» (Watson.ch). Wenn du Menschenhandel erkennen möchtest, hilft es zunächst einmal, dass du dich informierst.
Das Netzwerk «Gemeinsam gegen Menschenhandel» bietet beispielsweise viele Informationen und gleichzeitig Kontakt zu den zahlreichen Mitgliedsorganisationen. Mit solchem Hintergrundwissen gewinnst du neue Einsichten, wenn es um Arbeitsbedingungen geht, um die Herkunft von Produkten, den scheinbar freiwilligen Einsatz von Menschen und den grossen Dunkelbereich der Zwangsprostitution. Nicht alles, was du siehst, ist kriminell, aber es hilft zu fragen: «Was geschieht hier eigentlich – und was sehe ich vielleicht nicht?»
Der zweite Schritt ist, darüber zu reden
Was nicht ausgesprochen wird, bleibt unsichtbar. Deshalb können Einzelne und auch Gemeinden oder andere Gruppen dazu beitragen, dass Menschenhandel nicht nur ein Thema für die Polizei, die Hilfsorganisationen oder eine jährliche Statistik bleibt. Wenn du dich informiert hast, dann sprich mit anderen darüber, wo du moderne Sklaverei wahrnimmst und wie sie funktioniert. Mach sie zum Thema, denn sie nutzt das Schweigen aus, um weiter zu wachsen.
Drittens ist langer Atem nötig
Wenn es um konkretes Handeln oder das Anbieten von Hilfe geht, ist zunächst einmal Weisheit nötig. Bei Menschenhandel geht es um viel Geld. Die «Internationale Arbeitsorganisation» (ILO) spricht von rund 236 Milliarden US-Dollar im Jahr, die mit Menschenhandel verdient werden. Das lässt sich niemand einfach wegnehmen. Dazu kommt, dass es oft erschreckend lange dauert, Verantwortliche in Politik und Gesellschaft zu überzeugen – und nicht zuletzt manchmal die Betroffenen.
Ein typisches Beispiel für den notwendigen langen Atem ist der britische Politiker William Wilberforce, der als Christ permanent für die Abschaffung des Sklavenhandels kämpfte. 18 Jahre lang brachte er immer wieder Anträge dazu ein und war schliesslich im Juli 1833 erfolgreich – drei Tage vor seinem Tod. Gesellschaftliche Veränderungen geschehen weder von selbst, noch kommen sie über Nacht. Sie beginnen meist mit einzelnen Menschen, die Unrecht nicht länger hinnehmen.
Engagement für Menschen
Wilberforce ist ein gutes Beispiel für christliches Engagement. Zu jeder Zeit haben sich gläubige Menschen auch gesellschaftlich engagiert – gerade, wenn es um biblische Grundwerte wie Lebensrecht und Menschenwürde ging. Zurzeit sind zwar einige Kirchen und Gemeinden mit im Boot und tun etwas gegen Menschenhandel.
Dabei sollte nicht vergessen gehen, dass das Leben genauso wertvoll und schutzbedürftig bleibt, wenn ein Mensch zur Welt gekommen ist. Dieselbe Überzeugung, mit der sich Christen für das ungeborene Leben einsetzen, muss auch für das Kind gelten, das zur Arbeit gezwungen wird. Für die Frau, die als Zwangsprostituierte ausgebeutet wird. Für den Migranten, der unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeitet. Für alle Menschen, die durch Schulden, Gewalt oder Abhängigkeiten ihrer Freiheit beraubt werden. Wenn jeder Mensch Gottes Ebenbild ist, kann uns keiner davon egal sein.


