Menschensohn

10.12.2009
2 min

Menschensohn war eine Bezeichnung des erwarteten Erlösers

Menschensohn bedeutet im Aramäischen »der Mensch«. Jesus nennt sich den Menschen und nimmt damit Bezug auf eine damals allbekannte Stelle im Propheten Daniel (7,13): »Es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn.«

Von »dem Menschen« ist auch in zwei apokryphen Büchern der letzten vorchristlichen Jahrhunderte die Rede. Gemeint ist damit überall der Messias. Mit diesem Namen verband sich eine besondere Erlösererwartung. Die herrschende Messiaserwartung schaute nach dem Feldherrn aus, der die Römer in siegreicher Feldschlacht schlagen würde, dem Davidssohn, dem Nationalhelden.

In kleinen, stillen Kreisen lebte eine andere Erwartung. Hier knüpfte man an Daniel 7,13 und das Kapitel vom leidenden Gottesknecht Jesaja 53 an und erwartete den Welterlöser. In diesen Kreisen nannte man den Erlöser den »Gottesknecht« und den »Menschensohn«.

Der neue Mensch bringt den neuen Äon

Wie Adam - auch dieses Wort heisst Mensch - am Beginn dieses Weltlaufs als erster Mensch steht, so steht der Erlöser »Mensch«, der Mensch schlechthin, am Beginn des neuen Äons.

Am klarsten hat Paulus diesen Gedanken zum Ausdruck gebracht, wenn er den einen Menschen, durch den die Sünde in die Welt kam, und den einen Menschen, durch den die Gnade in die Welt kam (Röm. 5,12-21), Adam und Christus (1. Kor. 15,22), den ersten und den letzten Adam (1. Kor. 15,45. 46), den ersten und den zweiten Menschen (1. Kor. 15,47), einander gegenüberstellt.

Wir haben daher sinngemäss die Selbstbezeichnung Jesu, die die Lutherbibel mit Menschensohn übersetzt, wiederzugeben mit: der neue Mensch, Jesus Christus.

Menschensohn ist zugleich eine Hoheitsbezeichnung Jesu

Wenn Jesus diese messianische Bezeichnung auf sich anwendet und sich als den neuen Menschen bezeichnet, so lehnt er damit alle national-politischen Erwartungen ab, die an den Davidssohn geknüpft waren, und bezeichnet sich - in absichtlich zugleich offenbarender und verhüllender Weise - als den Welterneuerer, den Anfänger der neuen Schöpfung Gottes, der in Verborgenheit und Niedrigkeit durch Leiden hindurch zur Herrlichkeit eingeht und den neuen Äon herbeiführt.

»Menschensohn« ist also nicht nur eine Niedrigkeits-, sondern auch eine Hoheitsbezeichnung Jesu. Das bekannte Wort aus dem Lukasevangelium (9,58) wäre dem Sinn nach so wiederzugeben: »Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester - aber der Welterneuerer hat nicht, da er sein Haupt hinlege« (nach Joachim Jeremias, »Jesus als Weltvollender«).

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